«Wir wollen Musik, die das Publikum ansteckt»

«Gambrinus» feiert den 20. Geburtstag mit einem hochstehenden Programm mit Festivalcharakter. Vereinspräsident Andreas B. Müller über die Vor- und Nachteile, überall «zu Gast» zu sein, die Suche nach einem zweiten Konzertlokal und was qualitativ gute Musik ausmacht.

Andreas Stock
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ST. GALLEN. Selbstverständlich ist es nicht, dass es seit 20 Jahren «Gambrinus»-Konzerte gibt. Der Verein «Gambrinus Jazz», der sich 2004 aus der Eigeninitiative der legendären «Gambrinus»-Gründer Suzanne Bertényi und Hector «Gato» Zemma konstituierte, hatte unruhige Zeiten und Rückschläge zu verkraften. Doch wie in der Jazzmusik, die auf dem Miteinander beruht, haben stets wieder engagierte Musikfreunde zusammengefunden, die den Verein weitergetragen haben.

Wenn der Jazzverein nun mit einem Jubiläumsprogramm diesen Geburtstag feiert, kommt darin gut der Charakter und die Ausrichtung des Jazzvereins zum Ausdruck. Sieben Tage, sieben Konzerte mit den unterschiedlichsten Facetten des Jazz. Regional mit zwei Aushängeschildern des Ostschweizer Jazz – Rosset-Meyer-Geiger und Claude Diallo – sowie mit Mike Stern und Christian Scott zwei internationale Koryphäen (siehe Kasten). Besonders von Scott schwärmt Andreas Müller; sein neues Album sei wirklich «ein Jahrzehntealbum».

Jazz und seine Grenzen

Der Jazzverein präsentiert sich aktuell in guter Verfassung. Mit den Montags-Konzerten im Weinlokal «1733» hat man seit zwei Jahren einen idealen Partner. Im Schnitt erreiche man wöchentlich knapp 40 Personen. «Es geht uns bei diesen Konzerten um schöne, intime Momente», sagt Andreas B. Müller. Wenn dann bei einem renommierten Musiker wie Paul McCandless lediglich 20 Leute «ein grossartiges Konzert» verpassen, findet das Müller zwar bedauerlich. Aber natürlich ist dem Verein bewusst, dass insbesondere in dieser Reihe eher jene Konzerte auf grosse Resonanz stossen, die sich stilistisch eher ferner des modernen Jazz bewegen.

Innerhalb des Vorstands diskutiere man aber immer wieder mal darüber, was noch Jazz sei, wie weit man trotz des Titels «Jazz plus» über Genregrenzen hinwegsehen soll. Grundsätzlich möchte man sich aber gerne «wieder stärker dem Jazz zuwenden», so Müller. Wichtig sei ihnen aber, dass mindestens einer aus der Programmgruppe von einer Band begeistert sei. «Es geht um das Potenzial einer Formation. Es geht um musikalische Kraft, um Ausdruck, Spielfreude», formuliert es der Vereinspräsident. «Wir wollen Musik präsentieren, die das Publikum ansteckt».

«Es braucht den richtigen Ort»

Was dem Jazzverein fehlt, ist seit dem Ende der Mittwochs-Konzerte in der «Stickerei» ein Ort für den progressiven, experimentellen Jazz. Ein Lokal für spontane Jams und Begegnungen. Dieser «Freiraum» fehlt im Moment und wird durchaus vermisst, wie nicht nur in den Texten im Oktober-Heft des Kulturmagazins «Saiten» zum Ausdruck kommt, dass dem Jazz einen Schwerpunkt Jazz gewidmet hat. «Wir sind wieder verstärkt auf der Suche nach so einem Lokal», sagt Müller. Es brauche dafür den richtigen Ort, was aber nicht einfach sei.

Diese Raumsuche zeigt, dass sich die Situation für «Gambrinus» in den letzten Jahren nicht sehr verändert hat: Der Verein ist zu klein, um ein eigenes Konzertlokal unterhalten zu können. Darum hat man sich zum Kollaborationen-Weltmeister entwickelt und nutzt je nach Konzert und Terminkalender die verschiedensten Lokalitäten, die zur Verfügung stehen. Das ist, wie Andreas Müller erzählt, mit ziemlich grossem Aufwand verbunden. «Denn natürlich sind wir immer Bittsteller, immer zu Gast» – und somit stehen freilich die Wünsche des Vereins nicht an erster Stelle. Einen der begehrten Wochenende-Termine zu bekommen ist da schwierig. «Ich will überhaupt nicht klagen, fügt Müller an, «wir haben mit den verschiedenen Veranstaltern ein gutes Verhältnis und treffen auf viel Goodwill».