Wie man den grossen Bogen findet

In dieser Saison spielen Meda Gheorghiu-Banciu und Julian Sigl zwei grosse Rollen am Theater St. Gallen. Die beiden Jungschauspieler erzählen vom Drang, auf der Bühne zu stehen, und vom Schlüpfen in andere Figuren.

Rolf App
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Meda Gheorghiu-Banciu: «Das Theater ist mein Leben, darin fühle ich mich wohl.» (Bild: Olivia Hug)

Meda Gheorghiu-Banciu: «Das Theater ist mein Leben, darin fühle ich mich wohl.» (Bild: Olivia Hug)

Es ist eine unheimliche Szenerie. Leichen liegen zugedeckt auf Bahren, und wer noch lebt und sich bewegt, ist auch schon tot. «Du bist blass, Luise?», fragt Ferdinand. «Es ist nichts! nichts!», sagt sie, und erschrickt dann: «Ferdinand! Ein Dolch über dir und mir! – Man trennt uns!» Ferdinands Zuversicht und Entschlossenheit setzt sie ihr schwarzes Gefühl entgegen. Sie tut es mit einem Gesicht voller Trauer, mit Augen, in denen alles liegt. Die Liebenden werden getrennt werden, mehr noch: Sie werden zugrunde gehen. Zugrunde gehen an Ferdinands Vater, zugrunde gehen an den gesellschaftlichen Normen, die eine Liebe zwischen der Tochter eines Musikanten und dem Sohn des Präsidenten nicht zulassen. Noch immer vermag «Kabale und Liebe» von Friedrich Schiller, zum ersten Mal gespielt am 13. April 1784, zu berühren, ja aufzuwühlen. Denn immer noch gibt es überall auf der Welt Liebende, die nicht zueinander finden dürfen.

Andere Bühne, anderes Stück: Der alternde Kriminalschriftsteller Andrew Wyke hat in sein einsames Landhaus einen Gast geladen zur Nacht. Es ist Milo Tindle, der junge Liebhaber seiner Frau. Wyke weiss es, und er hat einen teuflischen Plan. Ein Duell findet statt, in Worten, nicht mit Waffen, und so umkreisen sie sich, geraten auf seltsame Abwege. Denn, sagt sich Wyke, «der direkteste Weg zum Herzen eines Mannes ist die Demütigung». Und Milo? Er erweist sich, nach dem ersten Schreck, als ziemlich raffiniert. «Revanche» von Anthony Shaffer, uraufgeführt am 12. Januar 1970, hat seine Sprengkraft bewahrt bis heute – und ist überraschend bis zum Schluss.

Zweimal Theater, das in dunkle Abgründe leuchten, das eine Mal als beklemmendes Drama, das andere Mal als rasante Farce. Zwei junge Menschen, die in ihnen tragende Rollen verkörpern, in ihrer jungen Karriere am Theater St. Gallen. Meda Gheorghiu-Banciu spielt die Luise am Grossen Haus mit einem Ausdruck, der sich einprägt. Jetzt sitzt sie da, in der Lokremise, wirkt kleiner und zerbrechlicher als auf der Bühne, denkt oft lange nach, bevor sie von sich erzählt und von ihren Erfahrungen am Theater, während die Morgensonne über ihr Gesicht kriecht. Julian Sigl treffen wir am selben Ort, aber gegen Abend, vor seinem letzten Auftritt als Milo Tindle. Er ist anders, offener, offensiver auch. «Mein Gott, was erzähl ich Ihnen da alles», sagt er einmal. Fährt dann aber ungerührt fort, sein eigenes Inneres zu erkunden und eine in vielem fremdbestimmte Welt zu beschreiben.

Zwei Schauspieler, zwei Leben. Geboren vor 26 Jahren in Bukarest, kommt Meda Gheorghiu-Banciu mit dreieinhalb nach dem Sturz des Diktators Ceausescu nach Berlin, wo sie aufwächst: Die Mutter ist Schriftstellerin und hat ein Stipendium bekommen. In der Fernsehserie «Karfunkel» spielt sie zweimal eine kleine Rolle, an der Komischen Oper wird sie Kinderdarstellerin. «Was ich am meisten geliebt habe, das war <La Bohème> von Giacomo Puccini», sagt sie. «Die Mimi war immer so nett zu mir, das war Faszination pur.» Kein Wunder, sagt ihr die Schule nicht allzu viel. Dort spielt sie ihre ersten Rollen, «da war es klar».

Julian Sigl ist zwei Jahre jünger, er wächst auf dem Land auf in der Nähe von Linz in Oberösterreich. Der Vater Postbeamter, die Mutter Lehrerin. Es gibt ein starkes bäuerliches Element in der Familie, aber keine Spur von Theater. Mit sechzehn sieht er zum ersten Mal ein Stück – und findet es nicht gut. Einmal darf er im Gymnasium ein eigenes Gedicht vorlesen. Der Lehrer fragt ihn, ob er im Schülertheater mitmachen will. «Das war das flashigste Erlebnis bis dahin in meinem Leben», erzählt er. So fällt der Groschen, im einen wie im andern Fall. Aus der Faszination wird der Beruf, aus Leidenschaft Arbeit – eine abwechslungsreiche, fordernde Arbeit.

Wie sieht sie aus, diese Arbeit? «Am Anfang, bei den ersten Proben, da ist es immer blöd», sagt Julian Sigl auf seine unnachahmlich direkte Weise. «Du fängst bei null an, mit Lesen und nochmal Lesen. Mit Nachdenken. Der Körper macht da schon ganz viel mit. Dann beginnst du zu spielen, tastest dich heran an deine Figur, und irgendwann passiert was. Dann hast du eine Figur, die dir nicht mehr fremd ist – eine Erweiterung deiner selbst.» Und, wie er mit Marcus Schäfer als Andrew Wyke, im besten Fall auch einen Bühnenpartner, der sich mit grosser Spielfreude auf das Pingpongspiel von «Revanche» einlässt. «Er ist ganz klar, völlig direkt, damit kann ich dann arbeiten. Von ihm kann ich viel lernen.» Das ist es, was Sigl auch bei andern, bekannten Schauspielern schätzt: Direktheit.

Meda Gheorghiu-Banciu beschreibt den Prozess ähnlich bei Schillers Luise. «Man muss die Figur verstehen. Warum handelt sie so? Womit hat das zu tun? Wo ist ihr Bogen, wo geht sie hin, was will sie? Am Anfang probiert man Szenen, doch mit der Zeit fängt sie an zu leben, die Figur.» Sie lebt auch für uns, denn das Theater ist ja vor allem eines: ein Spiegel. Im Max-Frisch-Projekt «Fragebögen I–XI» hat Meda Gheorghiu-Banciu in der Lokremise die Antoinette Stein verkörpert in einer Anordnung, die geradezu Theater pur ist. Ein Mann namens Kürmann bekommt Gelegenheit, die wichtigen Weichen seines Lebens neu zu stellen, zum Beispiel, indem er beschliesst, sich niemals mit dieser Antoinette Stein eingelassen zu haben. Am Ende landet er stets in derselben Sackgasse. «Biographie: Ein Spiel» war dieser Teil des Theater-Tanz-Projekts überschrieben.

Was wollen sie werden? Wollen sie einmal berühmt werden? «Berühmt? Was ist das?» reagiert Meda Gheorghiu-Banciu mit einem Lächeln in den Worten. Sie ist eine Meisterin der Zwischentöne, klingt manchmal zart, manchmal verträumt. Und manchmal ganz entschieden. «Das hört sich so streberisch an», antwortet sie auf die Frage, ob sie die Schauspielerei immer noch als faszinierend empfinde, jetzt, da sie ihre erste feste Stelle hat. «Das Theater ist mein Leben, darin fühle ich mich wohl. Aber ich bin noch lange nicht da, wo ich hin will. Das find ich schön.»

Julian Sigl reagiert anders. «Ich hab so diesen Drang nach Unabhängigkeit in mir», sagt er, «ich bin auf der Suche.» Das hat wohl mit seiner Persönlichkeit zu tun. Mit einer Unzufriedenheit, die ihn treibt. Und das hat mit seiner familiären Situation zu tun. Julian Sigl ist Vater eines kleinen Buben, für den er sehr intensiv da sein will. Seine Freundin, eine bildende Künstlerin, will wieder mehr arbeiten. Also gehen sie auf Ende Saison zurück nach Österreich, wo die Grosseltern leben.

Draussen ist's dunkel geworden, die Maskenbildnerin wartet schon. Julian Sigl bekommt jetzt Locken verpasst, er wird den Text nochmals durchgehen, dann, kurz vor Vorstellungsbeginn, werden er und Marcus Schäfer sich «gegenseitig in den Wahnsinn treiben». Dann kann es losgehen, das «Adrenalinstück».

Julian Sigl: «Ich hab so diesen Drang nach Unabhängigkeit in mir.» (Bild: Michel Canonica)

Julian Sigl: «Ich hab so diesen Drang nach Unabhängigkeit in mir.» (Bild: Michel Canonica)

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