Wie man richtig Reggae spielt

Reggae-Legende Earl «Chinna» Smith lädt regelmässig Musiker in seinen Garten ein. Auch der St. Galler Markus Egloff war oft dort zu Gast und filmte. Sein Dokfilm «Inna De Yard» zeigt, wie gestandene jamaikanische Musiker arbeiten.

Roger Berhalter
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Earl «Chinna» Smith ist auf mehr als 500 Reggaeplatten zu hören. (Bild: Joakim Westerlund)

Earl «Chinna» Smith ist auf mehr als 500 Reggaeplatten zu hören. (Bild: Joakim Westerlund)

ST. GALLEN. Earl «Chinna» Smith ist einer der meistgebuchten Reggaemusiker Jamaikas – und doch kennt ihn hierzulande kaum jemand. Im Gegensatz zu den schillernden Sängern am Mikrophon bleiben Studiomusiker wie er meist im Hintergrund. Doch der heute 59-Jährige ist auf mehr als 500 Reggaeplatten zu hören. In den 1970ern spielte der Gitarrist mit der Soul Syndicate Band unzählige Aufnahmen ein, mit so bekannten Sängern wie Bob Marley, Jimmy Cliff, Dennis Brown und Peter Tosh. Und noch immer ist er gefragt. In jüngster Zeit holten ihn Soulsängerinnen wie Lauryn Hill, Erykah Badu und Amy Winehouse ins Studio.

Dreadlocks verbinden

«Earl <Chinna> Smith ist eine Kapazität in der jamaikanischen Musikszene», sagt Markus Egloff. Der gebürtige St. Galler kennt den Gitarristen schon seit über 15 Jahren. An einem Open Air in der Westschweiz sprach ihn der Jamaikaner erstmals an – «Dreadlocks verbinden» – und seither haben sich die beiden immer wieder getroffen, und Egloff war unzählige Male in Smiths Garten zu Gast. Über ebendiesen Garten mitten in Kingston und über die musikalischen Sessions, die sich dort täglich abspielen, hat Egloff einen Dokumentarfilm gedreht. «Inna De Yard» (auf Deutsch: «Im Garten») zeigt, wie sich die alte Reggae-Garde mit jüngeren Musikern zu gemeinsamen Sessions im Grünen trifft. «Sie essen, sie rauchen, sie machen Musik», beschreibt Egloff den schnörkellosen Alltag. Dies entspreche der traditionellen Art, Reggaemusik zu machen. Nur treffen sich die Musiker heute eben nicht mehr vor einem Kassettenrekorder, bevor sie zusammen ins Studio gehen, sondern sie singen ihre Lieder direkt in mobile Studiogeräte, die in jeder Stube – oder eben auch in jedem Garten – Platz haben.

Zuerst machen, dann fragen

Markus Egloff hat viele dieser Sessions gefilmt. Anfangs nur, um daraus kurze Videoclips zu schneiden. Doch dann starb einer der Musiker, Dizzy Johnny Moore, und Egloff merkte, dass er die letzten Interviews und Aufnahmen dieses stilbildenden jamaikanischen Trompeters im Kasten hatte.

So wurde aus den kurzen Filmsequenzen «Inna De Yard», ein knapp 90minütiger Dokfilm, den Egloff in Eigenregie und Do-it-yourself-Manier innert sechs Jahren fertigstellte. Geldgeber für sein Projekt fand er keine, doch er machte den Film trotzdem, auf gut jamaikanische Art: «Zuerst wird gemacht, erst danach alle Fragen geklärt», sagt Egloff und lacht. Mit dem Film habe er, der fünf Jahre selber auf Jamaika wohnte, der Insel auch etwas zurückgeben wollen.

Im April 2012 feierte «Inna De Yard» in Kingston Premiere – und wurde zum Ereignis. Medien wie der «Jamaica Observer» und BBC International Radio berichteten über den Dokumentarfilm, und der grosse Reggae-Produzent Lee «Scratch» Perry bot auf der Bühne eine Gesangseinlage.

Mit der Tochter auf der Bühne

Jetzt ist «Inna De Yard» auch in der Schweiz zu sehen, begleitet von Earl «Chinna» Smith persönlich. Markus Egloff hat den Gitarristen in die Schweiz geholt, begleitet von dessen Tochter Jhamelia und der Tessiner Sängerin Sabrina Pallini. Auch heute in der Grabenhalle stehen der Musiker und die zwei Sängerinnen nur zu dritt auf der Bühne.

Kein nostalgischer «Bob-Marley-Abend» ist zu erwarten, sondern ein ruhiges Konzert mit zwei tollen Stimmen, einer legendären Gitarre und neuen Songs. Das war diesen Dienstag auch auf Radio SRF3 im «Reggae Special» zu hören, wo die Truppe live zu Gast war. «Wir gestalten es familiär», sagt Egloff. Eben fast so wie in Smiths Garten.

Heute Do, 20.30 Uhr (Filmvorführung), 21.30 Uhr (Konzert), Grabenhalle, St. Gallen; Musik und Infos zum Film unter www.grassyardproductions.com

Markus Egloff Tontechniker und Filmemacher (Bild: pd)

Markus Egloff Tontechniker und Filmemacher (Bild: pd)