Wir sind alle Gespenster

Stefan Kraft inszeniert in der St. Galler Lokremise Ibsens Drama «Gespenster» in ein verwinkeltes Bühnenbild hinein. Doch am Ende beherrscht der Raum die Inszenierung – und nicht andersherum.

Valeria Heintges
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Der steife Mantel der Moral: Felix Utting als Osvald (links), Bruno Riedl als Pfarrer in Ibsens «Gespenster». (Bild: Tine Edel)

Der steife Mantel der Moral: Felix Utting als Osvald (links), Bruno Riedl als Pfarrer in Ibsens «Gespenster». (Bild: Tine Edel)

Diana Dengler spielt Klavier. Traumverloren drückt sie einzelne Tasten. Wie Splitter dringen die falschen Töne ins Gehör, zerschneiden jede Harmonie. Und legen gleich die Grundstimmung für Henrik Ibsens Drama «Gespenster»: Schief, misstönend, schmerzhaft.

Viel Mist unterm Teppich

Stefan Kraft setzt viele Zeichen, um die vergiftete Atmosphäre im Haus des toten Kammerherrn Alving zu zeigen. Im Wohnzimmer liegen mehrere Lagen Teppich. Darunter wurde im Laufe der Jahre viel Mist gekehrt: Die Alkohol- und Streitsucht des Hausherrn, seine Liebe zum weiblichen Geschlecht im Allgemeinen und zum Hausmädchen im Besonderen – nicht einmal die aus dieser Verbindung entstandene Regine Engstrand weiss, dass nicht der Tischler, sondern der verstorbene Hausherr ihr Vater ist. Sohn Osvald sollte vom Lebenswandel des Vaters gar nichts erfahren – darum gab ihn Mutter Helene Alving im Alter von sieben Jahren aus dem Haus. Doch die Gespenster der Vergangenheit sind nicht tot, sondern lauern in jeder Ecke. Und in jedem Charakter.

Jetzt ist der Kammerherr seit zehn Jahren tot, der Junge kommt nach Hause – und seine Mutter will endlich ihre Liebe zu Pfarrer Manders leben. Der allerdings setzt immer noch Gesetz und Ordnung über Herz und Gefühl – und weist Helenes Avancen von sich.

Frau verschmilzt mit Sofa

Die ist mit der Unbill im Hause Alving mittlerweile so verwachsen, dass ihr bodenlanger Rock in der Ausstattung von Maude Vuilleumier optisch mit dem Sofa verschmilzt. Wenn sie Platz nimmt, ist nur ihre aufreizende Bluse zu sehen. Auch der Betschemel hat diesen vermaledeiten Stoff – wie sich immer zeigt, wenn der Pfarrer Helene wieder einmal nötigt, vor ihm niederzuknien.

Von seinem Kämmerlein unterm Dach könnte Osvald diese Vorgänge wunderbar beobachten: Eine Treppe führt hinauf und wieder hinunter in sein Reich, klein ist es und eng – so eng, wie ihm diese Welt trotz aller Abwesenheit immer noch ist. Tischler Engstrand, der jahrelang gerne als Vater von Regine fungiert hat – 300 Taler erleichterten ihm die Entscheidung –, hat hingegen in einer der Ecken ein grosses Atelier für sich: Auf Kunstrasen hat er sich eine Werkstatt gebaut, inmitten von antikisierenden Figuren. Im Laufe des 80minütigen Abends wird er sich ein schönes Vogelhäuschen zurechtzimmern und es gleich wieder zertrümmern und dazu brüllen: «Das Asyl brennt, das Asyl brennt!» Das hatte sich Helene Alving für ihre Zukunft gönnen wollen, jetzt steht sie vor dem Ruin. Denn Engstrand will sich auch etwas gönnen, ein «Seemannsheim», wie er es nennt. Bordell wäre der bessere Name dafür. «Tochter» Regine soll die Attraktion des Heimes werden, sprich: die Edelnutte. Da stört ihn Helenes Konkurrenz – dass sie ihr Asyl nicht versichert hat, stört ihn bei der Brandstiftung allerdings nicht.

Sehr auf die Mitte ausgerichtet

Faszinierend das Bühnenbild, das all diese verwinkelten Rückzugszimmer vereint, den Eingang links, das Wohnzimmer in der Mitte, Osvalds Zimmer oben und die Tischlerwerkstatt rechts. Die Zuschauer sitzen in Dreierreihen davor – und wer auf den Seiten sitzt, hat schon verloren. Denn Regisseur Kraft beherrscht diesen Raum nicht, sondern lässt sich von ihm beherrschen. Das Spiel wechselt nicht die Orte, ist nur auf die Mitte ausgerichtet. Auf der Seite sieht man viele Rücken und wenig Gesichter – und versteht akustisch extrem schlecht. Vor allem, wenn Felix Utting zu schreien beginnt, und das tut er viel zu oft, oder Diana Denglers leise Worte in den dicken Teppichen versickern. Und die Inszenierung läuft in ihr eigenes Messer.

Steif versteckt hinter der Moral

Zumal Ibsens Werk sehr kammerspielartig aufgebaut ist und in den Dialogen jedes Wort wichtig ist. Etwa Diana Denglers Helene mit Bruno Riedls Pfarrer rechtet – und sich die ein Leben lang brave Frau plötzlich als Herrin im Hause entpuppt, die sich von den überkommenen Werten des Pfarrers emanzipiert.

Manders ist ihrer Stärke nicht gewachsen, passend verschanzt sich Riedl steif wie ein Stock hinter seiner tönernen Moral. Durch dieses feine Geflecht läuft Uttings Osvald, auch der blödsinnige Strampelanzug macht ihn zum Elefanten im Porzellanladen, während Johanna Dähler das Dienstmädchen Regine zwischen Aufmüpfigkeit und Unterwürfigkeit schwanken lässt. Matthias Albolds Tischler hätte ein wenig mehr von solcher Doppelbödigkeit gut getan.

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