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Interview

«Wir haben es geschafft, das Schauspiel in St. Gallen wieder auf die Theaterlandkarte zu setzen»

Zum Ende der Saison ein kritischer Blick zurück, ein hoffnungsfroher Blick nach vorn: Der St.Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht über sperrige Zeiten, das zu grosse Theater und die Chancen des Umbaus.
Julia Nehmiz
Jonas Knecht ist seit 2016 Schauspieldirektor am Theater St.Gallen. (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Jonas Knecht ist seit 2016 Schauspieldirektor am Theater St.Gallen. (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Seine dritte Spielzeit ist fast rum. Für weitere drei Jahre läuft sein Vertrag: Zeit für eine Art Halbzeitbilanz. Während seine Schauspielerinnen und Schauspieler für die ersten drei Premieren der nächsten Saison proben, empfängt Schauspieldirektor Jonas Knecht (46) an einem heissen Sommervormittag in seinem Büro, um die aktuelle Spielzeit Revue passieren zu lassen.

Die Spielzeitpause steht vor der Tür, Ihr Ensemble spielt keine Vorstellungen mehr. Wie blicken Sie auf die Saison zurück?

Jonas Knecht: Sehr zufrieden, muss ich sagen. Wir alle haben das Gefühl, langsam angekommen zu sein. Ein Neustart braucht Zeit, man sagt, mindestens drei Jahre. Ungeduldig, wie ich bin, dachte ich, das dauert bei uns ein Jahr. Ich kenne doch St. Gallen! Aber ich kenne es eben von früher und nicht aus dieser Position heraus.

Fremdeln Sie mit der Stadt? Hadern Sie mit dem Theaterpublikum?

Nein, im Gegenteil. Nehmen wir die Lokremise: Dort zeigen wir zeitgenössische Stücke von jungen Autoren. Die Stücke behandeln Jugendgewalt, bipolare Störung, Sterbehilfe, administrative Versorgung. Das wird hervorragend angenommen, wir haben eine Auslastung von 80 bis 90 Prozent. Die Menschen stellen sich offensichtlich diesen Themen und wollen mit den Mitteln des Theaters darüber reden.

Im Grossen Haus ist der Erfolg des Schauspiels ­kleiner.

Es ist schwieriger, Zuschauerinnen und Zuschauer ins Grosse Haus zu bringen. Ich dachte, «Der nackte Wahnsinn» schlägt ein wie eine Bombe. Das tat es nicht. Es war gut besucht, das schon. Aber es wurde klar, auch eine Komödie ist kein Garant für ein volles Haus.

«Der nackte Wahnsinn», eine Komödie von Michael Frayn, feierte am 11.Januar 2019 Premiere im Grossen Haus des Theaters St.Gallen (Bild: Sebastian Hoppe)

«Der nackte Wahnsinn», eine Komödie von Michael Frayn, feierte am 11.Januar 2019 Premiere im Grossen Haus des Theaters St.Gallen (Bild: Sebastian Hoppe)

Das Weihnachtsmärchen hingegen schon.

Ja, bei «Neues vom Räuber Hotzenplotz» hatten wir 100 Prozent Auslastung. Familien und Kinder rennen uns die Bude ein. Das Familienstück haben wir zu wenig gespielt, da könnten wir jedes Jahr mehr Vorstellungen ansetzen. Aber da gibt es das alte Problem: Zwischen Oper, Musical und Tanz ist es schwierig, noch mehr Termine zu finden.

Beim Abendspielplan im Grossen Haus harzte es allerdings etwas.

Nicht bei der Qualität! «Endstation Sehnsucht», unsere letzte Premiere, ist meiner Meinung nach sehr gut geglückt. Wir starteten mit «Szenen einer Ehe», das lief nicht top, aber gut. Es war eine zugängliche Inszenierung, hat sich aber nicht so herumgesprochen wie erwartet. Wir fragen uns immer wieder: Mit welchen Stoffen kriegt man Leute ins Grosse Haus. Vielleicht muss man einfach einmal pro Spielzeit Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» zeigen. (lacht)

In Ihren drei St. Galler Jahren gab es einige Auf und Abs.

Die zweite Spielzeit war die sperrigste. Die Euphorie des Anfangs war vorbei, wir versuchten, Korrekturen von der ersten Saison anzubringen. Die erste Spielzeit war sehr mutig, wir brachten neue Dramatik auch ins Grosse Haus. Das machen wir nun in der Lokremise. Wenn nur 150 Personen im Grossen Haus sitzen, dann ist das für Schauspieler und Publikum kein gutes Gefühl. 150 Personen in der Lokremise bedeutet ausverkauft.

Bei «Versetzung», einem Drama von Thomas Melle, hiess es ab der Premiere am 13.9.2018 in der Lokremise immer: Ausverkauft. (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Bei «Versetzung», einem Drama von Thomas Melle, hiess es ab der Premiere am 13.9.2018 in der Lokremise immer: Ausverkauft. (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Worüber freuen Sie sich?

Dass wir wahrgenommen werden. Die regionale und nationale Presse, die Fachzeitschrift «Theater der Zeit», das Onlineportal «Nachtkritik», sie alle schreiben über uns. Das tut gut. Auch am Schweizer Theatertreffen im Wallis wurde über uns geredet. Das ist schön! Wir haben es geschafft, das Schauspiel in St. Gallen wieder auf die Theaterlandkarte zu setzen.

Und worüber haben Sie sich geärgert?

Hm. Abgesehen von täglichen kleinen Ärgernissen im Betrieb hatte ich nicht viel, um mich zu ärgern.

Doch, vielleicht ärgere ich mich darüber, warum es im Grossen Haus so schwer ist, ein Publikum zu finden.

Warum der Erfolg in der Lokremise nicht zum Sog wird. Die Schwelle zum Grossen Haus ist offensichtlich noch immer zu gross.

Vielleicht ist das Grosse Haus zu gross mit seinen 740 Plätzen.

Ach, es ist auch toll: so eine grosse Bühne! Der Raum, die Züge, die technischen Möglichkeiten! Aber es stimmt, es ist gross, selbst für Oper und Musical ist es nicht immer einfach, das Theater zu füllen.

Haben Sie den Theatercontainer als Gegenpol zum Grossen Haus erfunden?

Nicht als Gegenpol, als Ergänzung. Wir sind mit dem Container durchs Rheintal getourt, Ende Juni war die letzte Vorstellung in Chur. Ich möchte den Container unbedingt wieder in der Stadt haben. Über schnelle, kleine Formate kommen wir in Kontakt zum Publikum. Das wird ja dann in der Umbauspielzeit ein grosses Thema: raus, raus, raus. Vielleicht können wir mit dem Container schon ein paar Vorboten legen.

Mit «Spekulanten», einem Stück des Rheintaler Autors und Regisseurs Philippe Heule, tourte das Theater im Container durch das St.Galler Rheintal. (Bild: Tine Edel)

Mit «Spekulanten», einem Stück des Rheintaler Autors und Regisseurs Philippe Heule, tourte das Theater im Container durch das St.Galler Rheintal. (Bild: Tine Edel)

Wenn Sie sich was wünschen dürften?

... käm’ ich in Verlegenheit. (lacht) Ein wahnsinnig schönes Lied. Aber ja, klar gibt es Wünsche. Es wäre phantastisch, die Freiheit, die wir in der Lokremise haben, im Grossen Haus zu haben. Der Druck, das Grosse Haus zu füllen, so viel Geld einzuspielen, wirkt sich auch auf die Spielplangestaltung aus. In der Umbauspielzeit sehe ich eine grosse Chance.

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