Winterthurs grosse Kiste

Das Theater Winterthur führt «Dornröschen – die letzte Zarentochter» auf, ein Ballett von Youri Vámos, das zu Tschaikowskys Musik eine neue Geschichte erzählt.

Rolf App
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Ein Traum vom Zarenhof: «Dornröschen – Die letzte Zarentochter» mit der Musik von Pjotr Tschaikowsky. (Bild: Jochen Klenk)

Ein Traum vom Zarenhof: «Dornröschen – Die letzte Zarentochter» mit der Musik von Pjotr Tschaikowsky. (Bild: Jochen Klenk)

«Hello», «Hallo». Es ist Mittwochnachmittag, Thomas Guglielmetti steht an der Treppe des Theaters Winterthur und sagt, wo es lang geht. Die Garderoben sind mit fremdländischen Namen angeschrieben, einige Tänzerinnen und Tänzer ziehen sich schon um.

Ein Grossunternehmen

Jetzt ist die grosse Kiste da, die Guglielmetti als künstlerischer Leiter des Theaters gemeinsam mit dem Badischen Staatsballett Karlsruhe ins Werk gesetzt hat. «Grösser geht es nicht mehr», sagt er, und schätzt, dass an die 150 Leute beteiligt sind: vierzig Tänzerinnen und Tänzer aus Karlsruhe, die Musiker des Musikkollegiums Winterthur, die schon seit zwei Tagen proben, die Schülerinnen und Schüler des Kindertanztheaters Claudia Corti, die Statisterie des Theaterchors Winterthur. Heute abend ist Premiere, bis dahin müssen sich die Winterthurer und die aus Karlsruhe Angereisten gefunden haben.

Nur halb so breit

Und: Die Karlsruher müssen sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt haben. Was nicht ganz leicht ist. Denn zu Hause haben sie eine 24 Meter breite Bühne, hier sind es zwölf. Die Kulissen sind schon reduziert, jetzt aber muss sich auch die Choreographie anpassen.

Das Musikkollegium freut sich, dass es für einmal ein Ballett begleiten darf, noch dazu mit der stimmungsvollen Musik Pjotr Tschaikowskys. Der hatte «Dornröschen» 1890 für den Zaren komponiert, der das Ballett mit der Choreographie von Marius Petipa mit dem zweideutigen Kompliment quittierte: «C'était assez joli.» Allerdings: Es ist nicht dieses «alte» Ballett, das die Winterthurer sehen werden. Der in Budapest geborene, später in München, Dortmund, Bonn und Basel tätige Choreograph Youri Vámos hat 1981 begonnen, den so genannten Handlungsballetten des 19. Jahrhunderts neue, zeitgemässere Handlungen zu unterlegen – allerdings durchaus mit Bezug zur ursprünglich darin erzählten Geschichte.

Die falsche Anastasia

Über Tschaikowskys «Dornröschen» sagte Vámos: «Ich suche die Menschen in diesen Stücken und finde sie nicht.» Um dem abzuhelfen, lag der Bezug zum Zarenhof nahe – und zu einer Frau, deren Fall in den 1970er-Jahren für einiges Aufsehen gesorgt hatte. Sie behauptete, die Zarentochter Anastasia zu sein. Sie habe 1917 die Ermordung ihrer Familie überlebt und sei von einem Mann namens Alexander Tschaikowski gerettet und in den Westen gebracht worden. Immer wieder fand diese Frau Gönner, die ihr glaubten, immer wieder aber landete sie in der Psychiatrie. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte endgültig nachgewiesen werden, dass zwischen ihr und der ermordeten Zarenfamilie keinerlei Verwandtschaft bestand.

Youri Vámos nun lässt in seinem Ballett diese «letzte Zarentochter» von den Jahren der Kindheit am Zarenhof träumen. Sie erinnert sich, flüchtet sich in eine nostalgische Traumwelt, wird aber auch immer wieder zurückgeworfen in ihre reale Berliner Welt – aus der sie tatsächlich gekommen ist.

Vorstellungen am Theater Winterthur: Heute bis Samstag, 19.30 Uhr, Sonntag, 14.30 Uhr.

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