Wochenkommentar
Warum es Ameti härter trifft als andere – und wieso sie dennoch politisch überleben könnte

Die grünliberale Politikerin Sanija Ameti schoss auf ein Abbild von Jesus und Maria. Alle waren empört. Nun solidarisiert sich ihre Basis wieder hinter ihr. Was ist genau passiert? Eine Analyse zur Kunst der politischen Provokation.

Raffael Schuppisser 46 Kommentare
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Sanija Ameti: die Frau, die auf das Abbild von Jesus und Maria geschossen hat.

Sanija Ameti: die Frau, die auf das Abbild von Jesus und Maria geschossen hat.

Bild: Britta Gut

Längst hat Sanija Ameti die Fotos wieder gelöscht. Doch weg sind sie damit nicht: Maria mit dem Jesuskind im Arm, durchsiebt von Kugeln, Schützin Ameti mit gezückter Luftpistole – die Bilder haben sich ins Internet eingebrannt. Auf Dutzenden Websites sind sie zu sehen. Tausende Kommentare haben sie generiert.

Zuerst das Entsetzen: Wie kann man nur? Was hat sie sich dabei gedacht?

Dann die Folgen: Ausschluss von der Parteileitung der Zürcher Grünliberalen. Entlassung als Kommunikationsberaterin bei der Agentur Farner. Politische und berufliche Karriere futsch.

Dann die Reflexion: Ist das nicht etwas hart? Sie hat sich ja entschuldigt. Religiöse Gefühle verletzt, gewiss, aber niemandem direkt geschadet – ausser sich selbst. Ameti ist Täterin und Opfer zugleich.

Dass die 32-Jährige Co-Präsidentin der Operation Libero für ihren Fehler so hart bestraft wird, erklären einige damit, dass sie eine Frau ist. So sagt etwa die Zürcher Professorin Dina Pomeranz gegenüber SRF: «Fehler von Frauen werden anders beurteilt.» Andere verweisen auf ihren Migrationshintergrund. Und nochmals andere darauf, dass rechte Politiker wie etwa der SVP-Nationalrat Andreas Glarner für ihre Provokationen nie auf diese Weise büssen mussten. So schreibt etwa der Sozialwissenschafter Marko Kovic, dass die «Mechanismen der Skandalisierung» bei Linken und Rechten ungleich seien.

Doch der Grund liegt weder in der Partei- noch in der Geschlechterzugehörigkeit, sondern darin, dass Ametis Provokation ein Totalversagen war. Eine politische Provokation ist ein Kommunikationsvorgang, der mit einer Grenzüberschreitung bei Gegnern Empörung und bei Gleichgesinnten Zuspruch auslöst. Dafür braucht es eine Botschaft, die verstanden wird und die beide Seiten spaltet.

Bei Ameti war die Grenzüberschreitung maximal. Es wurde nicht nur ein religiöses Symbol verhunzt, sondern auf ein Abbild von Menschen geschossen. Darüber hinaus dürfte auch der Sender der Provokation dafür gesorgt haben, dass der Shitstorm dermassen hart ausfiel. Ameti ist eine Person, die andere gerne und geradlinig auf ihre moralischen Verfehlungen aufmerksam macht: Moralische Überlegenheit wird dann zum Boomerang, wenn man sich selbst Fehltritte leistet.

Doch was war die Botschaft? Auf was zielte Ameti, als sie das Abbild von Jesus und Maria ins Visier nahm? War es bloss Provokation um der Provokation willen? Das Heischen um mehr Follower? Wenn es überhaupt eine Botschaft gab, so wurde sie von ihrer eigenen Basis nicht verstanden. Unterstützer gab es keine, alle waren empört.

Anders die Provokation von Andreas Glarner, als er 2019 die Telefonnummer einer Primarlehrerin ins Internet stellte, die Schüler bei der Ausübung des Ramadans unterstützte, und dazu aufrief, ihr die Meinung zu sagen. Die Botschaft wurde von seiner Basis unmittelbar verstanden: Linke Lehrer fördern in der Schweiz die islamische Kultur. Die Partei hatte keinen Grund, sich von ihm abzuwenden. Auch dann nicht, als klar wurde, dass die Lehrerin so stark unter der Aktion litt, dass sie ihren Beruf zeitweise nicht mehr ausüben konnte.

Natürlich aber spielen auch die Medien und insbesondere die sozialen Medien – der Kanal, über den die Provokation verbreitet wurde – eine wichtige Rolle. Ein böser Post ist schnell abgesetzt und verbreitet sich noch schneller, da polarisierende Nachrichten und Hassposts von den Algorithmen prioritär behandelt werden.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit im Internet führt aber auch dazu, dass traditionelle Medien rasch auf die Geschichte eines solchen Falls aufspringen. Am Montagnachmittag nahm die Berichterstattung an Tempo auf – gewiss wurde hie und da überbordet. Die traditionellen Medien als blosse Brandbeschleuniger zu sehen, wäre aber falsch. Mit ihrer Berichterstattung brachten sie auch mehr Reflexion, Recherche und Tiefe in die Debatte.

Nach der Empörungswelle beginnt die Aufarbeitung: Mehr und mehr Weggefährten sozialisieren sich mit Ameti. Dazu tragen auch die Gegner der grünliberalen Politikerin bei, mit ihren eigenen grenzüberschreitenden Botschaften – die das durchmischte Lager der Empörten wieder teilen. Je rassistischer, sexistischer und derber sie Ameti angehen, desto stärker kann sich ihre linksliberale Basis wieder hinter sie stellen. Und eine politische Rehabilitierung wird denkbar. Denn nun geht es nicht mehr um die Schüsse auf die Abbilder von Maria und Jesus. Jetzt geht es um die «Hexenjagd» des rechten Internetmobs.

46 Kommentare
Willi Anner

Der Schlusssatz des Artikels „Jetzt geht es um eine „Hexenjagd“ des rechten Internetmobs“ ist völlig daneben! Diese Frau hat wie sie es zu Beginn des Artikels richtig darstellen eine immense Grenzüberschreitung vollzogen! Was diese Frau mit dieser Handlung aussagen wollte ist vielen bewusst geworden! All jene Menschen die  ihren Ärger kundtun als „rechten  Mob“ zu bezeichnen sollte besser überdacht werden! 

Edgard Lienhart

Frau Ameti hat nicht nur auf ein religiöses Bild geschossen, es war auch eine Mutter mit Kind. Eine Partei, die sich hinter diese Schützin stellt, ist für mich ab sofort nicht mehr wählbar... Edgard Lienhart