Wo der Thurgau nach Tamangur klingt

Als Bub kannte ich die ganze Welt. Damals reiste ich auf der Seidenstrasse bis in die Wüste Taklamakan; Kamele brachten mich zur Oase Taoudenni in Mali und ein Fischkutter von Oban hinaus zu den Orkney Islands, nach Stronsay; und mit dem Velo radelte ich bis nach Australien.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
God Tamangur, der Arvenwald im Val S-charl im Unterengadin. (Bild: ky/Arno Balzarini)

God Tamangur, der Arvenwald im Val S-charl im Unterengadin. (Bild: ky/Arno Balzarini)

Als Bub kannte ich die ganze Welt. Damals reiste ich auf der Seidenstrasse bis in die Wüste Taklamakan; Kamele brachten mich zur Oase Taoudenni in Mali und ein Fischkutter von Oban hinaus zu den Orkney Islands, nach Stronsay; und mit dem Velo radelte ich bis nach Australien.

All dies mit meinem Diercke, dem Weltatlas, den mir meine Grossmutter geschenkt hatte und auf dessen Seiten ich meine Fingerreisen unternahm. Ich habe ihn behalten, den zerfledderten Diercke, als wollte ich eine vergangene Welt aufbewahren. Im Ohr geblieben sind mir diese Orte, weil sie so herrlich klangen: Ouagadougou und Honolulu, Tintern Abbey und San Gimignano.

*

Zitate aus Leta Semadeni "Tamangur" und Linard Bardill "God Tamangur":
Der dritte Stuhl am Tisch ist leer. Der Grossvater ist in Tamangur.

*

Jetzt ist Tamangur hinzugekommen – seit ich weiss, dass Tamangur in den Thurgau kommt, nach Gottlieben ins Bodmanhaus, dass Leta Semadeni daraus lesen wird, die Bündner Lyrikerin. Und weil mir Tamangur im Ohr klang, habe ich vor zwei Wochen die Theater Garage in Basel besucht und die Schauspielerin Serena Wey aus dem Buch «Tamangur» lesen hören. Seither weiss ich, wie Tamangur als Geschichte klingt.

*

Tamangur, das ist dort, wo man eigentlich nicht hinwill, sagt sie. Vielleicht will die Grossmutter nicht ganz dorthin, nur ein Stück weit, um dem Grossvater nahe zu sein, aber nicht ganz.

*

Und dann erinnerte ich mich, dass ich Tamangur schon früher hören wollte – als Linard Bardill den God Tamangur besungen hat, den Arvenwald hoch über dem Unterengadin. Tamangur, auf der letzten Silbe betont, ist der einzig richtige Klang für den höchsten reinen Arvenwald, der Europa geblieben ist.

*

Jau n'ha darcheu imprais cun tai / Cun tai n'ha jau imprais: / A viver e chantar, a rier e cridar […] Tü est meis tschierv i'l god da Tamangur.

*

Nach ihrer Lesung frage ich Serena Wey, ob Leta Semadeni den Tamangur der Schauspielerin gehört habe. «Sie ist im Dezember zu einer Lesung nach Bergün gekommen, ins Turmzimmer des Kurhauses. Die Begegnung mit ihr war für uns beide sehr schön und sehr nah.» Ob Wey die Autorin davor getroffen, sich mit ihr unterhalten habe. «Ja, ich war mit ihr in Briefkontakt.»

Was ist der Schauspielerin wichtig gewesen, als sie für ihre szenische Lesung aus den 73 Kapitel in «Tamangur» auswählen musste? Wey: «Die Grossmutter mit dem Weltkarten-Herz in diesem engen Dorf, die Sehnsucht, die grosse Liebe zwischen Grossvater und Grossmutter, das Kind. Und Elsa.»

*

Das Herz der Grossmutter ist ein grosser Wald mit dichtem Gestrüpp, mit himmelhohen und niedrigen Bäumen, mit vielen Sträuchern. Man kann darin spazieren gehen oder sich darin verirren.

*

Was im Buch «Tamangur» für Serena Wey enthalten sei, will ich von ihr wissen. «Tamangur ist für mich nicht auf diesen Wald fixiert, ganz im Gegenteil. Tamangur ist ein Wort, das durch seinen Klang ein Geheimnis birgt und dadurch eine Sehnsucht weckt.»

Ob es weitere Wörter oder Orte gebe, die einen ähnlich magischen Klang wie Tamangur haben, frage ich. «Ein ähnliches Wort war für mich lange <Burma>. Da sind es auch diese Buchstaben, die einen Klang ergeben, der diese Art von Gefühlen hervorruft. Doch durch den Tourismus büsst das Wort an Kraft ein.»

*

Elsa machte es nichts aus, zu den Seltsamen zu gehören. Es ist zuweilen ganz amüsant, ein Fremdkörper zu sein, sagt sie, das befriedigt mein theatralisches Bedürfnis.

*

Meine letzte Frage an Serena Wey ist, was ihr wichtig sei bei einer szenischen Lesung, in der sie einer Autorin ihre Stimme leiht. «Dass die Stimme der Schriftstellerin lebendig wird.»

Do, 28.1., 20 Uhr, Bodmanhaus, Gottlieben; Moderation Kathrin Zellweger

Aktuelle Nachrichten