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Wieder zurück im Geschäft: Folk-Ikone Shirley Collins bringt neues Album – ihr erstes, das sie in einem richtigen Studio aufnahm

Fast 40 Jahre lang konnte Shirley Collins nicht mehr singen. Jetzt hat die grosse Dame des englischen Folk die Stimme wiedergefunden.

Hanspeter Künzler
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Shirley Collins: «Man darf sich nicht vor den Song stellen. Wer einem Folksong gerecht werden will, muss sein Ego zu Hause lassen.»

Shirley Collins: «Man darf sich nicht vor den Song stellen. Wer einem Folksong gerecht werden will, muss sein Ego zu Hause lassen.»

Bild: Enda Bowe

Die englische Folkwelt konnte es kaum fassen, als vor vier Jahren ein neues Shirley-Collins-Album auf dem Plattenteller lag. 38 Jahre lang hatte man ihre Stimme nicht mehr gehört. Die traumatische Trennung von ihrem zweiten Ehemann, dem Musiker Ashley Hutchings, hatte eine Stimmstörung ausgelöst, die das Singen verunmöglichte. Wie sich herausstellte, war sie von einigen Musikern sanft zur Musik zurückgeführt worden.

Das Comeback-Album «Lodestar» musste in ihrem Häuschen im Städtchen Lewes aufgenommen werden. In einem professionellen Studio, da war sich die 85-Jährige sicher, hätte ihre Kehle noch nicht mitgespielt. Wie schon die grossartigen Alben, die Shirley und ihre Schwester Dolly Ende der 60er-Jahre auf dem Progressive-­Rock-Label Harvest veröffentlichten, erschien auch «Lodestar» nicht bei einem der spezialisierten Folklabels, sondern bei Domino, einer zeitgeistbewussten Firma, die Künstler wie Franz Ferdinand, Arctic Monkeys und Julia Holter verlegt.

Es ist ein Zeichen dafür, wie Collins’ Stimme und der Stil, in welchem sie zumeist traditionell überliefertes Liedgut interpretiert, eine emotionelle, soziale und politische Resonanz auslöst, die weit über den Rand der konventionellen Folkclubs hinaus reicht.

Die Begeisterung, mit der «Lodestar» empfangen wurde, dazu die Aufmerksamkeit, die dem Dokumentarfilm «The Ballad of Shirley Collins» (2017) sowie dem Memorienband «All in the Downs: Reflections on Life, Landscape, and Song» zukam, be­flügelte die Sängerin.

Inzwischen fühlte sie sich ihrer Sache sicher genug, ein weiteres Album in einem «rich­tigen» Studio einzuspielen. «Jetzt war ich nicht mehr nervös», erzählt sie über Zoom, «die Aufnahmen machten diesmal richtig Spass. Es ist nur traurig, dass ich nicht auch noch Konzerte geben kann.»

Die meisten Lieder sind auch diesmal vorab aus der Tradition gegriffen. Ausnahmen bilden «Locked in Ice», ­geschrieben von ihrem verstorbenen Neffen Buz Collins, zwei Lieder, deren Texte aus der Feder ihres ersten Ehemannes Austin John Marshall stammen, und das abschliessende «Crowlink», wo ambiente Feldaufnahmen mit Drehleier und Liedfetzen kombiniert werden.

«Ich weiss schon jetzt, dass mein nächstes Album ebenfalls ‹Crowlink› heissen wird», verrät Shirley mit einem schalkhaften Flimmern um die Augen, «ich muss nur noch die Lieder dafür finden.»

In ihrer Rolle als Sängerin lässt Collins sich ganz vom Lied führen. Die Lieder seien tief in der Geschichte verwurzelt, als Interpretin trage man die Verantwortung, ihren Sinn zu vermitteln und nicht gegen ihren Geist zu verstossen: «Man darf sich nicht vor den Song stellen. Wer einem Folksong gerecht werden will, muss sein Ego zu Hause lassen.»

Eine der wichtigsten Stimmen aus England

Der Ruf von Shirley Collins als nicht nur eine der schönsten, sondern auch eine der wichtigsten Stimmen aus England, liegt in ihren Alben und Konzerten aus den 60er- und 70er-Jahren begründet. Geboren 1935 in Hastings, geriet sie früh in den Orbit der politisch motivierten Folkszene um Ewan MacColl , den sie indes nicht ausstehen konnte.

Noch in den 50er-Jahren bereiste sie an der Seite des amerikanischen Liederforschers Alan Lomax die Südstaaten der USA. Zurück in London, nahm sie mit dem genialischen, von nordafrikanischen und indischen Einflüssen zehrenden Gitarristen Davy Graham das zeitlose Album «Folk Roots, New ­Routes» (1964) auf. Ähnlich eigenwillig und unvergesslich sind «Anthems in Eden» und «Love, Death & the Lady», die sie mit ihrer Schwester, einer Komponistin, und David Munrow, einem Pionier der Alten Musik, einspielte.

Für die Aufnahmen des stilprägenden Folkrockalbums «No Roses» stellte sie mit Ashley Hutchings die Albion Country Band zusammen. Das Album «Morris On» führte zu einer Renaissance von «Morris-Dancing», einer Tanztradition, die in Vergessenheit zu geraten drohte. «Lodestar» und ­«Heart’s Ease» fügen der beeindruckenden Discografie ein würdiges neues Kapitel hinzu.

Tipp:
Shirley Collins
«Heart’s Ease» (Domino/MV).

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