Wie mit Holocaust-Zeitzeugen umgehen? Eine Ausstellung in Hohenems beleuchtet das Erinnern

Wie erzählen Holocaust-Überlebende, und was beeinflusst unseren Umgang damit? Die Ausstellung «Ende der Zeitzeugenschaft?» im Jüdischen Museum Hohenems zeigt, dass Wahrnehmung und Wertung medial geformt werden.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Blick in die Ausstellung in Hohenems. Nur noch wenige Holocaust-Zeitzeugen können erzählen. Höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie wir mit dem Erzählten umgehen: heute und in Zukunft.

Blick in die Ausstellung in Hohenems. Nur noch wenige Holocaust-Zeitzeugen können erzählen. Höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie wir mit dem Erzählten umgehen: heute und in Zukunft.

Bild: Dietmar Walser

Ausgezehrt und gerade mit dem nackten Leben davongekommen, gaben sie den Alliierten Auskunft. Sie wurden von Psychotherapeuten befragt, standen als Zeugen in den NS-Prozessen in Frankfurt und Jerusalem vor Gericht. Sie sassen in Radiostudios und TV-Talkshows, schrieben später ihre Geschichte nieder, erzählten sie Mitarbeitern der Shoa-Foundation oder Filmemachern wie Claude Lanzmann.

Unterdessen sind die letzten Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden hochbetagt; nur wenige von ihnen geben noch Interviews oder besuchen Schulklassen, um mit ihren persönlichen Erinnerungen gegen das Vergessen einzutreten. Höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie wir mit dem Erzählten umgehen: heute und in Zukunft.

Das Tagebuch der Anne Frank erschien zunächst gekürzt

Im Jüdischen Museum Hohenems begegnet man einigen von ihnen bereits im Foyer, in überlebensgrossen Videoprojektionen von Augenblicken des Verstummens. Das Schweigen dieser Menschen, das Nichtsagbare und die Leerstellen der Erinnerung nimmt man nach dem Rundgang mit hinaus, und mit ihm einen geschärften Blick für den Umgang mit dem, was sie als Zeitzeugnisse hinterlassen.

Die Ausstellung thematisiert auch Augenblicke des Verstummens.

Die Ausstellung thematisiert auch Augenblicke des Verstummens.

Bild: Dietmar Walser

Die Irritation im Eingang ist gewollt. Schon vor der buchstäblichen Vertiefung des Themas im Untergeschoss macht die Ausstellung mit den kurzen Sequenzen sprachlos verharrender Gesichter deutlich, dass «Zeitzeugenschaft» etwas «Gemachtes» ist, ein Konstrukt – anders lässt sich das Unsägliche kaum dokumentieren und weitergeben.

Was eine breite Öffentlichkeit von Zeitzeugen erfährt, ist medial geformt, in steter Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in welchen die Überlebenden zu Wort kommen. Erzählumwege und Abschweifungen, lange Schweigepausen, verweigerte Antworten, zerknüllte und verweinte Nastücher sind in Dokumentationen selten zu sehen. Sie fallen aus Zeitgründen dem Schnitt zum Opfer. Die Auswahl der Fragen, die Länge der Antworten formt das Zeitzeugnis – wie in beinahe jedem Interview. Vor Gericht zählen eindeutig verifizierbare Fakten, eine laufende Kamera kann das Erinnern und Erzählen erschweren. Tagebücher wie das der Anne Frank erschienen zunächst gekürzt.

Zeitzeugen wurden eher vorgeführt denn befragt

Das Jüdische Museum Hohenems verfügt in seinen Beständen über ausführliche, filmisch dokumentierte Interviews mit Überlebenden, die durch Vorarlberg kamen, in mehreren Sprachen. Aus diesem Material hat Anika Reichwald, Museumsmitarbeiterin und Kuratorin der Ausstellung, kurze Sequenzen ausgewählt; wer viel Zeit mitbringt und bereit ist, immer wieder zu kommen, kann sie aber auch in Gänze hören.

Nach der ersten Station in Hohenems wird die Schau weiterwandern und sich entsprechend wandeln: ab Mai wird sie in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen sein, später in München und Berlin, mit Interviewausschnitten aus den dortigen Sammlungsbeständen.

Herz der Ausstellung ist ein historischer Abriss der Jahrzehnte ab 1945. Hier lässt sich anhand von Fotos, Dokumenten, Hör- und Filmbeispielen studieren, wie sich die Rolle und Wahrnehmung der Überlebenden im Laufe der Zeit verändert hat.

In den 1950er Jahren etwa kamen die Zeitzeugen selbst kaum zu Wort. Ihre Berichte wurden «herausgegeben»; in Live-Sendungen wurden sie eher vorgeführt denn befragt. In den Jahren der Auschwitz-Prozesse rückten die Täter ins Rampenlicht; Aussagen von Überlebenden wurden zuweilen als «inszeniert» und rachsüchtig verunglimpft.

Viele Videostationen lassen Zeitzeugen zu Wort kommen.

Viele Videostationen lassen Zeitzeugen zu Wort kommen.

Bild: Dietmar Walser

Blick hinter die Kulissen der «Inszenierung» von Zeitzeugenschaft

Ins Wohnzimmer oder Kino kam das Verdrängte mit Mehrteilern und Filmen wie «Holocaust», «Shoah» oder «Schindlers Liste»; thematisiert werden auch «falsche» Erinnerungsbücher wie das von Binjamin Wilkomirski, der 1995 als «Holocaust-Hochstapler» entlarvt wurde.

Noch aufschlussreicher ist, den Zeugen zuzuhören und zu sehen, was die Erinnerung mit ihren Gesichtern, ihrer Körperhaltung macht: Man kann es an neun Videostationen anhand von Interviewausschnitten, die beispielhaft für wiederkehrende Erzählformen der Erinnerung, für unbewusst verwendete «Strategien» ausgewählt wurden. Da gibt es Zeugen, die ihr Davonkommen als Heldengeschichte präsentieren, andere verlieren sich in Details oder weichen aus in moralische Appelle. Chronologisch und sachlich nüchtern erzählt keiner von ihnen.

Um Transparenz geht es der Schau, um einen Blick hinter die Kulissen der «Inszenierung» von Zeitzeugenschaft. Dafür stehen die gläsernen Stelen zur Präsentation der Texte und Filmausschnitte: als Splitter individueller Erinnerung.

Ausstellung «Ende der Zeitzeugenschaft?», bis 13. April 2020, Jüdisches Museum Hohenems

Aktuelle Nachrichten