Wie St. Gallen im Glas schmeckt

Unter dem Motto «Weinspitzen» präsentierten die St. Galler Winzer diese Woche erstmals gemeinsam ihre Produkte. Die gegen hundert Weine bestätigten die Selbsteinschätzung der Branche: St. Gallen ist eine Schweiz im kleinen.

Beda Hanimann
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Das Produkt im Mittelpunkt: St. Galler Weine in der Olma-Halle 3. (Bild: Max Tinner)

Das Produkt im Mittelpunkt: St. Galler Weine in der Olma-Halle 3. (Bild: Max Tinner)

Der Schauplatz ist derselbe, doch das Bild unterscheidet sich deutlich von gängigen Weindegustationen an der Olma. Da sind keine Stände, hinter denen die Winzer eifrig ihre eigenen Flaschen entkorken und feilbieten. Dafür drei lange Tische, auf denen gegen hundert verschiedene Weine aus allen Teilen des Kantons St. Gallen zur Degustation bereit stehen. «Das ist das erste Mal, dass sich die St. Galler Winzer gemeinsam einem Fachpublikum aus Gastronomen und Händlern präsentieren», sagt Salome Reimann vom Thaler Ochsentorkel, die Präsidentin des Branchenverbandes St. Galler Wein. Produzenten, Gastronomen – und im Mittelpunkt das Produkt, das sei eine ideale Symbiose, sagt Daniel Fürst vom Verein Culinarium.

Ideale Plattform

16 Winzer nutzten die Gelegenheit diese Woche in der Olma – und äusserten sich begeistert. Um sich im umkämpften Markt Gehör zu verschaffen, müsse man selber einen starken Impuls geben, sagt etwa Stefan Hörner vom Weingut Gonzen in Sargans. «Dieser ungezwungene Anlass ohne Barrieren ist so ein Impuls.» Die Präsentation ohne Produzentenstände ermögliche eine flexiblere Kontaktnahme, lobt Mathias Wetli von Schmid Wetli in Berneck.

Auch Peter Indermaur von der Bernecker Maienhalde schätzt die Möglichkeit des Networkings. Der Kontakt zu den Gastronomen sei wichtig: «Die Gastronomie ist eine ideale Plattform für uns.» Auch Robert Schwitter vom Weingut Porta Romana in Pfäfers und Jakob Federer von Stegeler in Berneck betonen diesen Aspekt: «Ein Wirt kann das verkaufen, was er selber gerne hat», sagt Federer. Ein Anlass wie dieser könne die Beziehung vertiefen.

Federer schätzt ausserdem, an der gemeinsamen Degustation einmal seine eigenen Weine in Gesellschaft anderer zu sehen. Auch Reto Albrecht, der Präsident der Weinbaugenossenschaft Mels, freut sich über die Möglichkeit des Vergleichs von Weinen aus verschiedensten Lagen. «Ein Hammeranlass», sagt Ralph Heule von Wein Berneck kurz und bündig. «Eine grosse, breite Palette von Weinen in professioneller Atmosphäre», urteilt der Bündner Marco Casanova, der seit kurzem in Walenstadt sein eigenes Weingut Wein Pur betreibt. «Das braucht der St. Galler Wein.» Er habe einige tolle Weine entdeckt, die schweizweit spitze seien.

Vielfalt als Markenzeichen

St. Gallen sei in Sachen Wein ein lustiger Kanton, sagt Salome Reimann. Die vier Weinregionen Rheintal, Sarganserland, Zürichsee und Fürstenland (mit einer kleinen Lage bei Wil) ergäben kein kompaktes Weingebiet. Das sei für den Verband manchmal schwierig, gleichzeitig sei die Vielgestaltigkeit aber eine Chance – und das Markenzeichen St. Gallens. «Mit den verschiedensten Terroirs und zahlreichen Steillagen sind wir eine Schweiz im kleinen.» Auch Markus Hardegger, der Leiter Weinbau im Landwirtschaftlichen Zentrum Salez, sieht die Kleinteiligkeit und Vielgestaltigkeit als Gewinn. «Jeder Winzer setzt innerhalb der lokalen Gegebenheiten seine Persönlichkeit um.»

Rückbesinnung und Öffnung

Im St. Galler Weinbau ist laut Hardegger «ein Generationenwechsel in vollem Gang». Das ist ein wesentlicher Grund für die aktuelle Entwicklung und die Ausweitung der Palette über die klassischen Sorten Pinot noir und Müller-Thurgau hinaus. «Jeder Betrieb setzt sich mit den verschiedenen Sorten auseinander», sagt Salome Reimann, die verschiedene Entwicklungsströmungen zwischen Rückbesinnung und Öffnung ausmacht.

Zum einen sind in den letzten Jahren zahlreiche Weine aus weltweit verbreiteten roten Sorten wie Syrah und Merlot auf den Markt gekommen. Ausserdem werden häufiger Weine im Barrique ausgebaut. Stark im Kommen sind pilzresistente Sorten. Gleichzeitig gibt es laut Salome Reimann aber auch eine Rückbesinnung auf die Frage: Was macht unsere Region aus? Wie kann man authentische Weine machen? Der Trend, beim Weisswein auf den Säureabbau zu verzichten, ist auch in St. Gallen zu beobachten, parallel dazu läuft ein Trend zu mehr Weissweinen – vor allem Sauvignon blanc. Freunde gefunden hat die weisse Sorte Johanniter, die laut Salome Reimann «fast zu einer Kantonssorte geworden ist».

In der Schweiz wahrgenommen

Schweizweit gesehen bleibt St. Gallen mit 219 Hektaren Rebfläche ein kleiner Weinkanton. «Fast alle Weine werden in der Region getrunken», sagt Hardegger. Dass der Weinbau aber wichtiger und auch im Rest der Schweiz wahrgenommen wird, unterstreicht Volkswirtschaftschef Benedikt Würth, der dem Anlass die Ehre erwies. Bei einem Ranking von Staatsweinen, das die NZZ am Sonntag 2014 durchgeführt hatte, schwang der Pinot noir Barrique 2012 vom Staatswingert im Frümsen obenaus – weit vor jenen etwa der Waadt und des Wallis, was seine dortigen Amtskollegen gar nicht lustig fanden. Würth spricht von einem «önologischen Schlüsselerlebnis». Die Reaktion seiner Kollegen habe gezeigt: «Wir werden wahrgenommen.»

Eine der zahlreichen spektakulären Steillagen im Kanton St. Gallen: Der Nidberg bei Mels mit dem Gonzen als Kulisse. (Bild: Tonia Bergamin)

Eine der zahlreichen spektakulären Steillagen im Kanton St. Gallen: Der Nidberg bei Mels mit dem Gonzen als Kulisse. (Bild: Tonia Bergamin)

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