Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Er verwandelt das Luzerner Kunstmuseum in ein Wimmelbilderbuch

In Zusammenarbeit mit dem Fumetto zeigt das Kunstmuseum die erste Einzelausstellung von Keiichi Tanaami in der Schweiz. Während der Japaner bei uns eher unbekannt ist, geniesst er international Kultstatus.
Nadine Meier
Keiichi Tanaami steht vor einem seiner bunten Werke im Luzerner Kunstmuseum. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Luzern, 5. April 2019))

Keiichi Tanaami steht vor einem seiner bunten Werke im Luzerner Kunstmuseum. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Luzern, 5. April 2019))

Riesenspinnen, Totenköpfe, Ufos und dazu alles in Regenbogenfarbenästhetik: Das könnte man vorausschicken, bevor man die Retrospektive des japanischen Künstlers Tanaami (*1936) im Kunstmuseum Luzern besucht. Und trotz dieser Vorwarnung wird man noch immer regelrecht überflutet von dem Detailreichtum und der Farbenpracht der in der Ausstellung gezeigten Werke.

An knallpinken, gelben und grünen Wänden hängen sie, die Collagen, Gemälde und Zeichnungen – und sind dabei genauso bunt gehalten wie der Aus­stellungsraum, den der Künstler selbst entworfen hat. Aus über 50 Jahren seiner Schaffensphase hat Kuratorin Jana Jakoubek ­(Leiterin des Fumetto-Festivals) zusammen mit dem Kunstmuseum Luzern eine Auswahl getroffen.

Auf eine psychedelische Reise

Das Auge möchte sich bekanntlich einen Überblick verschaffen und sich an vertrauten Formen und Motiven festhalten. Dieser Versuch erinnert bei Tanaami etwas an «Wo ist Walter», die bekannte Wimmelbilderbuch-Serie für Kinder. Nur dass es bei Tanaami nicht den rot-weiss gestreiften Pullover von Walter zu suchen gilt. Vielmehr wird man entführt auf eine psychedelische Reise, auf der man immer wieder Neues am Wegrand entdeckt. Auf den Collagen aus 2018 fühlt man sich in seine eigene Jugend zurückversetzt. Die akkurat ausgeschnit­tenen Papierschnipsel-Figuren könnten dem «Bravo»-Magazin entstammen, während die Micky-Maus-Hand und der Superman-Schriftzug wehmütig an die Comiczeit erinnern.

Was auf den ersten Blick fröhlich und unbeschwert aussieht, hat einen tiefgründigen und traurigen Unterton. Tanaami erlebte 1945 als 9-jähriger die US-Luftangriffe auf Tokio im Zweiten Weltkrieg. Diese traumatischen Erlebnisse begann er später in seiner Kunstpraxis zu verarbeiten. Wiederkehrende Motive wie die Kampfflugzeuge, Totenköpfe oder Raketen sind also nicht nur ein Konzept, sondern stete Aufarbeitung seiner persönlichen Biografie, wobei die Aufarbeitung bis heute andauert.

Obwohl Tanaami kein Studium der bildenden Kunst abgeschlossen hat, bewegt er sich mühelos in allerhand Medien und spricht viele Formensprachen. Da seine Mutter der Meinung war, Künstler seien «schmutzige, betrunkene, in Armut lebende Hilflose», musste er zuerst ein Studium als Grafiker an der Hochschule für Gestaltung an der Musashino Art University in Tokio absolvieren, bevor er sich der Kunst zuwandte. Massgeblich dazu beigetragen, sich nicht nur auf die Grafik zu beschränken, hat besonders sein Zusammentreffen mit Andy Warhol 1968. In ihm fand er ein Vorbild, wie sich Auftragsgrafik und freie Kunst miteinander verbinden lässt. Tanaami gewann bereits während seines Studiums zahlreiche Preise für seine Arbeit. Inzwischen ist er einer der einflussreichsten Künstler Japans und gilt als Vorreiter der japanischen Pop-Art-Bewegung.

Holzschnitt und andere Referenzen

Nebst der amerikanischen Pop-Art-Kultur, die er zu Beginn seiner Arbeit besonders interessiert aufgriff, setzte sich Tanaami auch ganz traditionell mit dem Holzschnitt auseinander. Aber auch andere kunsthistorische Bezüge lassen sich in seiner Arbeit erkennen. Im Animationsfilm «The Laughing Spider» verweist er auf die gleichnamige Grafik des französischen Künstlers Odilon Redon oder lässt seine eigene Interpretation von Edward Munch’s «Schrei» über die berühmte Brücke spazieren. Damit verbindet Tanaami spielerisch östliche und westliche Kunstwelten, deren Referenzen zu entdecken ein Spass ist.

Ironischerweise war es ein weiterer Schicksalsschlag als 45-Jähriger, der seine Arbeit erneut stark beeinflusste. Eine schwere Krankheit, vermutlich ausgelöst durch seinen ständigen Schaffensdrang, zwang ihn zu einem viermonatigen Krankenhausaufenthalt. Während dieser Zeit, in der er ständig medikamentös behandelt wurde, schwebte er zwischen Leben und Tod und halluzinierte nach eigenen Aussagen jede Nacht. Tanaami war unfähig, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Illusion wahrzunehmen, wie er in einem Interview mit der Galerie Gebrüder Lehmann sagte: «Träume und Realität werden in meinen Erinnerungen durcheinander­gebracht und in meinem Kopf in diesem zweideutigen Zustand gespeichert.» Genau diese Sichtbarmachung jener Zustände ist es schliesslich, die das Werk von Tanaami auszeichnet und es noch lange in einem selbst nachhallen lässt.

Keiichi Tanaami, bis 26.05.2019, Kunstmuseum, Luzern

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.