Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Auswanderergeschichten im Museum: Wo die Schweiz mehr als ein Zuhause ist

760000 Schweizer Staatsbürger leben nicht auf Schweizer Boden. Warum wandert man aus einem der wohlhabendsten Länder der Welt aus? Eine Erkundung im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz.
Flavia Bonanomi
Der Appenzeller Karl Krüsi wanderte 1874 nach Sumatra aus, um auf der Tabakplantage des Cousins zu arbeiten. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Der Appenzeller Karl Krüsi wanderte 1874 nach Sumatra aus, um auf der Tabakplantage des Cousins zu arbeiten. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

«Grüezi. Bonjour. Buongiorno. Allegra.» Auf der Website von Schweiz Tourismus werden die Lesenden in allen vier Landessprachen angesprochen – mit Bildern von malerischen Städtchen, aufregenden Berglandschaften und traumhaften Wanderausblicken. Ein Land, viel zu schön, um es zu verlassen, könnte man meinen. Zumal die Einheimischen auch noch so zufrieden sind. Zumindest, wenn man einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahre 2017 glauben schenkt. Auf einer Skala von 0 (gar nicht zufrieden) bis 10 (vollumfänglich zufrieden) lag die Zufriedenheit mit dem jetzigen Leben bei 8, kein Bereich zeigt im Durchschnitt weniger als eine 7. Die Schweizerinnen und Schweizer sind zufrieden mit ihrem Leben und ihrer Situation.

Besucher anlaesslich einer Medienfuehrung am Donnerstag, 11. April 2019. (Foto: KEYSTONE/Urs Flueeler)

Besucher anlaesslich einer Medienfuehrung am Donnerstag, 11. April 2019. (Foto: KEYSTONE/Urs Flueeler)

11 Prozent der Schweizer leben im Ausland

Dennoch verlassen immer wieder viele Schweizer ihr Land. Die Auslandschweizer-Organisation ASO beruft sich ebenfalls auf Zahlen des BFS, wenn sie angibt, dass Ende 2018 mehr als 760000 Schweizer nicht innerhalb der Landesgrenzen wohnten. Das macht 11 Prozent der Schweizer Bürgerinnen und Bürger aus. Oder, anders gesagt: Die Gemeinschaft der Auslandschweizer ist, gemessen an der Einwohnerzahl, der viertgrösste Kanton der Schweiz nach den Kantonen Zürich (1,5 Millionen), Bern (1 Million) und Waadt (800000).

Unzufriedenheit als Auswanderungsgrund?

Für Pia Schubiger vom Schweizer Landesmuseum in Schwyz ist klar: Schon sehr früh wanderten Schweizerinnen und Schweizer aus, und die Gründe dafür waren und sind mannigfaltig. In der zurzeit laufenden Ausstellung zum Thema sind die Geschichten über Plantagenbesitzer, Wohltäterinnen und Brückenbauer beschrieben. Sie erzählen von Not, Abenteuerlust und Leid und Freud in einem neuen Zuhause. «Diese Leute gingen zum Teil ganz einfach, weil sie hier nicht mehr leben konnten; andere hofften auf eine bessere oder andere Ausbildung, wieder andere zog das Abenteuer an. Und es gab auch immer jene, die wieder nach Hause kamen», sagt Schubiger dazu.

Von Luzern nach Istanbul

Einige zogen selbstständig los, anderen wurde von Freunden oder Familienmitgliedern aus der Fremde vorgeschwärmt; und wieder andere folgten einem Jobangebot aus der Zeitung. Da war zum Beispiel Jakob Müller aus Luzern: Von der Nordostbahn wechselte der Innerschweizer 1877 zur Orientbahn in Konstantinopel und wurde in seiner Tätigkeit als Direktor derselben mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt; die Medaillen und ein Plakat des Orient-Express sind im Museum in Schwyz ausgestellt.

Einsiedler und Umsiedler

Doch nicht alle gezeigten Auswanderergeschichten sind historisch: Auf Tablets, die im ganzen Ausstellungsraum verteilt sind, können Geschichten von hier und jetzt verfolgt werden, zum Beispiel jene über eine Bernerin namens Eva Hefti, die nach Neuseeland auswanderte, ohne je zuvor dort gewesen zu sein, oder von der Tessiner Fotografin Daisy Gilardini, die es nach Kanada zog. Auch aus der Ostschweiz gibt es eine besonders eindrückliche Geschichte, die zeigt, dass Auswanderung keine Frage des 18. und 19. Jahrhunderts war: Das Projekt «Einsiedeln anderswo» trägt die Geschichten von mehreren tausend Einsiedlern zusammen, die in den 1950er-Jahren die Schweiz in Richtung Amerika verliessen, und was danach geschehen ist. Bis heute wirkt die Auswandererwelle nach: in Louisville, Kentucky, lebten 2015 Hunderte von Familien mit Nachnamen Fuchs, Zehnder oder Kälin.

Der Gründer des Hotels Ritz war ein Schweizer Kellner

Sowohl früher wie auch heute sind die Gründe für eine Auswanderung vielgestaltig: Die einen gingen mit der Absicht zu missionieren, die anderen in der Hoffnung auf ein Abenteuer – wie Olympe Rittener, die 1883 nach Sibirien auswanderte, um Französisch zu unterrichten. Die einen scheiterten oder erkannten das Elend im vermeintlichen Paradies und kamen zurück, wie zum Beispiel Thomas Davatz: Er kehrte 1857 nach zwei Jahren aus Brasilien ins Bündnerland zurück. Ein anderer zog eine Hotelkette auf: Der Walliser Cäsar Ritz, der 1867 in Paris zu kellnern begann und sich langsam zum Direktor hocharbeitete. Sowohl damals wie heute rief die Leute die Lust auf etwas Neues und Unbekanntes, andere waren sicher, im Ausland bessere Chancen auf ein gutes Leben zu haben.

Besucher anlaesslich einer Medienfuehrung zur neusten Ausstellung "Auf in eine neue Welt - Die Schweiz anderswo" ueber die Geschichte der Schweizer Auswanderer im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz am Donnerstag, 11. April 2019. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Besucher anlaesslich einer Medienfuehrung zur neusten Ausstellung "Auf in eine neue Welt - Die Schweiz anderswo" ueber die Geschichte der Schweizer Auswanderer im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz am Donnerstag, 11. April 2019. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Die grösste 1. August-Feier findet in Kanada statt

Und etwas anderes fällt noch auf: Tatsache ist, dass die grösste 1.-August-Feier der Welt in Kanada stattfindet und nicht im Appenzellerland, oder dass die Landwirtschaftskolonie Baradero in Argentinien 1856 von Schweizern und nicht von Südamerikanern gegründet wurde; dies und andere Beispiele zeigt, dass die Schweizer, die im Ausland ein neues Zuhause gefunden haben, nicht weniger mit ihrer Heimat verbunden sind als eine Bauernfamilie aus dem Berner Oberland – sondern vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.