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WINTERTHUR: Der Abfall fällt zurück auf die Erde

Der Welt geht's dreckig. Der Abfall, den die Menschen ins All geschossen haben, fällt auf sie zurück. Karl's kühne Gassenschau richtet wieder gross an, lässt Güselsäcke vom Himmel regnen, macht auf Klamauk und Poesie. Gestern abend war Premiere der neuen Produktion «Sektor 1».
Dieter Langhart
«Alles ist wunderschön in der Zukunft, ihr braucht keine Angst zu haben»: Karl's kühne Gassenschau stellt ihr neues Spektakel «Sektor 1» vor. (Bild: ky/Walter Bieri)

«Alles ist wunderschön in der Zukunft, ihr braucht keine Angst zu haben»: Karl's kühne Gassenschau stellt ihr neues Spektakel «Sektor 1» vor. (Bild: ky/Walter Bieri)

WINTERTHUR. Publikum im Blindflug: Über 100 000 Tickets weg, fast alle Vorstellungen ausverkauft noch vor der Premiere, ohne dass jemand auch nur einen Blick auf das neue Stück erhascht hat – das schafft nur Karl's kühne Gassenschau. Seit gut zwanzig Jahren lässt sich keiner ihre Freiluft-Spektakel entgehen. Denn die Kühnen haben das Volkstheater neu erfunden, zuletzt mit «Akua», «Silo 8», «Fabrikk», jetzt mit «Sektor 1».

Theater im Breitwandformat

In diesem Theater ist alles drin: Kritik und Klamauk, Vergangenheit und Zukunft, die grosse Geste und die zarten Zwischentöne. Die Truppe, die 1984 mit Strassen-Variété begonnen hat, kann das Grelle und die Poesie des Zirkus nicht lassen, mit «Sektor 1» macht sie erneut Theaterkino im Breitwandformat. Vor der Stadt, im Industriepark von Oberwinterthur.

Dabei beginnt alles so lieblich in einer nicht allzu fernen Zukunft. Es grünt so grün im Park, der sich vor den 1400 Zuschauern hin wellt. Wer brav ist, darf in der Wohlfühloase Federball spielen oder am Grill echtes Schlangenbrot backen, Enten im Teich beobachten oder einen Hirsch erlegen. «So ist das Leben der Perfekten», singen die Artigen. Brav ist, wer alle Regeln befolgt – wer sich querstellt, wird von Frau Krähenbühl und Assistent Blumer in den Kerker geschickt, tief unter ihrem silbernen Kommandoturm.

Wie in der Strafkolonie

Den Park hält eine zusammengewürfelte Schar auf Vordermann, von den Punks Jamie und Rony über den spröden Erfinder Detlef Schröder und das Fräulein Ida bis zum Altrocker Rico, der sich zum Boss aufgeschwungen hat, und sie singen fröhlich das Lied vom «Bürstenstock». Hinzu stösst die Familie Moretti, die einen Tag helfen muss, zur Strafe. Und dann regnet es Säcke vom Himmel.

Ein Güselsack nach dem andern kracht auf das Grün, drei von der Putzkolonne denken an «Vier Fäuste für ein Halleluja» und liefern sich Zweikämpfe mit den Säcken. Dann plumpst ein Ding aus der Altkleidersammlung herab, und alle balgen sich um den Inhalt. Rico grinst und schnappt sich das Ledergilet.

Anklänge an «Silo 8»

Manches in «Sektor 1» erinnert an «Silo 8», der zwanzigsten Produktion von Karl's kühner Gassenschau und der ersten auf Winterthurs Industriebrache. Fast 600 000 Zuschauer haben sie gesehen von 2006 bis 2010, in Winterthur, Olten, St-Triphon.

Auch «Sektor 1» spielt in einer kommenden Zeit und einer in «die da oben» und «wir hier unten» geteilten Welt. Das weissgekleidete Kommando-Duo rollt auf Elektro-Zweirädern durchs Bühnenbild, wenn es nicht vom Turm herab kommandiert. Ein Comeback hat Fräulein Ida (Brigitt Maag), krummbeinig, mit krächzender Stimme und tröstlich gegen Schluss: «Alles ist wunderschön in der Zukunft, ihr braucht keine Angst zu haben.»

Neil Filbys Band liefert den krachenden Soundtrack, während Pyromanen aus dem Untergrund ihre Feuerwerke zünden, und sie schlägt sanfte Töne an, wenn der Kran ein Karussell aus dem Untergrund hievt. Nur das weisse Luftschiff aus «Silo 8» lässt sich nicht wiederholen, auf dem Alfredo und Aurora und ihre unzerstörbare Liebe entschwebten. Doch die Darsteller Luigi Prezioso und Maria Augusta Balla sind geblieben, geben Giorgio und Rosa Moretti-De Simone.

Thurgauer neu im Ensemble

Noch mehr der Kühnen sind seit Jahren dabei, etwa Paul Weilenmann, wie Brigitt Maag einer der Mitgründer. Und für «Sektor 1» sind zwei neue Spieler zum Ensemble gestossen, der Thurgauer Simon Engeli (Blumer) und Céline Rey (Daniela De Simone). Beide haben ihr Handwerk in Verscio bei Dimitri gelernt, aber das Spiel mit der Bewegung beherrschen die andern kaum weniger. Hier springt Rony halb nackt in den Teich, der sich später als bodenloser Schlund eines stillgelegten Reaktors entpuppt; da tanzt die Equipe einen Rap zum italienischen Volkslied, das Rosa aus voller Kehle singt, oder trommelt den Takt auf den Rädern des Monstertrucks, mit dem Krähenbühl aus der Hölle zu reiten scheint.

Stunts und Knalleffekte

«Sektor 1» gibt sich etwas weniger poetisch als «Silo 8», aber nicht minder einfallsreich. Und genau davon lebt die Gassenschau: dass sie ihre Stücke rhythmisch aufbaut, dass die Stunts und Höhepunkte einander nicht eliminieren, sondern wie Knalleffekte die Zuschauer aus den Sesseln holen. Trotz Zwischentönen und kammerspielartigen Momenten muss eine Show wie «Sektor 1» plakativ bleiben, überblickbar die Aussage: Retten wir diese Welt vor dem Untergang. Und wie zur Versöhnung spannte sich an der besuchten Preview am Mittwoch ein wunderbarer Regenbogen über die Bühne.

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