Die Tonhallenchefin sagt: «Wir fragen immer wieder Dirigentinnen an»

Ein neuer Umgangsstil und viele Talente, die noch kommen: Die Intendantin des Tonhalle-Orchesters Zürich, Ilona Schmiel, spricht im Interview über den Siegeszug der Frauen.

Rolf App
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Ilona Schmiel, Intendantin des Tonhalle-Orchesters Zürich. (Foto: Paolo Dutto)

Ilona Schmiel, Intendantin des Tonhalle-Orchesters Zürich. (Foto: Paolo Dutto)

Gerade hat mit Paavo Järvi der elfte Chefdirigent in seiner 151-jährigen Geschichte die Leitung des Tonhalle-Orchesters Zürich übernommen. Hätte die Wahl auch auf eine Frau fallen können?

Ilona Schmiel: Nein, in diesem Fall nicht. Er war der Wunschkandidat, weil er am besten in unser Konzept für die Zukunftsfähigkeit des Tonhalle-Orchesters Zürich passt. Und er ist nun mal keine Frau.

Haben Sie bei der Nachfolge auch über Frauen diskutiert?

Natürlich. Aber nicht weil sie Frauen sind, sondern weil sie tolle Dirigentinnen sind. Für mich steht in diesen Debatten stets die Qualität an allererster Stelle, nicht das Geschlecht. Was aber nicht bedeutet, dass wir uns nicht intensiv um Frauen bemühen.

Wie denn?

Wir fragen immer wieder Dirigentinnen an. Kommendes Wochenende etwa wird Alondra de la Parra zwei Konzerte dirigieren. Seit 2016 entwickelt sich mit ihr eine kontinuierliche Zusammenarbeit, was ganz in unserem Sinne ist. Mit ihr wie mit anderen Dirigentinnen geht es auch darum, eine Zukunft zu bauen.

Bei alledem aber fällt auf, dass im Klassikbetrieb immer noch ziemlich wenige Dirigentinnen unterwegs sind.

Es braucht eine gewisse Zeit, um diese absolute, über die letzten 150 Jahre gewachsene Männerdomäne zu beseitigen. Aber es sind Entwicklungen im Gang, die mir sehr Hoffnung machen.

Was für Entwicklungen?

Ein Haupthindernis für weibliche Karrieren stellten lange die Klangkörper selber dar und jene, die darüber entscheiden, wer eingeladen wird. In dem Mass, in dem sich in diesen Gremien und Spitzen-Positionen Frauen befinden, werden auch vermehrt Dirigentinnen angefragt. Die grössere Offenheit gegenüber Dirigentinnen hängt aber auch mit ihrer verstärkten medialen Präsenz zusammen. Das Internet verleiht ihnen eine deutlich grössere Sichtbarkeit.

Hängt die männliche Prägung des Dirigentenberufs auch damit zusammen, dass mit ihm Macht, Charisma und ein autoritärer Stil verbunden wurde – der sich nun langsam auflöst?

Der Dirigent hat eine Machtposition, ob er nun Mann ist oder Frau. Aber die Frage ist natürlich, wie er – oder sie – diese Macht nutzt. Die gesellschaftlichen Erwartungen haben sich verändert, in der Politik, in der Wirtschaft, und auch in der Kultur. Damit aber macht ein autoritär geprägter Umgang einem anderen Musizieren Platz. Das kann viele sehr gute Dirigentinnen in wichtige Positionen bringen.

Aber wollen das junge Frauen überhaupt?

Oh ja. Wir sehen zum Beispiel in der Dirigierklasse der Zürcher Hochschule der Künste grosse Talente, für die sich in zunehmendem Mass auch die Künstleragenturen interessieren.