Literatur
Rolf Hermann «Wir sind permanent von Lyrik umgeben»

«In der Nahaufnahme verwildern wir» heisst Rolf Hermanns neuer Gedichtband, der eine Welt heranzoomt, die den Menschen überleben wird.

Interview: Tina Uhlmann
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Rolf Hermann: «Wir brauchen nur das Radio anzumachen und schon hören wir Lyrik».

Rolf Hermann: «Wir brauchen nur das Radio anzumachen und schon hören wir Lyrik».

Zur Person

Rolf Hermann

Rolf Hermann

Geboren 1973 in Leuk (Wallis) lebt Rolf Hermann heute als freier Schriftsteller in Biel. Er beschäftigt sich vor allem mit Lyrik, schreibt aber auch Prosa, Hörspiele, Spoken-Word- und Theatertexte. Dazu tritt er mit dem Mundarttrio «Die Gebirgspoeten» auf. Im neuen Gedichtband «In der Nahaufnahme verwildern wir» geht er von Zyklen aus, die Rainer Maria Rilke am Ende seines Lebens im Château Muzot im Wallis geschrieben hat, und zoomt mitten hinein in unsere Lebenswelt. (chm)

Rolf Hermann, nach Prosa, Spoken Word und Theaterstücken legen Sie nun wieder einen Gedichtband vor. Welche Rolle spielt die Lyrik in Ihrem Schaffen?

Rolf Hermann: Mir sind all diese Dinge gleichbedeutend. Denn es geht mir vor allem darum, die Sprache zu belauschen und mit ihren Mitteln etwas heraufzubeschwören, das möglichst einzigartig ist, und, wenn es glückt, die Menschen berührt. Sei das nun in Form eines Gedichts, eines Spoken-Word-Textes oder einer Erzählung.

Wie gehen Sie damit um, dass nur wenige Menschen Lyrik lesen?

Es kommt immer darauf an, wie Lyrik definiert wird. Ich selber gehe von einem recht offenen Begriff aus, schliesse zum Beispiel Lieder vieler Genres mit ein. Und so sind wir eigentlich fast permanent von Lyrik umgeben. Wir brauchen nur das Radio anzumachen und schon hören wir Lyrik. Ob Kurt Cobain, PJ Harvey, Manuel Stahlberger oder Friederike Mayröcker: Sie all schreiben oder schrieben Gedichte.

Im Gedichtband «In der Nahaufnahme verwildern wir» entwerfen Sie eine Stadt – rasch erkennt man Ihren Wohnort Biel – nach der Apokalypse. Unter Pflanzen und Tieren hat nur der Dichter überlebt. Warum?

Sie vermuten richtig. Obschon Biel nicht namentlich erwähnt wird, habe ich einen der vier Zyklen dort angesiedelt. Ob es ein Dichter ist, der überlebt, bleibt offen. Ihre Deutung gefällt mir jedoch sehr: Am Ende bleibt die Natur und das, was wir vielleicht als die Ekstase der Wörter bezeichnen können – die Dichtung.

Dem erzählenden Ich im Gedichtzyklus «eins» fehlen die Augenlider, das heisst, es kann die Augen nicht mehr schliessen. Was bedeutet es, sehen zu müssen?

Für mich steht dieses Bild für das ungefilterte, permanente Sehen. Die Augen nicht zu verschliessen und die Dinge, ob schön oder hässlich, ob sie uns nun glücklich oder traurig stimmen, ob sie uns trösten, verzweifeln oder aufjubeln lassen, in uns aufzunehmen und uns als Teil dieses glitzernden, wahnsinnigen Chaos zu verstehen.

Ihre neuen Gedichte zoomen organische Details heran: Blattstrukturen, Rinde, Tierfell, die eigene Haut. Was genau erforschen Sie da?

Ich glaube, das hängt mit meinem Wunsch zusammen, die Sinnlichkeit und die Verletzlichkeit der Welt in Worten erfahrbar zu machen.

Warum lehnen Sie sich in den vier dystopischen Gedichtzyklen gerade an den Romantiker Rainer Maria Rilke an?

Obschon mich Rilkes Werke seit meiner Jugend begleiten, bin ich erst vor gut sechs Jahren auf die vier Gedichtzyklen gestossen, die er am Ende seines Lebens im Château Muzot oberhalb Sierre geschrieben hat: Les Vergers, Les Roses, Les Fenêtres und Les Quatrains Valaisans. Sogleich war ich fasziniert, auch weil ich Ausschnitte jener Landschaft, in der ich aufwuchs, wiederzuerkennen glaubte. Das hat mich neugierig gemacht. Und plötzlich war da diese Idee, dass ich mich mit den vier Rilke-Zyklen dichtend auseinandersetzen will.

Sie haben Rilkes Rosen durch Neophyten ersetzt. Wofür stehen diese Pflanzen, die sich in Gebieten ansiedeln, in denen sie zuvor nicht heimisch waren?

Neophyten sind für mich eine Erscheinung der globalisierten Welt und der Klimaveränderung in einem. Pflanzen werden – absichtlich oder versehentlich – auf Tankern oder Lastwagen von einem Kontinent zum anderen, von einem Land zum anderen transportiert. Und weil sich das Klima erwärmt, wandern sie oft weiter, von Süden in Richtung Norden, und verändern so die jeweilige Vegetation. In gewisser Weise sind die Neophyten für mich also Chiffren für das Anthropozän, für ein vom Menschen verursachtes biologisches Phänomen, das sich weitgehend verselbstständigt hat.

Im Neophyten-Gedicht «Essigbaum» schreiben Sie von Früchten die «aus der frisch gepflanzten Schrift» wachsen. Inwiefern ist das Schreiben dem vegetativen Wachsen verwandt?

Das ist ein schöner Gedanke. In der Tat hat für mich das Schreiben eine vegetative Qualität. Wie ein Baum hat auch ein Gedicht einen Stamm, hat Äste, Zweige und Blätter. Und es kommt manchmal vor, dass ich mir beim Schreiben sage: Oha, da fehlt noch ein Ast, da muss sich noch was verästeln.

Rilke schrieb seine vier Zyklen in französischer Sprache. Sie haben auch mit Übersetzungsprogrammen gearbeitet. Warum dieses «unlyrische» Verfahren?

Indem ich die Gedichte von Rilke durch mehrere Übersetzungsprogramme schleuste, kam der Zufall ins Spiel. Rilkes Ausgangstexte wurden so radikal verfremdet und es stellte sich eine Distanz zu ihnen ein, die es ermöglichte mir, mich ihnen frei und kreativ zu nähern.

Im neuen Gedichtband ist Trauer spürbar – und Erinnerung an Verlorenes. Steckt im Verwildern der Wunsch, mit dem Verlorenen zu verschmelzen?

Ja, im ersten Zyklus «im störgarten» ist die Trauer ein zentrales Motiv. Dieser Zyklus spielt in einem Gebiet, das mir seit meiner Kindheit vertraut ist. Die Landschaft wurde in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Äcker, Felder und Wiesen wichen Gewerbe- und Industriezonen, einem Golfplatz und einer Autobahn. Die unausgesprochene Frage, die sich durch diesen Zyklus zieht, lautet für mich denn auch: Was geht in uns vor, wenn eine Landschaft, die wir seit unserer Kindheit lieben, entstellt wird? Da scheint mir die Verwilderung durchaus eine ratsame Option zu sein.

Rolf Hermann: In der Nahaufnahme verwildern wir. Gedichte. (Der gesunde Menschenversand), 175 S.

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