«Wir sind hier, um zu arbeiten»

Dank einer Initiative soll die Reithalle zum Kulturlokal werden. Doch schon jetzt wird dort Kultur gemacht. Zwar nicht in der grossen Halle, aber in den Proberäumen und Ateliers nebenan. Ein Besuch mit offenen Augen und Ohren.

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«Erfreulicher Ort»: Die Rockband All Ship Shape beim Jammen. (Bild: Ralph Ribi)

«Erfreulicher Ort»: Die Rockband All Ship Shape beim Jammen. (Bild: Ralph Ribi)

Severin Walz löscht das Neonlicht und zündet die Stehlampe an. «So ist's doch schon viel besser», sagt der Sänger von All Ship Shape. Dann singt er verhallte Melodien ins Mikrophon und schlägt das Tambourin gegen den Oberschenkel. Hinter ihm jammen die vier Bandkollegen drauflos: repetitiver, sphärischer Gitarrenrock mit kalkulierten Störgeräuschen. Die Band hat ein Jahr in Berlin hinter sich, wo sie am neuen Album feilte. Jetzt experimentieren die Musiker in St. Gallen an neuen Songs. Ihr Proberaum ist der grösste der vier Übungslokale im Parterre der Reithalle. «Ein erfreulicher Ort», sagt Sänger Walz. Gitarrist Fabian Füllemann ergänzt: «Hier kann man uneingeschränkt proben.» Also auch morgens um drei und nicht nur bis zur Nachtruhe wie im schimmligen Luftschutzkeller im Linsebüel, wo All Ship Shape früher probten.

Die Künstler meinen es ernst

Ein Besuch mit offenen Ohren zeigt, dass in der Reithalle etablierte Musiker, die es ernst meinen, an der Arbeit sind. All Ship Shape zählen zu den engagiertesten Bands der Stadt. Im gleichen Raum – jeweils zwei Bands müssen sich den Platz teilen – proben auch die Singer-Songwriter Junes, die es bis ins Radio SRF und auf deutsche Bühnen geschafft haben. Die Gruppe Dachs hat kürzlich den Ostschweizer Bandwettbewerb «bandXost» gewonnen. Dumpfe Beats und tiefe Bässe dröhnen aus dem Raum, wo sich der Rapper Odium zusammen mit The Dawn verschanzt hat, einem der umtriebigsten DJs und Produzenten des St. Galler Untergrunds. Und auch Khaled Aissaoui alias Esik macht sich hier mit seiner Hip-Hop-Band für den nächsten Auftritt fit. «Die Bedingungen sind ein Traum, ich habe mein ganzes Album hier aufgenommen», sagt der altgediente St. Galler Rapper.

Draussen parkieren Autos mit Pferdeanhängern auf dem nassen Kies. Die grosse Halle – die eigentliche Reithalle – wird vom Reitclub St. Gallen genutzt. Doch bald sollen dort auch Konzerte stattfinden. Das fordert die Initiative «Reithalle für die Kultur». Noch bis zum 10. April sammeln die Initianten Unterschriften für ihr umstrittenes Anliegen. Unbestritten hingegen sind die Räume im Nebentrakt, wo schon seit 20 Jahren Kultur gemacht wird.

Zu den Ateliers der Künstler führt ein separater Eingang. Fast alle Namensschilder an der Tür sind durchgestrichen und durch handgeschriebene ersetzt worden. In den letzten Monaten hat eine grosse Rochade stattgefunden, allein Anfang März zogen fünf neue Künstler ein. Kein Wunder: «So günstige Ateliers gibt's nirgends in der Stadt, in Zürich schon gar nicht», sagt Michael Bodenmann, der in Zürich studiert und sich im Dachstock mit seiner Partnerin Barbara Signer ein Atelier teilt. «Endlich können wir unsere Fotos auslegen oder an die Wand hängen», sagt diese und zeigt auf ein grossformatiges Hongkong-Foto auf dem Tisch.

Kalt, aber gemütlich

Linda Pfenninger zupft an den Haaren einer blonden Perücke, die sie in ihren Farbscanner gelegt hat. Die Künstlerin arbeitet seit vergangenem August in einem der Ateliers im ersten Stock. Derzeit fügt sie auf dem Glas ihres Scanners Gegenstände und Zeitungsausschnitte zu Collagen zusammen. Es ist kalt, aber trotzdem gemütlich im Atelier. «Das Gemeinschaftliche hier hat mich angelockt», sagt Pfenninger, die in Zürich bildende Kunst studiert hat. Wobei man sich kaum sehe, da ein Gemeinschaftsraum fehle. Ja, ein Aufenthaltsraum sei eine schöne Vorstellung, sagt ihre Ateliernachbarin Andrea Vogel. Vielleicht sei ein ausgiebiger Austausch aber auch unrealistisch: «Wenn ich hierherkomme, dann, um zu arbeiten.» Roger Berhalter

«Das Gemeinschaftliche»: Künstlerin Linda Pfenninger in ihrem Atelier. (Bild: Urs Bucher)

«Das Gemeinschaftliche»: Künstlerin Linda Pfenninger in ihrem Atelier. (Bild: Urs Bucher)

«Traumbedingungen»: Rapper Esik (vorne rechts) und seine Hip-Hop-Band. (Bild: Coralie Wenger)

«Traumbedingungen»: Rapper Esik (vorne rechts) und seine Hip-Hop-Band. (Bild: Coralie Wenger)

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