Foto-Ausstellung
Wie schützt sich die Schweiz – und was macht das mit uns?

Eine neue Ausstellung geht der Frage nach, wie sich unser Land gegen Gefahr, Risiko und Bedrohung absichert. Salvatore Vitale untersucht, wie Schutz- und Präventionssysteme Alltag, Verhaltensweisen und Denken der Schweizer durchdringen.

Dieter Langhart
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Schild an der Schweizer Grenze, Chiasso, 2015, aus der Serie «How to Secure a Country».

Schild an der Schweizer Grenze, Chiasso, 2015, aus der Serie «How to Secure a Country».

Salvatore Vitale

Für einmal präsentiert sich die Fotostiftung Schweiz völlig anders. An ihren Wänden hängen nicht Vintage-Fotografien eines der grossen Fotografen wie Balthasar Burkhard, Georg Gerster oder Jakob Tuggener – im Raum ist ein Parcours ausgelegt, in dem sich der Besucher erst zurechtfinden muss – Stellwände mit Fotografien und Erklärtafeln scheinen ihm den Weg zu verstellen. Das hat Gastkurator Lars Willumeit so gewollt: eine komplexe Informationsumgebung, mit allen Sinnen zu erfahren. Er hat vor zwei Jahren bereits das Schweiz-Tableau «Fremdvertraut» betreut.

«How to Secure a Country» heisst das visuelle Langzeitprojekt des in der Schweiz lebenden Künstlers und Publizisten Salvatore Vitale: «Wie gibt sich ein Land Sicherheit?» Die Fotostiftung Schweiz zeigt den Werkkomplex erstmals umfassend – und ahmt bewusst die irritierende Ästhetik einer Waffenmesse nach.

Anschläge simulieren

Die Schweiz: Hort der Sicherheit und Zufluchtsort der Flüchtlinge. Beides ist sichtbar in der Ausstellung: Ein für das Sportschiessen modifiziertes Sturmgewehr vor rotem Hintergrund und eine rote Schweizer Karte, die in der Grenzwachtstelle Chiasso hängt, von Hand mit Basisinformationen ergänzt für Flüchtlinge, die oft nicht wissen, wo sie gelandet sind und dass hier eine Landesgrenze ist.

Auch die Schweiz hat eine Sicherheitsindustrie. Vieles ist verborgen oder geheim und lässt sich nicht fotografieren: die Justiz, der Strafvollzug, der Geheimdienst, die Atomkraftwerke. Dennoch vermag Salvatore Vitale das oft abstrakte Erzeugen von Sicherheit sichtbar zu machen. Er zeigt Supercomputer und Statistiken, Zollstellen und Zeichen des Réduit-Dispositivs, die Wetterüberwachung am Flughafen, die Simulation eines Terroranschlags und den vierfüssigen Roboter ANYmal.

Das Unscheinbare wird sichtbar

Wer gewährleistet Sicherheit in der Schweiz? Salvatore Vitale zeigt beides: Wie der Staat sich als Staat sieht und wie der Staat das Volk sieht. Er zeigt auch nationales Branding, also wie wichtig Bilder in der Politik und bei nicht-staatlichen Akteuren sind. Vitale macht die neue Bilderintensität durch die Digitalisierung sichtbar – auch in seiner Ausstellung hängen Überwachungskameras. Salvatore Vitales Ansatz ist nicht der des Fotojournalismus, sondern der direkte Zugang zu den Akteuren über das Bild und dessen eigene Wirkkraft. Auch abstrakte Dienstleistungen wie Telekommunikationsfirmen werden so sichtbar: Beispiele für selbsterhaltende und selbsterweiternde Technologien zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten.

Ein broschiertes, schwarz-weiss gehaltenes Handbuch mit zahlreichen Abbildungen ergänzt die sehenswerte Ausstellung.

Salvatore Vitale: How to Secure a Country, Fotostiftung Schweiz, Winterthur; bis 26.5.

Ausstellung: Das Spiel mit der weinenden Frau

Bei Anne Collier ist das unschuldige Bild eine Illusion. Ihre konzeptuellen Arbeiten im Fotomuseum Winterthur basieren auf Fundstücken der Popkultur: Fotos aus Werbung, Comics oder Magazinen, Filmstills oder Plattenhüllen. Wiederkehrendes Motiv ist die weinende Frau. Collier ist eine passionierte Sammlerin und eine obsessive Künstlerin. Sie fotografiert, druckt aus, digitalisiert, verfremdet, druckt wieder aus. So entsteht eine starke Spannung zwischen der Nostalgie ihrer Fundstücke und der Entzauberung solcher Klischees. Sie verzerrt Grössenverhältnisse, spielt mit dem analogen Kontrast von Negativ und Positiv, mit Früher und Heute, macht Originale unkenntlich, überträgt die schon vor Jahrzehnten sexualisierte Werbesprache in die Fotografie. Anne Colliers Ausstellung «Photographic» hat durchaus einen kritischen Unterton. Ihre Arbeiten haben viel Spielerisches und Ironisierendes an sich, aber letztlich bleiben sie kühl und artifiziell. (dl)

Anne Collier Photographic, Fotomuseum Winterthur; bis 26.5.