Winterreise mit Weggefährten

Daniel Behle ist ein gefragter Tenor für Mozart- und Wagner-Opern. In St. Gallen singt er Franz Schuberts «Winterreise». Mit seiner Bearbeitung für Tenor und Klaviertrio rüttelt er das Publikum mit neuen Zugängen auf.

Bettina Kugler
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Winterreisende auf freiem Feld: Daniel Behle (2. v. l.) und das Oliver Schnyder Trio an der ältesten Linde der Schweiz. Der Hut flog Oliver Schnyder (rechts) noch nicht vom Kopf wie in Wilhelm Müllers Text «Die Winterreise». (Bild: Marco Borggreve)

Winterreisende auf freiem Feld: Daniel Behle (2. v. l.) und das Oliver Schnyder Trio an der ältesten Linde der Schweiz. Der Hut flog Oliver Schnyder (rechts) noch nicht vom Kopf wie in Wilhelm Müllers Text «Die Winterreise». (Bild: Marco Borggreve)

Eigentlich müsste er dringend Ferien machen. Während der Sommerwochen war Daniel Behle beim Theaterfestival in Aix-en-Provence und hat dort eine seiner Lieblingspartien gesungen, den Belmonte in Mozarts «Entführung aus dem Serail». Doch nicht nur das: In jeder freien Minute sass er am Klavier, hat unermüdlich geübt und Rollen studiert, denn seine Agenda für 2015, 2016 und 2017 ist gut gefüllt. Mit neuen Herausforderungen: Mozarts «Così fan tutte» im Covent Garden, Erik in Wagners «Der fliegende Holländer» an der Oper Frankfurt; 2017 dann den David in einer Neuproduktion von «Die Meistersinger von Nürnberg» bei den Bayreuther Festspielen.

Da ist ein lyrischer Tenor, der sich in den letzten Jahren als Mozart-Sänger, als feinsinniger, ungemein natürlich agierender Liedinterpret einen Namen gemacht hat, unterwegs zu dramatischeren Partien.

Daheim wartet die Kinderparty

Zu Hause in Basel hat der zweifache Vater anderes zu tun: spielen, Windeln wechseln, Kindergeburtstag feiern, gemeinsam mit seiner Frau – auch sie ist Musikerin, Bratschistin – der dreijährigen Tochter Schubert-Lieder zum Einschlafen singen. Da zieht er sich nicht gern stundenlang ans Klavier zurück.

Zwischendrin noch ein Konzert an der Schubertiade, wo wir ihn treffen. «Sauschwierig» sei das Programm, das ihm am Nachmittag bevorsteht, sagt er; vom opernhaft packenden «Vatermörder» des erst 14jährigen Schubert spannt es den Bogen zu «Auf dem Strom», der sanft elegischen Liedkantate für Tenor, Klavier und Hornbegleitung.

Allegro – ma non troppo

Fast alles ist in sehr hoher Lage, manches völlig abseitig, anderes so bekannt, dass das Publikum erwartungsvoll und entsprechend kritisch aufhorchen wird. Behle nimmt es, wie es kommt. Er kennt seine Stärken, weiss aber auch, dass es auf den Moment ankommt – und auf die Tageszeit. «Wenn ich hier um 16 Uhr singe, kommen die Leute vom Wandern und sind ein bisschen müde. Da muss ich mit zu schnellen Tempi vorsichtig sein.» Am wichtigsten ist ihm aber, dass er beim Singen er selber ist.

Singen «auf Zehenspitzen»

Zum Schubertiade-Jubiläum 2015/2016 soll in Schwarzenberg und Hohenems das komplette Liedschaffen von Schubert erklingen; die Künstler bekamen Vorgaben von der Festivalleitung. «Ich werde einen Notenständer brauchen, das schaffe ich unmöglich auswendig», sagt Behle entschuldigend; recht ist es ihm aber nicht. «Das ist einfach eine Frage der Ehre.» Schlecht geschlafen hat er ausserdem in den letzten Tagen. «Da muss ich stimmlich auf Zehenspitzen gehen, den Ton leicht ansetzen.» Dann aber ist Schluss mit Zweifeln und Bedenken. Er greift zum Smartphone, wischt kurz darüber und zeigt die neuesten Baby-Fotos. Den Ton leicht ansetzen – das ist er vom Schlaflieder-Singen gewohnt.

Energie der Streicher

Reden wir also übers Komponieren, das er studiert hat, und über seine Bearbeitung der «Winterreise» für Stimme und Klaviertrio. Anfang des Jahres erschien die CD «Winterreise(n)», ein Doppelalbum mit beiden Versionen: Schuberts Original und Behles Kammermusikfassung. Anfang Oktober gastieren die vier Musiker damit in der Tonhalle St. Gallen. Die Idee dazu hatte der Pianist Oliver Schnyder; seine Trio-Kollegen, der Geiger Andreas Janke und der Cellist Benjamin Nyffenegger waren anfangs skeptisch – bald aber begeistert dabei.

«Von den Streichern geht eine grosse Energie aus, die das Singen noch intensiver macht», sagt Daniel Behle. «Es genügt schon zu sehen, wie sie den Bogen ansetzen; das gibt eine andere Dynamik.» Die Trio-Bearbeitung nimmt Motive vorweg, etwa jenes der Krähe, und verbindet die Lieder stärker als das Original. Geige und Cello bringen zudem Techniken und Klangfarben ins Spiel, die schaudern lassen. «Auch wenn ich die vertraute Klavierversion singe, höre ich das nun immer mit», sagt Behle.

Reise nach innen

Innere Stimmen begleiten den Wanderer in seiner Bearbeitung. «Am Ende hatten wir am meisten Arbeit damit, zu radieren, wieder wegzustreichen. Ich wollte Stimmungen ausmalen und verstärken, aber keine Filmmusik schreiben.» Für Behle sind der einsame Wanderer und der Leiermann ein- und dieselbe Person. Einer, der sonderbar geworden ist, der immer wieder am selben Punkt ansetzt in der Hoffnung, das Erlebte zu begreifen.

Die Aufnahme der «Winterreise(n)» ist ein kleines Gesamtkunstwerk geworden: mit Fotos der Musiker unter der ältesten Linde der Schweiz, mit einem aufschlussreichen Gespräch zur Bearbeitung und einem Originaltext des Schriftstellers Alain Claude Sulzer über «Schuberts Ende» mit nur 31 Jahren – und über das, «was davor geschah». Wilhelm Müller, Dichter der «Winterreise», war etwa ein Jahr zuvor an einem «Nervenschlag» gestorben. Auch er war zu diesem Zeitpunkt nur ein Jahr älter, als Schubert werden sollte.

An die Waterkant

Gerade hat Daniel Behle schon wieder ein neues Projekt mit dem Oliver Schnyder Trio in Planung, etwas ganz anderes: eine Hommage an seine Heimatstadt Hamburg, mit Eigenkompositionen und Opernarrangements. Geschrieben hat Behle schon alles. «Für Wien gibt es den Stolz», sagt er lachend – und meint Robert Stolz, Wiens Operettenkönig –, «für Hamburg jetzt eben den Behle.»

Störtebeker, FC St. Pauli, Heidi Kabel, Hans Albers werden die Helden seiner «Waterkant Songs» sein, und damit uns ein bisschen Nordsee-Brise um die Ohren weht im hügeligen Bregenzerwald, gibt's eine kleine Live-Hörprobe: «Kleine Möwe, flieg nach Helgoland…». Zu Schuberts Leiermann und den Sehnsuchtswegen der «Winterreise» ist es da, Luftlinie, gar nicht so weit.

Daniel Behle und das Oliver Schnyder Trio gastieren am 2.10. in der Tonhalle St. Gallen, 19.30 Uhr

Daniel Behle (Bild: Marco Borggreve)

Daniel Behle (Bild: Marco Borggreve)