«Wir sind drin und bleiben»

Berlin Das Kunsthaus Tacheles in Berlin steht für 21 Jahre Freiheit in der Kunst, Anarchie und kreatives Chaos. Eine geschichtsträchtige Kaufhausruine war das Fundament. Doch das Experiment steht vor dem Aus. Michael Hug

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Das Tacheles ist auch Touristenattraktion: Jährlich besuchen 400 000 Touristen die Werkstätten in und um das offene Kunsthaus in Berlin. (Bilder: Michael Hug)

Das Tacheles ist auch Touristenattraktion: Jährlich besuchen 400 000 Touristen die Werkstätten in und um das offene Kunsthaus in Berlin. (Bilder: Michael Hug)

Bunt, chaotisch und anarchisch, so ist das Tacheles international bekannt geworden. Ein offenes Kunsthaus, das die Künstlerszene Berlins nach der Wende vereinte, Kunstschaffende aus der ganzen Welt anzog und die zeitgenössische Underground-Kunst inspirierte. «In zehn Jahren haben uns über acht Millionen Kunstinteressierte besucht», vermeldete der Verein Tacheles vor zwei Jahren. Dabei hat es mit dem «Tacheles» (jiddische Bezeichnung für Klartext reden) gar nicht gut angefangen.

Abbruch oder Denkmalschutz

Das imposante Gebäude im Zentrum von Berlin war 1908 als Passagen-Kaufhaus erbaut worden. Es ging allerdings schon kurz nach Eröffnung in Konkurs. In der Folge wechselten sich Nutzung und Besitzer munter ab.

Die beiden Weltkriege überstand das sich auf mehr als zwei Hektaren ausdehnende Gebäude jedoch relativ unbeschadet. Mit der Gründung der DDR wurde es verstaatlicht. Zwischen 1969 und 1980 wurden wesentliche Teile abgerissen, eine geplante Neuüberbauung wurde jedoch nie Realität, stattdessen liegt der grösste Teil des Grundstücks seither brach. Die Bundesrepublik Deutschland, nach der Wende neue Besitzerin des Areals, verfügte den Abbruch der ungenutzten und heruntergekommenen Ruine. Doch kurz vor der Sprengung wurde das ganze Haus von der Künstlerinitiative Tacheles besetzt. Die Besetzer verhinderten nicht nur den Abbruch, sie erreichten sogar, dass das Gebäude 1992 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Eine Mark Miete

In den nächsten zwanzig Jahren entwickelte sich das Tacheles zu einer festen Grösse als Kunst-, Veranstaltungs- und Kommunikationszentrum. Es gab rund 30 Ateliers, Galerien, Verkaufslokale, ein Programmkino, diverse Räume für Konzerte, Tanz und Theater sowie zwei Gastrobetriebe. 1998 wurden die Brache und das Kunsthaus an einen Fonds der Immobiliengruppe Fundus verkauft. «Unter mysteriösen Umständen», wie der Verein Tacheles behauptet, denn eigentlich hätte das Grundstück an den Meistbietenden gehen müssen. Doch die Fundus bekam es für nur 2,8 Millionen Euro. Es sei mindestens das Zehnfache wert gewesen, selbst die Banken gingen von einem höheren Wert aus und belehnten es schliesslich mit rund 60 Millionen Euro. Der neue Besitzer offerierte den Besetzern jedoch einen Mietvertrag auf zehn Jahre, welchen diese auch akzeptierte, nicht zuletzt wohl aufgrund der symbolischen einen Mark Miete pro Jahr.

Wer ist eigentlich der Mieter?

Der Mietvertrag lief 2008 aus, und der Fundus-Fonds ist mittlerweile konkursit. Die HSH-Nordbank als Grundpfandgläubigerin fand keine Investoren, was den «Tachelesen» den weiteren Verbleib bis vor kurzem sicherte. Die auf den 5. April angesetzte Versteigerung wurde ohne Angabe von Gründen abgesagt. «Die Bank hat das Grundstück unter dem Tisch verschachert», behaupten die Künstler, die ihrerseits vor einem neuen Problem standen, hatte doch die HSH-Nordbank den Verein Tacheles um die Mietzinsen seit Ablauf des ursprünglichen Mietvertrags betrieben und in die Insolvenz geschickt. Nun will die Bank das Tacheles gerichtlich räumen lassen, weiss aber nicht genau, wer eigentlich «Mieter» ist.

Ein unmoralisches Angebot

Ein Anwaltsbüro hat einem Teil der Mieter darauf ein unmoralisches Angebot von einer Million Euro Abfindung gemacht. Prompt liessen sich einige der Künstler und «Tachelesen» von diesem Geld verlocken. So zum Beispiel der Betreiber des Café Zapata, der zuvor noch 600 000 Euro in das Künstlercafé investiert hatte, nach der Abfindung aber sofort die Läden herunterliess und auszog.

«Verrat!», rief die Gruppe der Verbleibenden sofort. «Die Alternative wäre gewesen, sich von der HSH Nordbank in den Ruin klagen zu lassen», teilen die Abtrünnigen auf ihrer Website mit und haben nicht unrecht damit. Denn die Chancen für die Ausharrenden sinken mit jedem Tag. Mittlerweile hat man ihnen das Wasser abgedreht und mit einer Mauer den Zugang zu den Werkstätten im Hinterhof verbarrikadiert. Auch Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, früher Befürworter des alternativen Kunsthauses, hat seine Meinung nun geändert: « Es ist nicht erstrebenswert, eine Ruinensituation über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten», sagte er im Berliner «Tagesspiegel». – «Wir sind drin und bleiben auch drin», erwiderte darauf jedoch Tacheles-Sprecher Martin Reiter.

Seit 20 Jahren wird im Tacheles mit kultivierter Versifftheit Geld verdient.

Seit 20 Jahren wird im Tacheles mit kultivierter Versifftheit Geld verdient.