«Wir vermissen die Bühne»: Die Irish-Folk-Band Saint City Orchestra spielt in Arbon ein Konzert ohne Publikum

Null Zuhörer, fünf Kameras und viele Schutzmasken: Das Saint City Orchestra gibt heute im Presswerk in Arbon ein ungewöhnliches Konzert. Der Auftritt wird live auf Facebook übertragen. Der Erlös kommt der serbelnden Musikszene zugute.

Roger Berhalter
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Proben geht derzeit nur mit Maske: Das Saint City Orchestra im Arboner Presswerk.

Proben geht derzeit nur mit Maske: Das Saint City Orchestra im Arboner Presswerk.

Bild: Nik Roth (24. April 2020)

Der Kontrast zum letzten Auftritt in Arbon könnte grösser nicht sein. Schon vor einem Jahr spielte das Saint City Orchestra im Presswerk. Das Konzert war ausverkauft, mehr als 800 Menschen tanzten zu den Irish-Folk-Liedern der St.Galler. «Der Schweiss tropfte von der Decke», erinnert sich Silvan Scheiwiller, der Booking-Verantwortliche der Band. Heute Abend spielt das Saint City Orchestra erneut im Presswerk – und diesmal ist alles anders.

Kein einziger Zuhörer wird kommen, stattdessen wird das Konzert als Livestream auf Facebook übertragen, gefilmt von fünf Kameras. Die Band steht nicht gemeinsam auf der Bühne, sondern verteilt in der Halle, damit der Sicherheitsabstand gewahrt bleibt.

Der erste Auftritt seit sechs Wochen

Ein Konzert ohne Publikum: Macht das Spass? «Keine Ahnung, wir lassen uns überraschen», sagt Sänger Sandro Schmid. Er freue sich sehr auf den Auftritt. Man wolle den Kontakt zu den Fans nicht verlieren. Und der 39-Jährige ergänzt:

«Wir waren vor einem Auftritt selten so euphorisch. Wir vermissen die Bühne!»

Das letzte Konzert gaben die vier Musiker vor sechs Wochen in Aarau. Just an jenem Freitag, als der Bundesrat Veranstaltungen ab 100 Personen verbot. «Nur zehn Leute kamen», erinnert sich Schmid. «Dennoch hatten wir einen guten Abend.»

Weniger gut dürfte der kommende Sommer für das Saint City Orchestra werden. Die vielen Festivalauftritte werden wohl ins Wasser fallen, auf die bereits budgetierte Gage müssen die Musiker wahrscheinlich verzichten. «Wir bleiben positiv und hoffen auf weitere Lockerungen.»

Eine Woche Vorbereitung

In den vergangenen Wochen haben viele Musiker ihre Songs und Stubenkonzerte in den sozialen Medien übertragen. Im Vergleich dazu soll der heutige Livestream aus Arbon grösser und professioneller daherkommen. Schon seit einer Woche bereiten sich Musiker, Techniker und das Filmteam auf den Abend vor. Dabei tragen sie schwarze Schutzmasken; auch die Band probt derzeit (bis auf den Sänger) mit Mundschutz. Booking Manager Scheiwiller sagt:

«Wir sind meines Wissens die Ersten, die das in dieser Grössenordnung veranstalten.»

Mehrere regionale Festivals sind als Partner an Bord – vom «Stars In Town» in Schaffhausen über das Summerdays-Festival in Arbon bis zum Szene-Openair in Lustenau.

Mit diesem Sujet wirbt das Saint City Orchestra für den Livestream.

Mit diesem Sujet wirbt das Saint City Orchestra für den Livestream.

Bild: PD

Mehrere Sponsoren finanzieren das Unterfangen. Denn gratis soll das Konzert nicht sein, vielmehr hat es Benefizcharakter: Die Zuhörer sollen per Paypal spenden. Mit der Hälfte des Erlöses werden die Kosten gedeckt, die andere Hälfte soll der serbelnden Musikszene zugutekommen.

Das Zwischenmenschliche fehlt

Allen Beteiligten ist klar, dass ein Konzert vor Kameras nicht die Zukunft ist. «So ein Stream kann ein normales Konzert nicht ersetzen, das Zwischenmenschliche fehlt», sagt Silvan Scheiwiller. Zudem lasse sich eine solche Aktion nicht allzu oft wiederholen. Doch sei es wichtig, dass man die Musikszene auch in Coronazeiten wahrnehme.

Sandro Schmid hofft, dass wenigstens die geplante Tour im November stattfinden kann. Mit neuen Songs wollen Saint City Orchestra in Deutschland, Österreich und der Schweiz Konzerte geben. Ohne Kameras, sondern vor Publikum. Bis der Schweiss von der Decke tropft.

Livestream am 25. April ab 19.30 Uhr auf der Facebook-Seite des Saint City Orchestra.

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