«Wir haben zwei glückliche Leben»

Morgen erhalten Esther und Rolf Hohmeister, die Gründer der Bad Ragartz, den Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung. Alle drei Jahre organisieren sie in und um Bad Ragaz und in Vaduz eine kostenlose Skulpturenausstellung. Im Interview erzählen sie über ihr Engagement.

Christina Genova
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Esther und Rolf Hohmeister machen Nägel mit Köpfen für das Kulturleben in der Region Sarganserland-Walensee. (Bild: Ralph Ribi)

Esther und Rolf Hohmeister machen Nägel mit Köpfen für das Kulturleben in der Region Sarganserland-Walensee. (Bild: Ralph Ribi)

Esther und Rolf Hohmeister, was bedeutet Ihnen der Preis der St. Gallischen Kulturstiftung?

Esther Hohmeister: Es ist ein gewaltiges Geschenk und eine grosse Ehre, diesen Preis zu bekommen. Die Leute freuen sich ehrlich mit uns und sagen: Wenn es jemand verdient, dann seid ihr es.

Rolf Hohmeister: Wir engagieren uns schon seit Jahrzehnten für die Kultur in der Region. Mit viel Disziplin und Hartnäckigkeit arbeiteten wir an unserem Erfolg. Für uns im Süden des Kantons liegt die Stadt St. Gallen am andern Ende der Welt. Die Minderwertigkeitskomplexe unserer Region sind auch durch die Distanz entstanden. In der Kulturförderung hat sich der Kanton bis vor 15 Jahren zu einem grossen Teil auf die Stadt beschränkt. Die andern sagten immer: «Me sött». Da haben wir aus Protest gegen den Konjunktiv etwas ins Leben gerufen. Um den Leuten zu zeigen, dass man einen persönlichen Traum umsetzen kann. Aber Träume sind bekanntlich harte Arbeit.

Wie hat es angefangen mit der Bad Ragartz?

Esther Hohmeister: 1999, vor dem Millennium, sagten wir uns, wir müssen etwas tun. Wir haben relativ kurzfristig 42 Künstler angefragt, und im Mai 2000 fand die erste Ausstellung statt.

Rolf Hohmeister: Bei den ersten drei Ausstellungen haben wir eine Hypothek von je 750 000 Franken auf unser Haus aufgenommen. Bis heute schreiben wir jeweils rund 30 000 Bettelbriefe. Heute beträgt unser Budget gut zwei Millionen.

25 000 Besucher kamen dieses Jahr alleine an die Vernissage, rund 500 000 besuchten die Bad Ragartz insgesamt. Der Hunger nach Kultur scheint gross zu sein.

Rolf Hohmeister: Hunger ist das richtige Wort. Aber es ist so, wie wenn man jeden Tag Kaviar isst. Dann gewöhnt man sich daran und es schmeckt nicht mehr. Es ist wichtig für uns, dass die Gewöhnung nicht eintritt. Darum findet die Bad Ragartz auch nur alle drei Jahre statt.

Am Sonntag ging die sechste Bad Ragartz zu Ende. Wie geht's weiter?

Rolf Hohmeister: Am Tag der Eröffnung fangen jeweils schon die Vorbereitungen für die nächste Ausstellung an. Wir haben schon Dutzende, wenn nicht Hunderte Bewerbungen für die Bad Ragartz 2018. Sie ist heute die Skulpturenmarke auf der Welt. Esther Hohmeister: Wir sind dauernd schwanger mit dieser Ausstellung. Jetzt kommen aber etwas ruhigere Zeiten. Allen, die eine Bewerbung geschickt haben, habe ich ein Mail geschrieben, dass sie noch Bescheid bekommen. Wir müssen erst den Kopf lüften. Im Sommer 2017 entscheiden wir dann, wer an die Bad Ragartz 2018 kommt.

Über tausend Medienberichte wurde über die Bad Ragartz geschrieben. Im Feuilleton hingegen findet die Triennale nicht statt. Wie erklären Sie sich das?

Rolf Hohmeister: Es gibt Kunst, die ist belehrend, akademisch, intellektuell. Und es gibt eine andere Kunst, welche die Sehnsucht der Menschen erfüllt, ohne belehren zu wollen. Wir wollen jene Menschen erreichen, welche sonst nie eine Chance haben, Kultur zu begegnen. Bei uns gibt es keinen Eintritt, keine Türen, keine Schwellen. Bis 1995 hat das Feuilleton über unsere Ausstellungen geschrieben. Aber es erschienen mehr Medienseiten als Besucher. Wir haben nur jene erreicht, welche sowieso Bücher lesen, ins Museum und in die Galerien gehen. Deshalb sagten wir uns: Jetzt müssen wir unser Konzept ändern und etwas für die Menschen tun, nicht für die Goldküste.

Wie schaffen Sie das enorme Arbeitspensum neben ihrer Tätigkeit als Chefarzt? Haben Sie noch Zeit für Zweisamkeit?

Rolf Hohmeister: Wir haben Gott sei Dank zwei glückliche Leben. Von morgens ums sechs Uhr bis abends um halb acht Uhr bin ich Arzt und danach fängt das zweite Leben an. Kultur heisst ja nicht nur Skulpturen. Das heisst auch einander zuhören, einen guten Wein trinken, miteinander Musik machen. Ich spiele Klavier oder Handorgel und meine Frau singt oder spielt Klarinette. Seit 49 Jahren sind wir ein Paar, davon 44 verheiratet. Ohne diese Frau hätte ich nicht überlebt.

Treffen Sie die Auswahl der Künstler für die Bad Ragartz gemeinsam?

Esther Hohmeister: Meistens bin ich die erste, welche eine Bewerbung anschaut. Dann schreibe ich einen kleinen Kommentar auf ein Post-it: Schön, da müssen wir dranbleiben. Oder: um Himmels willen Nein. Zu 99 Prozent stellt sich heraus, dass mein Mann und ich uns einig sind. Wir entscheiden mit Herz, Bauch und Seele. In der Jury sind ausserdem unsere Tochter Andrea Hohmeister, der Grafiker der Bad Ragartz, Ernst Schadegg, und ein wechselnder Künstler.

Sie sind ein Familienbetrieb, Ihre drei Töchter sind schon heute bei der Bad Ragartz engagiert. Werden sie damit weitermachen, wenn Sie einmal nicht mehr die Kraft dazu haben?

Rolf Hohmeister: Ganz bestimmt. Wir sind eine Stiftung, nach Schweizer Recht mit fünf Stiftungsräten: Mein Schwiegersohn Armando Bianco, Andrea Hohmeister, Andreas Sturzenegger und wir beide.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Rolf Hohmeister: Der Schwung der Bad Ragartz soll sich fortsetzen.

Esther Hohmeister: Die Leute sind jetzt wachgerüttelt. Sie wollen das Dorf in den Jahren zwischen der Bad Ragartz mit anderen Aktivitäten beleben.