«Wir leben in einer korrupten Welt»

Im neuen Kriminalroman von Donna Leon geht es um gestohlene Bücher. In der St. Galler Stiftsbibliothek hat sie ihn vorgestellt – und sich zuvor mit uns zum Gespräch übers Schreiben, übers Leben – und über die Politik getroffen.

Rolf App
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Die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon in der St. Galler Stiftsbibliothek: «Einfach überwältigend.» (Bild: Peer Füglistaller)

Die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon in der St. Galler Stiftsbibliothek: «Einfach überwältigend.» (Bild: Peer Füglistaller)

Frau Leon, Sie stellen «Tod zwischen den Zeilen», Commissario Brunettis dreiundzwanzigsten Fall, hier in der Stiftsbibliothek St. Gallen vor. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Bibliotheken und zu alten Büchern?

Donna Leon: Ich habe eine ausgeprägte Beziehung zu Büchern. Aber mir fehlt diese besondere Sensibilität für alte, wertvolle Bücher, die bestimmten Menschen eigen ist. Man kann ein Buch ja als Objekt betrachten, dann treten noch andere Qualitäten hervor. Für mich als pragmatische Amerikanerin ist ein Buch ein Text – wie für die meisten Menschen.

Trotzdem lesen Sie in dieser alten Bibliothek. Sind Sie zum erstenmal in der Stiftsbibliothek?

Leon: Nein, nein. Ich bin schon mehrmals hier gewesen, das erste Mal in den Siebzigerjahren. Die Stiftsbibliothek sieht immer noch gleich aus, nämlich überwältigend. Ein Raum, geprägt vom Respekt für eine der grössten Errungenschaften der Menschheit: Diese Verbindung von Zeichen und Ton, die wir Sprache nennen. Ich empfinde das als etwas Magisches.

Es gibt einen realen Fall, der «Tod zwischen den Zeilen» das Thema geliefert hat. Ich meine den Bücherraub in der Biblioteca dei Girolamini in Neapel. Wie hat dieser Diebstahl von Tausenden wertvoller Bücher Ihr Buch beeinflusst?

Leon: Mich hat an diesem Fall erschreckt, dass Menschen so etwas tun können. Es ist eine Sache, ob man bei Cartier Uhren stiehlt, die ersetzbar sind, oder ob es um etwas so Einzigartiges geht wie um ein altes Buch. Für mich hat diese Art von Verbrechen ein anderes moralisches Gewicht. Wenn Sie einem andern Menschen den Computer oder das Auto stehlen, kann er einen neuen Computer oder ein neues Auto kaufen. Aber wenn Sie einen Codex aus dem 15. Jahrhundert stehlen, dann ist dieses wertvolle Buch unwiederbringlich verloren. Denn der Dieb muss es für alle Zeiten vor der Öffentlichkeit verstecken. Deshalb habe ich sofort gedacht, als ich von diesem Raub erfuhr: Das ist ein Stoff für mich.

Es steckt in diesem wie auch in vielen andern Ihrer Bücher viel politische Analyse. Sie beschreiben eine in Teilen korrupte Gesellschaft. Welche Gesellschaft meinen Sie: die venezianische? Oder beschreiben Sie globale Zustände?

Leon: Ich glaube, die Welt ist so – aber Italien ist es auf sichtbare Art und Weise. Ich stelle zwar fest, dass es umso weniger Korruption gibt, je weiter man nach Norden kommt. Aber denken Sie an die Fifa. Alle haben gewusst, da ist etwas faul, und zwar seit Jahrzehnten. Deshalb steckt durchaus ein politisches Statement in meinen Büchern – wie in den meisten Kriminalromanen heutzutage: Dass wir in einer korrupten Welt leben.

Sie beschreiben ein keineswegs makelloses Venedig. Aber Sie leben seit Jahrzehnten dort. Was macht denn für Sie die Faszination dieses Ortes aus?

Leon: Ach, es gibt dort so viel Schönheit. Ich meine damit nicht nur die Kirchen und Palazzi oder die Kanäle. Ich meine die Menschen. Die Italiener sind sehr gut aussehende, gut gekleidete Menschen, Männer wie Frauen. Wenn man also Schönheit liebt wie ich, dann ist Venedig genau der richtige Ort. Und wenn man schon in einer korrupten Stadt leben muss, dann doch wenigstens in einer schönen.

Der Schönheit wegen aber kommen ja auch diese Touristenmassen, die im Sommer über die Stadt hereinbrechen. Was tun Sie dann?

Leon:Ja, dann ist es unerträglich. Ich versuche dem aus dem Weg zu gehen und ziehe mich in die Berge zurück.

Im Zentrum Ihrer schriftstellerischen Welt steht Commissario Guido Brunetti. Wie würden Sie ihn als Menschen beschreiben?

Leon: Er ist ein ernsthafter Leser. Und er denkt über das nach, was er liest. Mehr noch: Er denkt über das nach, was er sieht. Er ist also ein nachdenklicher Mensch. Und er fragt sich immer: Warum? In allen meinen Büchern, die ihn als Hauptperson haben, geht es ihm weniger um das Lösen eines Falles als um die Antwort auf die Frage, warum jemand so handelt, wie er es tut. Natürlich steckt darin meine eigene Neugier. Wobei mich das Gute ebenso interessiert wie das Schlechte. Allerdings kaufen die Leute lieber Bücher über das Schlechte als über das Gute.

Und warum interessiert Brunetti Sie immer noch – nach 23 Folgen?

Leon: Es sind schon mehr, ich habe gerade den 25. Brunetti beendet. Ein Buch zu schreiben kann ganz ähnlich sein wie ein langweiliges Dinner, das nie aufhören will. Bei Tisch helfen interessante Gespräche, beim Schreiben liebe ich es, eine Geschichte zu entwickeln. Es macht Freude, Szenen zu entwerfen. Ein Beispiel: Im Buch, das ich gerade fertig habe, ist Paola einmal sehr freundlich zu ihrem Mann, und er fragt: «Verstösst so etwas nicht gegen Deine feministischen Prinzipien?» Worauf sie antwortet: «Liebe übertrumpft alle Prinzipien.» So etwas zu schreiben, das macht mir enorm Spass.

Haben Sie denn einen Plan im Kopf, wenn Sie ein Buch schreiben?

Leon: Oh, nein. Ich bin in meinem Leben noch nie einem Plan gefolgt. Nie habe ich einen sicheren Job gehabt, das ist kein Zufall. Vier Jahre lang habe ich in Iran unterrichtet, dann brach die Revolution aus und ich wurde evakuiert. Ich hatte keine Stelle in den USA und wenig Geld. So bin ich nach China gereist, um dort ein Jahr lang zu arbeiten. Kein seriöser Mensch würde das tun. Ich aber mache keine Pläne, weder für mein Leben noch für meine Bücher. Mein Leben gleicht einem Billardspiel: Immer wieder trifft die Kugel an die Bande und schlägt eine andere, unvorhergesehene Richtung ein.

Und wie finden Sie denn ein Ende?

Wie lösen Sie den Fall?

Leon: Ich kümmere mich gar nicht um eine Lösung. Ich folge einfach der Billardkugel.

Was kommt als nächstes? Der 24. Brunetti- Roman?

Leon: Der 24. Brunetti ist, zum dritten Mal, ein Buch über die Oper. Der 25. Brunetti knüpft an eine Geschichte des Kriminalschriftstellers Ross Macdonald an, den ich sehr verehre. Er hat einen Fall beschrieben, dessen Ursache Jahrzehnte zurückliegt. So etwas mache ich in meinem 25. Brunetti auch, was chronologisch ziemlich kompliziert ist. Normalerweise fällt mir die Entwicklung der Handlung leichter, als es in diesem Fall war.