«Wir wollen das kulturelle Leben in seiner ganzen Vielfalt erhalten» – jetzt werden Kulturämter der Region mit Anfragen überhäuft

Damit das Kulturleben in der Coronakrise nicht ausblutet, wollen Bund und Kantone helfen. Doch es dauert noch, bis Gelder fliessen. Denn noch gibt es gar kein Formular, um Ausfallentschädigungen anzumelden. 

Julia Nehmiz
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Der Lockdown trifft die Kulturschaffenden hart. Bund und Kantone bieten Unterstützung, damit die Kulturszene nicht vor dem Aus steht (Szenenbild aus der St.Galler Inszenierung «Geschichten aus dem Wiener Wald» 2018)

Der Lockdown trifft die Kulturschaffenden hart. Bund und Kantone bieten Unterstützung, damit die Kulturszene nicht vor dem Aus steht (Szenenbild aus der St.Galler Inszenierung «Geschichten aus dem Wiener Wald» 2018)

Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Ja, es sei ein wichtiges und dringendes Problem, sagt Katrin Meier. Die Leiterin des Kulturamts des Kantons St.Gallen steckt mittendrin in der Coronakrise. Diese hat das kulturelle wie das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt. Sie sagt:

«Viele Kulturschaffende sind angewiesen auf ein schnelles Handeln.»

Der Kanton hat am Dienstag ein erstes Massnahmenpaket verabschiedet, darin sind für die Kultur 6,9 Millionen Franken, die vom Bund auf das Doppelte erhöht werden. Mit diesen 13,8 Millionen Franken sollen die Ausfallentschädigungen für Kulturschaffende und Veranstalter gedeckt werden, aber nicht vollumfänglich: Maximal 80 Prozent der entgangenen Einnahmen werden ausgeglichen.

Woher weiss Meier, welche Schadenssumme Institutionen und Künstlern droht? «Das ist eine grobe Abschätzung, was an Ausfallschäden ungefähr kommen könnte», sagt sie. Das Amt für Kultur habe bei verschiedenen Kulturinstitutionen nachgefragt und dann grob hochgerechnet. Bund und Kantone würden aber die Entwicklungen in den nächsten Monaten genau beobachten und Anpassungen prüfen.

Es gibt ein Leben nach Corona

Es gibt noch viel zu klären: Wie genau wird der Schaden berechnet? Wie und wo werden die Schäden erfasst? Wie kommunizieren die verschiedenen Stellen miteinander, bei denen die Künstlerinnen und Künstler Ansprüche anmelden können?

«Das Bundesamt für Kultur arbeitet mit einer Arbeitsgruppe noch an einer genauen Ausarbeitung des Reglements», sagt Meier, die daran beteiligt ist. Es lohne sich, die Detailfragen zu klären, bevor man die ersten Gesuche entgegennehme. Für die Betroffenen heisst das: Gesuche für Ausfallentschädigungen sind schweizweit erst im April einzugeben.

Doch schon jetzt laufen beim Amt von Katrin Meier täglich zahlreiche Anfragen ein, wie Kulturschaffende oder Institutionen zu Unterstützung kommen. «Wir arbeiten daran, vielen rasch zu antworten.» Doch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen aktuell auch die Gesuche für Lotteriefondsbeiträge bearbeiten – es gibt ein Leben nach Corona.

Thurgau kulant bei gesprochenen Projektbeiträgen

Auch beim Kulturamt Thurgau kommen Anfragen an, «aber noch nicht sehr viele», wie Amtsleiterin Martha Monstein sagt. Die selbständigen Kulturschaffenden können sich für Soforthilfe direkt beim Dachverband Suisseculture Sociale melden.

«Ich hoffe sehr, dass die Kulturszene diese Krise gut übersteht.»

Wenn ein Hilfeschrei käme, würden sie schauen, welche Stelle die adäquate Hilfe leisten könne. Bezüglich der Leistungsvereinbarungen und der bereits zugesprochenen Projektbeiträge zeige man sich kulant und fordere keine gesprochenen Gelder zurück für Leistungen, die nur teilweise erbracht werden können.

«Ziel ist, dass die Kulturbetriebe nicht eingehen, wir wollen das kulturelle Leben in seiner ganzen Vielfalt erhalten.»

«Danke, dass ihr so schnell und klar kommuniziert»

Das Amt für Kultur Appenzell Ausserrhoden hat bislang mehr als ein Dutzend Anfragen erhalten. «Wir haben alle Kulturschaffenden und Institutionen angeschrieben», sagt Amtsleiterin Margrit Bürer. Und viel Echo bekommen: Danke, dass ihr so schnell und klar kommuniziert.

Jetzt warte man auf die Richtlinien für den Vollzug der Verordnung sowie die Modalitäten. Bürer versucht, derweil abzuschätzen, wie hoch der Ausfallschaden sein könnte.

«Kultur stärkt uns in dieser Zeit der Krise den Rücken»

Auch im Fürstentum Liechtenstein will man helfen. Wegen der zahlreichen Veranstaltungsabsagen und dem Shutdown im Kulturbetrieb muss von existenzbedrohenden Folgen für Künstlerinnen und Künstler und insbesondere für kleinere Einrichtungen und Vereine ausgegangen werden, schreibt das Ministerium für Äusseres, Justiz und Kultur. Der Landtag habe in einer Sondersitzung am 20. März ein Massnahmenpaket Wirtschaftshilfe beschlossen, dies gelte auch für den Kultursektor.

Die Modalitäten, wie die verschiedenen Massnahmen umgesetzt werden, würden derzeit ausgearbeitet, damit der Kultursektor so schnell wie möglich von ihnen profitieren kann, heisst es weiter in der Medienmitteilung.

Regierungsrätin Eggenberger sei es ein Anliegen, alle Kulturinstitutionen, Kulturschaffende und Kulturvereine, die Hilfe benötigen, zu erreichen. «Sie sollen sich schon bald wieder auf ihre Arbeit, also eben das Schaffen von Kunst und Kultur konzentrieren können. Denn genau Kultur ist es, was uns heute in dieser Zeit der Krise so fest den Rücken stärkt.»

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Julia Nehmiz, Christina Genova