«Wilde Parties werden langweilig»

Der gebürtige Weinfelder Kay Brem ist Bassist der besten Liveband der Schweiz. Mit Eluveitie tourt der 32-Jährige immer wieder durch Europa, China und Japan – Verhaftungen inklusive. Hier ist die Musik der Band eher unbekannt.

Nina Ladina Kurz
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Kay Brem (ganz links) mit seiner Band Eluveitie. Diesen Sommer spielen sie am Gurtenfestival in Bern. (Bild: pd)

Kay Brem (ganz links) mit seiner Band Eluveitie. Diesen Sommer spielen sie am Gurtenfestival in Bern. (Bild: pd)

Kay Brem, was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht mit Musik Ihr Geld verdienen könnten?

Kay Brem: Das frage ich mich oft selbst. Keine Ahnung! Den normalen Weg zu gehen war nie ein grosses Talent von mir. Ich bin Vollblutmusiker und will, wenn möglich, live auf der Bühne stehen. Falls ich mit der Musik kein Geld verdienen könnte, würde ich im Hintergrund mitarbeiten. Hauptsache, die Arbeit hat etwas mit Musik zu tun.

Stattdessen wurde aus Ihnen der langhaarige Schrecken der Grosseltern.

Brem: Ich weiss gar nicht, ob meine Grosseltern meine Musik kennen. Sie wissen, dass ich in einer Band spiele, der Musikstil würde ihnen aber kaum gefallen. Sie hören eher Schlager. Natürlich sagten sie mir oft, ich solle eine solide Ausbildung machen – vergebens. Heute sind sie aber trotzdem stolz auf mich.

Anfang dieses Monats erhielten Sie mit der Band Eluveitie den Swiss Music Award als Best Live Act. Viele Zuschauer dürften sich gefragt haben, wer ihr überhaupt seid.

Brem: Das ist wirklich so. Obwohl wir wie keine andere Schweizer Band erfolgreich durch die Welt touren und auch hier eine grosse Fangemeinde haben, sind wir ein musikalisches Nischenprodukt. Grosse Radiostationen spielen unsere Musik nur selten.

Trotzdem habt ihr gewonnen. Eure Konkurrenten waren immerhin Kadebostany und DSDS-Gewinner Luca Hänni.

Brem: Um ehrlich zu sein: Gegen Luca Hänni hätte ich nur ungern verloren. Natürlich ist Musik Geschmackssache. Aber in dieser Kategorie geht es um die Live Performance – und damit sind wir mit an die 1000 Shows in Europa, Asien, den USA und Südamerika wirklich erfolgreich. Zum Glück konnten die Fans weltweit abstimmen. Wir haben auch aus dem Ausland viele Stimmen gekriegt. Der Award ist für mich deshalb eine Anerkennung für unsere Arbeit.

Für die Unwissenden unter uns: Welche Musik macht Eluveitie?

Brem: Wir sind eine Folk Metal Band, kombinieren also irische und keltische Folklore mit Metal. Einzigartig ist sicher unsere Sprache: Wir singen teilweise in einer rekonstruierten Form des helvetischen Gallisch. Eine tote Sprache, die nur mündlich überliefert wurde. Unsere Übersetzungen beruhen deshalb teilweise auf Vermutungen. Wir machen einen musikalischen Geschichtsunterricht.

Ihr wisst also gar nicht, was ihr genau singt?

Brem: Doch natürlich, wir singen von keltischen und helvetischen Mythen. Ob die Wortbildungen zu hundert Prozent stimmen, kann aber niemand mehr sagen. Weil das Gallische nicht vollständig überliefert ist, gilt es als Trümmersprache. Umso faszinierender ist, wie Fans auf der ganzen Welt die Texte mitsingen.

Wer hatte die Idee, diese Sprache aufleben zu lassen?

Brem: Unser Frontsänger Chrigel Glanzmann. Er befasst sich seit Jahren mit dieser Sprache. Ursprünglich war die Band ein Studioprojekt. Der Erfolg liess ihn aber weitermachen.

Was bedeutet die Band für Sie?

Brem: Sie ist mein musikalischer Traum. Meine erste Hard Rock CD bekam ich mit 12 Jahren geschenkt – dabei bin ich geblieben. Zudem ist die Band für mich zur Familie geworden.

Streit kommt aber in den besten Familien vor…

Brem: …und natürlich auch bei uns. Wir sind acht Bandmitglieder, auf Tour sind noch weitere sieben Personen dabei. Natürlich kommt es zu Spannungen. Durch das jahrelange Touren wissen wir aber, wann wir die anderen in Ruhe lassen müssen.

Ihr seid jedes Jahr während sechs Monaten auf Tour. Wie belastend ist das?

Brem: Ich war ein schwieriger und rastloser Jugendlicher und musste oftmals umziehen. Der Ortswechsel macht mir also nicht wirklich was aus. Je älter ich aber werde, desto lieber komme ich nach einer langen Tour wieder nach Hause. Zurzeit wohne ich in Buchs ZH. Langfristig möchte ich aber wieder nach Weinfelden ziehen, denn dort bin ich aufgewachsen. Ich hoffe, ich kann meine Freundin überzeugen – schliesslich würde sie dort mehr Zeit verbringen als ich.

Welches Konzert blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Brem: Besonders eindrücklich war ein Konzert vor vier Jahren in Indien. Dort kann man unsere CD gar nicht kaufen. Aber bei unserer Show waren auf einmal 25 000 Personen anwesend und bewaffnete Soldaten standen mit dem Gewehr im Anschlag in geschlossener Reihe zwischen der Bühne und dem Publikum. Das war schon eindrücklich.

Das Tourleben steht auch für Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Leben Sie dieses Klischee?

Brem: Wie sagt man so schön: Wir werden alle älter. Klar habe ich diese Phase gelebt. Aber mit der Zeit werden wilde Parties langweilig und anstrengend. Ärger mit der Polizei hatten wir mal in China wegen unserer Visa – obwohl damit eigentlich alles in Ordnung war.

Was ist passiert?

Brem: Wir wurden am Ende des Konzertes verhaftet. Die fünf Polizisten sagten, unsere Visa seien ungültig. Sie beschlagnahmten unseren Alkohol, steckten ihn in den eigenen Rucksack und nahmen uns mit aufs Revier. Wir mussten eine Nacht auf der Pritsche verbringen, bezahlten Schmiergeld und durften anschliessend wieder abreisen. Der Veranstalter meinte nur trocken, das passiere oft, die Polizisten würden damit ihr Geld verdienen. Auf Tour lernte ich schnell: andere Länder, andere Sitten.

Wohin führt Euch die Tour in diesem Jahr?

Brem: Zurzeit sind wir im Studio und arbeiten an unserem neuen Album, das im August erscheinen soll. Im Juni spielen wir mehrere Konzerte in China und Japan. Zudem sind wir einer der Hauptacts am Greenfield Festival. Für die Zukunft wünsche ich mir von der Schweiz mehr Unterstützung, damit wir unser Land auch weiterhin auf der ganzen Welt musikalisch vertreten können.

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