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William Turners Reisemotive: Auge in Auge mit dem «herrlichen Schrecken»

William Turner hatte auf seiner ersten Reise in die Schweiz vor allem ein Ziel: die Alpen. Der berühmte Maler aus England gehörte zu den ersten, die Berglandschaften nicht bloss als schöne Kulisse festhielten.
Céline Graf
Eine Station auf William Turners erster Schweiz-Reise: «Die Gotthardstrasse zwischen Amsteg und Wassen, Blick ins Reusstal», ca. 1814/15, Gouache, Graphit und Aquarell auf Papier. (Bild: Tate, London, 2019)

Eine Station auf William Turners erster Schweiz-Reise: «Die Gotthardstrasse zwischen Amsteg und Wassen, Blick ins Reusstal», ca. 1814/15, Gouache, Graphit und Aquarell auf Papier. (Bild: Tate, London, 2019)

Als würde er auf dem Rücken eines Krokodils stehen, das jeden Moment seinen schuppigen Körper aufhieven und seine Zähne fletschen könnte. So hastig scheint William Turner einen Gletscher auf dem Montblanc gezeichnet zu haben, wie der Kunsthistoriker David Hill im Buch «Turner in the Alps» schreibt.

Die Alpen waren vor 200 Jahren für Touristen eine abenteuerliche Welt. Dennoch erwartete der britische Maler William Turner auf seiner ersten Wanderung dorthin kaum mehr, dass er in den Bergen Drachen antreffen würde. Gar nicht abwegig gefunden hatte diese Idee eine Generation vor ihm noch der Schweizer Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer. In seinem Buch «Itinera alpina» (1723) beschrieb er etwa feuerrote und bärtige Drachen, die angeblich in den Alpen hausten.

Schnell weg aus Paris, in Richtung Alpen

Unterstützt von adeligen Mäzenen, besuchte Turner, ein 27-jähriges Talent aus der königlichen Kunstakademie, im Sommer 1802 für drei Monate Frankreich und die Schweiz. Sein Auftrag war es eigentlich, im Louvre die alten Meister zu studieren und abzuzeichnen. Doch er beschloss, den richtigen Aufenthalt in der «ärgerlichen» Stadt, wie er Paris schimpfte, auf das Ende der Reise im Herbst zu legen. Lieber wollte er erst die Berge sehen.

Seine Vorliebe für Landschaftsmalerei entdeckt hatte der Sohn eines Friseurs und einer Metzgerstochter aus London auf Ausflügen in Nordengland, Wales und Schottland. Idealbilder der Alpen brachte er mit aus Gedichten, Reiseberichten und von Malereien seiner Vorbilder wie John Robert Cozens und John «Warwick» Smith.

William Turner schmuggelte dann auf das Aquarell des Gletschers («Glacier and source of the Arveron, going up to the Mer de Glace», 1803) zwar keine Drachen, aber immerhin eine Schlange an den vorderen Bildrand. Obschon er, wie Hill anmerkt, so weit in der Höhe wahrscheinlich keine Schlange gesichtet haben konnte.

Das Tier unterstreicht vielmehr den Blick des Engländers auf die Berge: Sie verkörperten für Turner nicht einfach idyllische Postkartenmotive, sondern auch eine Gefahr. Seine dramatischen Alpendarstellungen zielen weniger auf die geografische Neugier als auf die Emotionen des Betrachtenden ab. Unter anderem dieses Thema beleuchtet die Jubiläumsausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» im Kunstmuseum Luzern.

Gebirge und Gewässer treten bei Turner oft gegensätzlich auf: schön und verhängnisvoll, anziehend und angstmachend. Dabei geht das Staunen über eine live erlebte Erhabenheit der Natur über den Menschen mit einer Furcht vor den zerstörerischen Seiten der Natur einher. Englische Aufklärer wie Edmund Burke nannten diese Naturwahrnehmung «delightful horror». Sie prägte die Landschaftsmalerei der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert.

Genau zeichnete er nur das, was er wollte

Jener «herrliche Schrecken» der Alpen erfasste auch den Dichter Percy Bysshe Shelley, als er wenige Jahre nach Turner die Gipfel des Montblanc zum ersten Mal erblickte. Dem Wahnsinn nahe habe er sich gefühlt, schreibt er:

«Ich wusste vorher nicht – ich hätte mir nie vorgestellt, was Berge waren. Die Unermesslichkeit dieser luftigen Gipfel, als sie plötzlich vor uns auftauchen, erregte ein Gefühl des ekstatischen Staunens, das dem Wahnsinn nicht unähnlich ist. (...) Die Natur war der Dichter, dessen Harmonie unseren Geist atemloser machte als der des Göttlichen.»

Das hätte auch Turner unterschrieben. Sein Anspruch an die Malerei lag mehr bei der Poesie als bei Naturalismus und Wissenschaft. Wobei William Turner, der seine Karriere mit Architekturzeichnungen angefangen hatte, auch feine Details bestechend genau malte, wenn er denn wollte.

Grundsätzlich hielt er sich aber nicht allzu streng an die Topografie. Zwischendurch erlaubte er sich sogar, mehrere Ansichten, die er nicht vom gleichen Punkt aus gesehen hatte, zusammen auf ein Bild zu rücken. Mit grosser Exaktheit versuchte er dagegen, ein Motiv bei unterschiedlichem Wetter und Licht einzufangen. Für Farbbestimmungen hatte er Leinwandmuster dabei. «Licht ist eine Farbe», lehrte er als «Professor of Perspective» an der Royal Academy.

Veränderungen im Tourismus miterlebt

William Turners Ziel, bereits zu Lebzeiten berühmt zu werden und die alten Meister zu übertreffen, erreichte er in seiner Heimat tatsächlich. Da aber sein atmosphärischer Stil die Sehgewohnheiten hinterfragte, wurde er auch heftig kritisiert. Die breitere europäische Kunstwelt erkannte seine Bedeutung erst gegen die Jahrhundertwende um 1900 im Impressionismus, mit dem Turner viel gemeinsam hatte.

Auch als touristischer Maler oder malender Tourist war er seiner Zeit voraus. Als er zu malen begann, waren für Künstler die Berge als Hauptmotiv statt als Kulisse noch Neuland. Ein wichtiger Grund dafür war die Zugänglichkeit. Die Napoleonischen Kriege schränkten die Reisefreiheit in Europa ein. Danach blühte der Tourismus erst langsam auf. Sprich: Reisen war unbequem. Turner und sein junger Weggefährte Neweby Lowson erklommen 1802 die steilen und rutschigen Pfade zu Fuss und bewältigten längere Strecken zwischen Städten in einer Pferdekutsche. Zurück in Paris, berichtete Turner seinem Freund Joseph Farington, dass sie «sehr müde vom Laufen» gewesen seien.

Reisen übers Wasser brauchte auch Zeit. Auf dem Vierwaldstättersee fuhr erst ab 1837 ein Dampfboot. Das Gefühl der Fortbewegung, die im 19. Jahrhundert rasant schneller wurde, schwingt auf Turners Reisebildern oft mit. Ikonisch geworden sind seine Meereswerke, auf denen die Grenzen zwischen Schiff, Wasser und Himmel vor lauter Bewegung zu einem einzigen, beinahe abstrakten Strudel verschwimmen.

Etwas ruhiger im Alter

Die Reisestrapazen nahm Turner gern in Kauf für seine Begegnungen mit Schluchten, Wasserfällen, Gletschern, Tälern, Felsmassen und Seen. Er zeichnete so viel, dass er nach knapp der Hälfte der Zeit in Bern neue Skizzenbücher kaufte. Mehr als 500 Zeichnungen brachte er von der ersten Europareise nach Hause. Sie dienten ihm als Grundlage für mindestens 50 grössere Werke, die er im Atelier ausarbeitete.

Und das Reisen blieb für den geschäftstüchtigen Künstler mehr als ein Mittel zum Zweck. Wenn man berücksichtigt, dass William Turner immer wieder Touren unternahm, bis die Gesundheit ihn bremste, klingt David Hills Vermutung plausibel: «Man könnte fast sagen, dass er malte, um zu reisen statt umgekehrt.»

Aus dem Luzerner Skizzenbuch: «The Rigi», 1844, Aquarell auf Papier, 22.8 x 32.5 cm. (Bild: Tate, London, 2019)

Aus dem Luzerner Skizzenbuch: «The Rigi», 1844, Aquarell auf Papier, 22.8 x 32.5 cm. (Bild: Tate, London, 2019)

Im Alter suchte Turner vermehrt Ruhe auf seinen Reiseabenteuern. So gerne er auch weiterhin die Wucht eines Sturms, die Kontraste eines Gewitters oder die Kapriolen von Sonne und Nebel einfing und gar noch mit über Sechzig behauptete, er habe sich für das Gemälde «Schneesturm» während eines Unwetters auf See an einem Schiffsmast festgebunden. Auf den letzten Schweiz-Besuchen in den 1840er-Jahren zeichnete er etwa mehrmals die Rigi aus der Distanz. Dieses Mal stand er nicht auf dem Rücken eines Krokodils, sondern auf einem Boot, oder beobachtete sie von seinem Hotel am Ufer aus.

Die Schweizer Reisen und die Skizzenbücher

(cg.) Über Pässe und Seen, durch Täler und Schluchten, zu Wasserfällen und auch in ein paar Städte: Die erste Europareise des britischen Landschaftsmalers Joseph Mallord William Turner (1775–1851) im Jahr 1802 führte von Frankreich durch die Schweiz und zurück. Zu den Stationen hierzulande gehörten Genf (damals französisch), das Wallis, der Kanton Bern, die Zentralschweiz, der Gotthardpass, Zürich, Schaffhausen und Basel. Der Kunsthistoriker David Hill rekonstruiert die Tour im Buch «Turner in the Alps» anhand von Turners Bildern und auch einigen Zitaten aus Reiseberichten der Epoche. Die wichtigste Quelle des Künstlers selbst sind seine Skizzenbücher, die er nach Orten und Regionen benannte. Im Nachlass sind die wenigsten ganz geblieben. Eine Ausnahme ist das «Lucerne Sketchbook», zu dem das Kunstmuseum Luzern eine Publikation herausgibt. Fünf weitere Schweizer Reisen machte Turner 1836 und zwischen 1841 und 1844.

Literatur
David Hill: Turner in the Alps. The journey trough France & Switzerland in 1802. London 1992.
David Blayney Brown: J.M.W. Turner. Luzerner Skizzenbuch. Kunstmuseum Luzern/Hirmer-Verlag, München 2019.

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