Wörter wie Rossäpfel sammeln

Seine grosse Leidenschaft gehört der amerikanischen Avantgarde-Literatur. Florian Vetsch hat zahlreiche Übersetzungen gemacht und schreibt auch eigene Essays und Lyrik. In St. Gallen ist er als Sprach- und Kulturvermittler aktiv.

Brigitte Schmid-Gugler
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Florian Vetsch, passionierter Sprach- und Kulturvermittler, unter goldenem Baldachin. (Bild: Urs Jaudas)

Florian Vetsch, passionierter Sprach- und Kulturvermittler, unter goldenem Baldachin. (Bild: Urs Jaudas)

Gigelen könnte man das nennen, was bisweilen ganz plötzlich und heftig aus ihm heraustroolet. Und das einzige «Lehrerhafte» an ihm ist die Spitze seines Zeigefinger, die – wie sein Lachen – bisweilen auch ganz plötzlich und heftig auf den Tisch trommelt. Doch was bei Muttern als das unmissverständliche Unterstreichen eines Befehls zu deuten war, lässt einen hier grad nochmals genauer hinhören. Mit seinem Klopfen, es ist kein apodiktisches, doch sehr wohl ein vehementes, will er einem die Wichtigkeit des Gesagten mit kleinen Hammerschlägen ins eigene Bewusstsein trümelen.

Ehre, wem Ehre gebührt

Es ist sein freier Morgen, und Florian Vetsch hat Zeit. Kommt eher selten vor, denn die Zeit ist knapp bei einem wie ihm. Er ist ein Draufgänger der Sprache, ein Schürfer ihrer Welthaltigkeit, ein Wegsäumer ihres Klangs. Er schrieb als Kind erste eigene Texte – doch davon später. Erst will man dem Echo dieses Fingertrommelns nachhorchen. Da fiel der Name Carl Weissner, dieses «unermüdlichen Agenten der literarischen Alternative», wie Florian Vetsch ihn nennt. Der Übersetzer und Autor Carl Weissner starb am 24. Januar 2012. Ein Jahr später widmet ihm sein grosser Fan einen Abend im Palace. Zusätzlich wird die Märznummer der «Rote-Fabrik-Zeitung» Carl Weissner gewidmet sein – die Herausgeber heissen Florian Vetsch und Gregor Huber.

Man habe ihn und sein unnachahmliches Übersetzertalent nach seinem Tod nicht genügend gewürdigt in den Schweizer Medien, bedauert Florian Vetsch. Carl Weissner hatte seit den 60er-Jahren avantgardistische Literatur, darunter auch eigene Prosa und Lyrik, herausgegeben und gehörte zu den gefragtesten Übersetzern von US-amerikanischer Underground-Literatur. «Er beherrschte die Form der lebendigen Direktheit, seine deutschsprachigen Übersetzungen wirkten nie hölzern» , sagt Vetsch; er kannte Carl Weissner persönlich und erwähnte ihn in mehreren von ihm verfassten Anthologien – und auch in jenem legendären Band «Tanger Telegramm» (2004), von dem er erst befürchtete, es werde der Ruin des Verlegers Rico Bilger sein. Als dann aber während jenes denkwürdigen Literaturclubs im Schweizer Fernsehen (heute SRF) mit der «Carte Blanche» gleich zwei Literaturkritiker Vetschs «Tanger Telegramm» hochhielten, war der Bann gebrochen. Das Werk ist heute vergriffen.

Tanger ist für den aus dem Rheintal Stammenden bis heute Magie. Florian Vetsch reist seit den frühen 90er-Jahren regelmässig in die marokkanische Stadt. Als erster hatte ihn der Schriftsteller Paul Bowles eingeladen, der schon seit 1947 in Tanger lebte. Vetsch hatte den amerikanischen Schriftsteller-Guru kontaktiert, nachdem er mehrere seiner Texte übersetzt hatte. Zwischen den beiden Männern entstand eine langjährige Freundschaft, Florian Vetsch ging in Paul Bowles Privathaus und in dem berühmten «Salon», der Literaten und Künstler aus der ganzen Welt anzog, ein und aus.

Schreiben als Trost

Als Paul Bowles 1999 starb, konnte Vetsch bereits eine beachtliche Zahl von eigenen Übersetzungen nicht nur von Bowles, sondern auch von anderen Autoren der Beatliteratur, wie Ira Cohen oder Allen Ginsberg, vorweisen.

Der Sohn des früheren Politikers gleichen Namens – der Vater starb im Alter von 51 Jahren während eines Parlamentarierskirennens an einem Herzinfarkt – hatte die Sprache mit Wörtern wie Rossäpfel gelernt. Noch heute kostet er die Silben aus, als ob er über die Wiesen von Buchs ginge, wo er mit Bruder und Schwester aufwuchs. Die Familie zog nach St. Gallen, als der Vater in die Regierung wechselte. Mag sein, dass dem Buben die Sprache half, den schweren Verlust zu überwinden: Florian der II las, was ihm vor die Nase kam, und schrieb auf, was ihm auf der Zunge lag.

Dann ging er an die Kanti und später nach Zürich, studierte Germanistik und Philosophie und dissertierte über Heidegger. Er wurde Kantonsschullehrer an der Kanti am Burggraben, und er ist es heute noch mit – offensichtlich – viel Enthusiasmus. Es sei falsch zu glauben – und jetzt trümelet es wieder –, junge Menschen hätten kein Flair mehr für die Sprache. In seinen Klassen würden engagiert Texte diskutiert, zerpflückt und auch selber geschrieben. Einige seiner Schüler nehmen an der Philosophie-Olympiade teil; andere sind bereits in einem Germanistikstudium – darunter solche mit literarischen Ambitionen und, wie Florian Vetsch betont, «mit grossem Talent».

Morgen Mittwoch, «Ein Toast auf Carl Weissner», mit Florian Vetsch und der (Tatort-) Schauspielerin Anna Böger, Palace, 20.30 Uhr

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