Wissbegierige und Plünderer

Die Touristen strömen in Scharen dorthin, die Einheimischen weniger. Die Stiftsbibliothek ist ein Wunder spätbarocker Baukunst. Ein Besuch am Schauplatz einer Erzählung – die jetzt in einem Theaterstück wiederkehrt.

Rolf App
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Die Stiftsbibliothek sieht auf Bildern grösser aus, als man sie dann empfindet. Peter Thumb hat sie 1758 in weniger als zwei Wochen geplant, fast zehn Jahre später war das Werk nahezu vollendet. (Bild: Urs Bucher)

Die Stiftsbibliothek sieht auf Bildern grösser aus, als man sie dann empfindet. Peter Thumb hat sie 1758 in weniger als zwei Wochen geplant, fast zehn Jahre später war das Werk nahezu vollendet. (Bild: Urs Bucher)

Rolf App

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@tagblatt.ch

Am Ende meines Besuchs stehe ich unten, am Selfiepoint, wo man sich vor die Kulisse der Stiftsbibliothek stellen kann. Schüler stürmen mit ohrenbetäubendem Lärm die Treppen hinunter. Ein junges Paar ist gerade damit beschäftigt, seinen Besuch fotografisch zu dokumentieren. Und während draussen die Sonne milde Temperaturen herbeizaubert, ist es oben, in der Bibliothek selber, frostig kühl. «Zwölf Grad», warnt die Aufseherin. «Sind Sie sicher, dass Sie keine Jacke brauchen?»

Doch ein wenig Askese kann nicht schaden, wenn es darum geht, in diesen Ort einzutauchen. Ich setze mich in eine Ecke, schaue den kleinen Gruppen zu, die auf Filzpantoffeln über den knarrenden Boden gleiten, staune über die Schönheit des 1767 fertig gestellten Raums, der mir, wie immer, überraschend klein vorkommt. Ich studiere die Buchrücken, lächle über die hübschen Putten in den Nischen, betrachte die prachtvolle Decke, streife den Schaukästen entlang, und beäuge Schepenese, die ägyptische Mumie,gestorben um 610 vor Christus. Ein Geschenk von Karl Müller-Friedberg, dem ersten Landammann des neuen Kantons.

«Hattest du Latein in der Schule?»

«Hattest du Latein in der Schule?», fragt eine Besucherin ihre Kollegin. Sie stehen vorn beim berühmten Klosterplan, wo kurz zuvor einer der Führer seinen Vortrag mit dem Satz beendet hat: «Dies ist die grösste Kostbarkeit der Ostschweiz, ein Weltkulturerbe, auf das wir stolz sind.» Wie andere studiere ich die Handschriften in den Vitrinen, Zeugnisse einer mit der Gründung des Kantons untergegangenen mönchischen Kultur.

Der Einmarsch der Franzosen, 1803 dann die Formierung eines neuen Kantons aus den ehemaligen Besitzungen des Fürstabts und weiteren Gebieten: Das ist auch für die Stiftsbibliothek eine dramatische Zeit. Karl Schmuki erzählt mir davon, der stellvertretende Stiftsbibliothekar. «Der Fürstabt hat natürlich Nachrichten bekommen über das, was sich da anbahnt», sagt er. «Also hat man das Stiftsarchiv mit all den Besitztiteln, die Handschriften, den Kirchenschatz und die wertvolleren unter den gedruckten Büchern in Sicherheit gebracht. Zum Teil bei vertrauenswürdigen St. Galler Bürgern, zum Teil weiter weg: Zuerst in Bregenz, dann in Füssen, schliesslich im Tirol.»

So sind denn französische Offiziere auf der einen, Vertreter der Helvetischen Regierung auf der andern Seite, welche die Bibliothek als Grundstock für eine in Aarau geplante Nationalbibliothek ins Auge fassen, ziemlich enttäuscht, als sie sich die Bibliothek ansehen. Da steht im Grossen und Ganzen nur die – für sie uninteressante – theologische Literatur. Immerhin, einer hat aus dem «Giftschrank», der Abteilung mit nur auf Spezialbewilligung hin einsehbaren Büchern zumeist aufklärerischen Inhalts, Ovids «Ars amatoria», die «Liebeskunst», mitlaufen lassen.

Bei schlechtem Wetter mehr, bei schönem weniger

1804 schafft Müller-Friedberg es gegen den Willen des Fürstabts, die Bestände zurück zu bekommen. Verloren gegangen ist wenig – zum Glück für uns Heutige. Mehr als 100000 Besucher aus nah und fern kommen jedes Jahr hierher, bei schlechtem Wetter sind es mehr, bei schönem weniger. Den Höhepunkt erreicht der stete Strom an Interessierten im Sommer. «Im Juli und August kommen eher die Individualtouristen», sagt Karl Schmuki. «September, Mai und Juni sind dagegen stärker Gruppenmonate.» Da kann es schon mal vorkommen, dass die 110 Paare Filzpantoffeln vergeben sind und sich Schlangen Wartender bilden. Dann kann auch der Feuchtigkeitsgehalt der Luft im Saal etwas über das Normalmass ansteigen.

Eine Gefahr für die schätzungsweise 30000 Bücher im – nicht klimatisierten und auch nicht geheizten – Saal bedeute dieser zeitweilige Ansturm nicht, erklärt Schmuki. Die eigentlichen Wunderwerke liegen ohnehin anderswo. Es sind die Handschriften, von denen die ältesten im 8. Jahrhundert entstanden sind, und die seit dem Kulturgüterstreit nicht mehr im Handschriftenkabinett lagern, sondern in einem klimatisierten Raum.

Der Kulturgüterstreit: Das ist jene epische Auseinandersetzung nach der Plünderung des Klosters durch Zürcher und Berner Truppen im Toggenburger Krieg von 1712 gewesen, die erst 2006 durch die Vermittlung von Bundesrat Pascal Couchepin ein friedliches Ende gefunden hat. Vierzig besonders wichtige Handschriften finden danach ihren Weg zurück. Vom Erd- und Himmelsglobus aus dem 16.Jahrhundert wird ein Duplikat hergestellt, das jetzt in frischen Farben leuchtend die Besucher der Stiftsbibliothek empfängt.

Im Gästebuch findet man fremdartige Eintragungen

In diesem dreh- und kippbaren Globus spiegelt sich, was diese Bibliothek vor allem einzigartig macht. Nicht nur verpflichtet ihre Klosterregel die Benediktiner dazu, täglich in der Bibel zu lesen. Sie sammeln auch Wissenswertes aus vielerlei Gebieten. Der Saal selber erzählt davon. «Scrutamini Scripturas» steht an der Decke zu lesen: «Durchforschet die Schriften.» Und die Putten verkörpern Wissenschaften, Künste und Handwerksberufe. In der Hand eines solchen Engelchens findet sich so auch das Uringlas des Arztes.

In einer der Fensternischen liegt das Gästebuch. Man findet darin fremdartige Schriften, japanisch, chinesisch oder russisch. «Bellissima biblioteca», meint einer der Besucher, «Bibliothèque magique» ein anderer. «Besuch mit unseren Freunden aus Melbourne», haben zwei Thurgauer notiert. So ist es mit den Ostschweizern: Oft kommen sie erst, wenn sie Besuch haben. Dabei hat die Stiftsbibliothek durchaus etwas Magisches, da hat der Franzose recht. Das helle, von Vorhängen gedämpfte Licht des Nachmittags taucht den Saal in geheimnisvolles Halbdunkel und lässt die Besucher unwillkürlich flüstern.