Wiedersehen mit Herrn K.

Aki Kaurismäki, der grosse finnische Filmmelancholiker, hat seit «Le Havre» (2011) kein Werk mehr ins Kino gebracht. Ein guter Grund, sich seine Filme in der grossen, zweimonatigen Retrospektive im Kinok wieder einmal anzusehen.

Andreas Stock
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Lachen sieht man Aki Kaurismäki, den finnischen Regisseur mit Hang zur schwarzen Komödie, selten. (Bild: getty/Alessandro Albert)

Lachen sieht man Aki Kaurismäki, den finnischen Regisseur mit Hang zur schwarzen Komödie, selten. (Bild: getty/Alessandro Albert)

ST. GALLEN. Das Bild ist unvergessen: Der arbeitslose Minenarbeiter, der einen alten Cadillac erbt, dessen Verdeck aber nicht schliessen kann. Darum reist er mit einem Schal um den Kopf durch ein ödes, winterliches Finnland. Das Bild stammt aus «Ariel», der 1989 auf der Piazza Grande von Locarno das erste Mal zu sehen war. In jenem Jahr war in Locarno das Kino des Aki Kaurismäki noch neu zu entdecken.

Gleichentags wurden zwei weitere frühe Filme des Finnen gezeigt: «Hamlet goes Business» (1987), seine Business-Variation des Shakespeare-Dramas, und «Schatten im Paradies» (1986), die Liebesgeschichte zwischen einem schüchternen Fahrer der Müllabfuhr und einer kleptomanischen Kassiererin. Hier begegnete man erstmals Kati Outinen und Matti Pellonpää – die beiden traurigen Buster Keaton-Gesichter spielen in fast allen folgenden Filmen von Kaurismäki mit, zu dessen «Filmfamilie» weitere, treue Mitglieder zählen. Und Pellonpää war nach seinem frühen Tod 1995 weiter «präsent»: sein Porträt hängt jeweils irgendwo an einer Wand.

Der finnische Standard

Wenn das Kinok nun Kaurismäki eine Retrospektive widmet, folgt es zahlreichen Festivals wie Locarno, die ihm diese Ehre in den letzten zehn Jahren zukommen liessen. Es bietet Gelegenheit, einem der grossen Künstler des europäischen Autorenkinos wieder zu begegnen, dessen Handschrift unverkennbar ist. Wenn es eine Vorstellung davon gibt, was typisch finnisch ist, dann liegt es wohl an Aki Kaurismäki.

Seine Helden sind die «kleinen Leute»: Aussenseiter, Arbeiter und Arbeitslose – Verlierer und Einsame, von der Gesellschaft ignorierte. Stoische Romantiker auf der Suche nach Arbeit, einem Dach über dem Kopf, einem Menschen, der Wärme gibt – Kaurismäki liebt sie, ihre Nöte und Sehnsüchte, ihre Aufrichtigkeit. Er betrachtet sie mit rauher Zärtlichkeit und nie herablassend. Schwarze Komödie und poetischer Realismus, private Dramen und feine Gesellschaftskritik: Aki Kaurismäki schafft diese Verbindung in seinen einfachen Geschichten wie wenige. Zwar schwingt immer ein gewisser Pessimismus mit, doch nie mehr endete ein Film so ausweglos wie «The Match Factory Girl» (1990), wo eine hoffnungslose Frau zum Rattengift greift. Meist bleibt ein Funke Hoffnung, oder zumindest die Zuversicht, gemeinsam schon einen Weg zu finden, durchzukommen. In seinem bislang letzten Film «Le Havre» kontert Kaurismäki die unerfreuliche Realität mit einem poetischen, humanistischen Gegenentwurf.

Rauchen, trinken, reden

Den unmittelbarsten Zugang zum Werk von Kaurismäki findet man über seinen Humor. Sein Witz ist präzis, knapp und knochentrocken – und manchmal schwarz. Untrennbar verbunden damit sind die spärlichen Dialoge, in denen wenig Worte verloren werden – bei Kaurismäki wird mehr geraucht und getrunken als geredet. Und so spartanisch wie die Dialoge ist das Spiel der Darsteller. «Musik bringt ebenso viel oder sogar noch mehr. Sie schafft die gewünschte Stimmung ohne überflüssiges Geschwafel», sagte der Finne dazu einmal. Alles Überflüssige, Ausschmückende wird weggelassen. So wirkt umso stärker, wenn sich in den leeren Mienen etwas rührt.

Hoher Anspruch an sich selbst

Eine Weile lang schien Aki Kaurismäki diese Reduktion mit jedem Film perfektionieren zu wollen, bis zum expressiven Stummfilm «Juha» (1999). Kein Wort, keine Geste, kein Bild sollte zu viel sein. «Es ist kompliziert, es einfach zu machen», sagt Kaurismäki, der bekannt dafür ist, seine Filme als misslungen zu bezeichnen und behauptet, für den Perfektionismus sei er zu faul. Eine Selbsteinschätzung, die man als Koketterie verstehen könnte; die aber eher zum Ausdruck bringt, welch hohe Ansprüche der Kinokünstler an sich selber stellt, dessen erklärte Vorbilder Yasujiro Ozu und Robert Bresson sind. Ihren nüchternen Blick auf die Realität erreichen nämlich meist auch Kaurismäki und sein ständiger Kameramann Timo Salminen.

Formal streng in ruhigen, minimalistischen Bildern, mit einem bedächtigen Tempo, das uns Zeit lässt, den Protagonisten beim Schweigen und Rauchen zuzusehen: Längst sind andere dieser kargen, poetischen Bildsprache gefolgt, die Kaurismäki insbesondere in «Drifting Clouds» (1996), «The Man without a Past» (2002) und «Le Havre» in vollendeter Form präsentiert.

Sie sind gut gealtert, die Filme des Finnen. Und sehen toll aus, denn sie wurden kürzlich restauriert und digitalisiert. Die «Total Kaurismäki Show» des Kinok, die bereits läuft und bis Ende Februar dauert, umfasst insgesamt siebzehn Spiel- und Dokumentar- sowie zehn Kurzfilme.