Wo andere nichts erkennen

Der Konzeptkünstler Peter Piller bringt verborgene Qualitäten der Gebrauchsfotografie zum Vorschein und bringt Ordnung in das Banale. Im Fotomuseum Winterthur öffnet er sein Archiv.

Dieter Langhart
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Aus «Schiessende Mädchen», 2000–05, Courtesy Capitain Petzel, Berlin. (Bild: Peter Piller/2014 Pro Litteris, Zürich)

Aus «Schiessende Mädchen», 2000–05, Courtesy Capitain Petzel, Berlin. (Bild: Peter Piller/2014 Pro Litteris, Zürich)

WINTERTHUR. Das kann nicht jeder – in einem bezahlten Job die Grundlage für spätere künstlerische Arbeit legen. Der Deutsche Peter Piller (*1968) konnte das. Während des Kunststudiums in den Neunzigerjahren arbeitete er in einer Hamburger Medienagentur und kontrollierte für die Kunden, wo und wie ihre Anzeigen erschienen waren. Und begann, besondere Fotografien zur Seite zu legen. Entstanden ist so über die Jahre ein über 7000 Bilder umfassendes Archiv.

Formal oder inhaltlich geordnet

Und was tut Piller mit den Bildern? Er sortiert sie thematisch in Gruppen, die er mit Titeln codiert, und bringt so das Bildmaterial in neue Kontexte. Für die Ausstellung «Belegkontrolle» hat das Fotomuseum Winterthur möglichst viele Einzelwände aufgestellt, um auf ihnen einige der inzwischen gut hundert Werkgruppen zu zeigen.

Auf den Gruppenbildern in «Regionales Leuchten» werfen die Leuchtstreifen auf Uniformen das Blitzlicht der Reporter zurück, «Schiessende Mädchen» zeigt junge Frauen im Schiessstand; in «Auto berühren» stehen Privatpersonen oder Verkäufer steif neben ihren Fahrzeugen, während Behördenmitglieder, eben, «in Löcher blicken».

Fotografierte Unorte

Piller hat die in der Presse gefundenen Fotografien gescannt und vergrössert – der überdeutliche Raster verstärkt den Eindruck von Billigkeit, die schiere Anzahl der motivähnlichen Bilder macht schmunzeln.

Neben dem Sammeln und Archivieren hat Peter Piller – ohne künstlerischen Anspruch – Unorte fotografiert wie «Bauerwartungsflächen», auf denen noch keine Neubauten zu sehen sind.

«Von Erde schöner» heisst ein weiteres Archiv Peter Pillers: Luftaufnahmen einer Firma, die bundesweit Siedlungen überflogen und Häuser fotografiert hatte, um hernach die Bilder den Hausbesitzern zu verkaufen. Piller übernahm die 20 000 Negative aus dem Nachlass, dachte sich erneut eine Typologie aus und bildete Gruppen wie «Schlafende Häuser» oder «Autowäsche». Hier weitet sich der Blick, und plötzlich werden Mikrogeschichten sichtbar, in denen Rasenmäher oder Briefkästen eine Rolle spielen.

Ode an unbekannte Fotografen

Und da ist noch ein Archiv zu sehen im Fotomuseum, und wiederum klingt der Titel nach Ironie: «Nimmt Schaden». Mit dem Baloise-Kunstpreis der Art Basel 2006 widmete Piller sich dem Archiv der Versicherung und kondensierte eine halbe Million Bilder von den CDs auf sechzig Aufnahmen. Neckisch: Oft bleibt unklar, worin der Schaden überhaupt bestanden hat.

Blick auf das Banale

Stets gilt der Blick des Bildersammlers und Fotografen dem profanen Alltag. So auch in den Peripheriewanderungen, die Peter Piller seit Jahren unternimmt. Das Fotomuseum beauftragte ihn, für das 750-Jahr-Jubiläum der Stadt Winterthur ihre Siedlungsgrenze abzuschreiten. Was die unspektakulären Aufnahmen zusammenhält? Die Standardbrennweite 50 mm – und dass Piller nur dann auf den Auslöser drückte, wenn er Vögel durch sein Blickfeld fliegen sah.

Peter Piller: Belegkontrolle, Fotomuseum Winterthur; Di–So 11–18, Mi 11–20 Uhr; bis 22.2.