William Stoner und die Schläge des Lebens

Manchmal würde man diesen William Stoner gern an der Schulter nehmen und ein wenig schütteln. Ihn fragen: Was, das lässt Du Dir alles gefallen? Wehr Dich doch endlich! Natürlich ist das nicht möglich, Romanfiguren sind so, wie sie sind.

Rolf App
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John Williams (Bild: The University of Denver)

John Williams (Bild: The University of Denver)

Manchmal würde man diesen William Stoner gern an der Schulter nehmen und ein wenig schütteln. Ihn fragen: Was, das lässt Du Dir alles gefallen? Wehr Dich doch endlich! Natürlich ist das nicht möglich, Romanfiguren sind so, wie sie sind. Und überhaupt findet William Stoner schon seinen Weg, er bereitet uns Lesern sogar noch eine Menge Überraschungen.

Ein grosser Unbekannter

1965 ist der Roman «Stoner» von John Williams ein erstes Mal erschienen, dann vergessen worden – und jetzt zum zweiten Leben erwacht. John Williams ist ein grosser Unbekannter der amerikanischen Literatur. Mit einem Lebenslauf, der an mehr als einer Stelle dem von William Stoner nahe kommt. Geboren 1922 in Texas, der Vater ermordet, als er noch ein Baby war. In der Schule für einen Aufsatz gelobt. «Es war eines der ersten Komplimente, das ich in meinem Leben erhielt, und ich dachte, <mein Gott, jetzt habe ich meine Bestimmung gefunden>.» Erste Schreibversuche, «Stoner» wird von sieben Verlagen abgelehnt, und John Williams sagt zu seiner Frau: «Also, ich muss nicht unbedingt Romane schreiben.» Er tut es dann aber doch. Unterrichtet Englische Literatur an der Denver University. Berühmt sind seine Trinkgelage. John Williams, nach dem Urteil seiner vierten Frau Nancy «ein Mann von einem unverschnörkelten Charakter», stirbt 1994 im Alter von 71 Jahren.

Der Rat des Viehhändlers

Unverschnörkelt: So ist auch «Stoner». Unverschnörkelt, erstaunlich, ein grosser Wurf in bescheidenem Gewand. Es ist die Geschichte eines Knaben von einer Farm im tiefsten Missouri, zu dem sein wortkarger Vater eines Tages sagt: «Der Viehhändler kam letzte Woche. Angeblich gibt's ein neues Institut an der Universität in Columbia. Heisst Landwirtschaftscollege. Meinte, Du solltest hin. Dauert vier Jahre.»

Stoner tut, wie ihm geheissen wird, gerät aber in einen Kurs für englische Literatur. Der seltsame Dozent fesselt ihn, er wechselt sein Fach. Die Eltern werden es erst sehr viel später erfahren, es fällt ihm schwer, ihnen dies zu sagen. Er gibt erste Kurse, ist aber von sich als Lehrer enttäuscht. Und er gewinnt zwei Freunde. Der eine wird im Ersten Weltkrieg sterben, mit dem andern wird er ein Leben lang verbunden sein. Bei einem Fakultätsessen erblickt er eine junge Frau. Er wirbt um sie, heiratet, sie will ein Kind. Er entdeckt seine Leidenschaft: Für dieses Kind, für die englische Literatur, für eine andere Frau. Die Ehe, sie ist eine Enttäuschung von Anfang an.

Liebe und Trennung

Dies alles klingt enorm deprimierend, und ist es doch nicht. Denn dieser William Stoner lebt in seiner eigenen Welt, die nicht einmal im Moment seines Todes zerbrechen wird. Stolz ist er nicht auf das Erreichte und Geleistete. Aber dennoch kommt er zur Einsicht, dass es irgendwie «stimmt». Er verkraftet all die Schläge, die er einstecken muss. Die intensive Feindschaft seines Fachbereichsvorsitzenden, die von diesem erzwungene Trennung von der Geliebten. Von diesem Zeitpunkt an hört er schlecht. Es ist, als wollte er die Welt, ihren Lärm und ihren Schmutz, auf Distanz bringen.

Rätselhafte Figuren

John Williams erzählt all dies auf lakonische Weise. Man muss sich das Innere seiner Figuren von aussen erschliessen. Gerade das aber macht sie so spannungsvoll-rätselhaft. Fragen stellen sich, die nicht gelöst werden. Was zum Beispiel ist mit Edith los, seiner Frau, die so wenig mit ihm zu tun haben will – ihn aber dennoch nie aus den Händen lässt? Was mit Grace, der Tochter, mit der ihn Stunden gemeinsamen Schweigens verbinden? Überhaupt die Stille, das Schweigen: Sie drücken diesem eindrucksvollen Roman ihren Stempel auf. Selten wird mehr gesprochen als ein paar Sätze. Auch Stoner selbst, obwohl von Berufes wegen ein Mann des Wortes, ist zuallererst Augenmensch. Der Blick nach draussen ist es denn auch, der das Buch beschliesst. Noch einmal richtet sich der Todkranke auf, hört junge Leute übers Gras gehen, er spürt das Licht des Nachmittags auf der Haut.

John Williams: Stoner. dtv 2013, 351 S. Fr. 29.90

John Williams: Stoner. dtv 2013, 351 S. Fr. 29.90

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