Wiener Neurosen

LESBAR ÖSTERREICH

Erika Achermann
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Bild: Erika Achermann

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LESBAR ÖSTERREICH

«Der Engel mit der Posaune» erschien 1944. Ernst Lothar, der Autor und spätere Wiener Theaterdirektor, gehört zur Generation von Joseph Ruth und Stefan Zweig. Sein Roman zeichnet das epochale Porträt Österreichs vom Selbstmord des Kronprinzen in Mayerling bis zum Anschluss an Nazideutschland am Beispiel der Bewohner eines Wiener Stadtpalais. Die Jüdin Henriette verliebte sich als junge Frau in den Kronprinzen, heiratet den Klavierhändler Franz Alt und wird als alte Frau von den Nazis umgebracht. «Das macht dem Leser klar», schreibt die Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem eindrücklichen Nachwort, «der Zusammenbruch des habsburgischen Weltreiches und der <Anschluss> ereignen sich innerhalb von nur zwanzig Jahren.» Das mag eine Erklärung für einige «Neurosen im österreichischen Nationalcharakter» sein. Lothars historischer Roman ist geeignet, dem Leser die gemütlichen und abgründigen Seiten Österreichs näherzubringen.

Ernst Lothar: Der Engel mit der Posaune. Roman. Zsolnay Wien 2016, 540 Seiten, Fr. 34.90

Macht der Erinnerung

Erinnerung ist wichtig, weil damit das Gestern und Heute begreifbar wird. Erfahrungen, Erlebnisse aus verschiedenen Perspektiven, jener der Opfer, aber auch der Täter, erzählt und analysiert der Journalist Martin Pollack. Vorbildlich gelang ihm dies im Bestseller «Der Tote im Bunker» über seinen Vater, der ein Nazi war. In seinen Essays «Topografie der Erinnerung» erzählt er vom bösen Erbe, der Geschichte im Kleinen. 1989 fühlte Europa angesichts des Mauerfalls ein «Ende der Angst». Heute fragt er sich, weshalb die Angst wieder hereinbricht, am östlichen Rand Europas, in Ungarn, Polen, Slowakei. Dort, wo Europa einen neuen Grenzzaun hochzieht. Pollack hat mit einfachen Menschen gesprochen, hat Fotos aus privaten Archiven analysiert: Was ist aus den drei Kindern geworden, die 1932 im Sonntagskleid ihre Hand zum Hitlergruss erheben? Was denken sie heute? Schweigen sie darüber? Seine Texte zeugen von einem bösen Erbe.

Martin Pollack: Topografie der Erinnerung. Essays. Residenz-Verlag 2016, 176 Seiten, ca. Fr. 32.–

Bild: Erika Achermann

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