Wie durch ein Zeitloch gefallen

Für seinen Romanerstling «In Zeiten des abnehmenden Lichts» wurde Eugen Ruge 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Kritik feierte den epischen Atem des Buchs und rückte die Chronik einer Familie in die Nähe der «Buddenbrooks». «Follower», der neue Roman, ist ganz anders.

Hans-Dieter Fronz
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Eugen Ruge: Follower. Roman, Rowohlt 2016, 320 Seiten, Fr. 31.90

Eugen Ruge: Follower. Roman, Rowohlt 2016, 320 Seiten, Fr. 31.90

Für seinen Romanerstling «In Zeiten des abnehmenden Lichts» wurde Eugen Ruge 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Kritik feierte den epischen Atem des Buchs und rückte die Chronik einer Familie in die Nähe der «Buddenbrooks». «Follower», der neue Roman, ist ganz anders. Eine realistische Phantasie über die nähere Zukunft? Realitätsferne Science-Fiction? Ein grandioser Roman jedenfalls – mit beträchtlicher Erzählzeit: 14 Milliarden Jahre, vom Urknall bis in den Sommer 2055.

Die Geschichte führt ins Jahr 2055. Etwas desorientiert erwacht Nio Schulz in seinem Hotelzimmer im 14. Stock in der chinesischen Metropole Wu Cheng. Als Associate Agent von Cetech soll er in dem Land das neueste Produkt promoten. In Echtzeit begleitet der Roman den Helden durch den Tag – und führt den Leser in eine Zukunft, wie sie hoffentlich niemals Realität wird.

Die Welt ist zu einer digitalen Simulation zusammengeschnurrt – die Realität ein «gigantisches Filmset», mit den Menschen als Statisten des eigenen Lebens, selbst der Himmel eine «Fälschung»; der Mensch: ein total vernetztes Datenbündel. Bei aller Fremdheit finden sich Einsprengsel des Vertrauten. Man kennt noch Instagram und Eis von Häagen Dasz - oder Jooop!, mit drei o! Zugleich ist da dieses UN-Klimaprogramm, das mit Hilfe des Zündens von Wasserstoffbomben in Australien die tropischen Erdtemperaturen senken will.

Die Arbeitsverhältnisse selbst von Bessergestellten sind prekär. Nio ist als Durchschnittsexistenz ängstlich bemüht, den Anforderungen einer menschenfeindlichen Realität zu genügen und den gesellschaftlichen Imperativen zu entsprechen. Sein Medikamentenkonsum und die unbefriedigende, von Ängsten grundierte Beziehung zu Sabena sprechen vom geringen Erfolg dieser Anstrengung. Während eines gleichsam inneren Amoklaufs durch Hotellobbys, Frühstückssäle und Shopping-Malls steigert sich Nio in eine mentale Verzweiflung hinein, die ihn zuletzt völlig aus der Bahn seines bisherigen Lebens ausscheren lässt. Am Ende fällt er wie durch ein Zeitloch in eine analoge Vergangenheit zurück, aus der ihn von seiner Kindheit her noch ferne Erinnerung anwehte. Ob eine solche Existenz Zukunft hat, ist nicht mehr das Thema des Romans.

Als negative Utopie und düstere Zukunftsvision ist «Follower» gleichermassen messerscharfe Gegenwartsanalyse und köstliche Zeitsatire. Zum nüchtern-ironischen Grundton passt der szientifische Duktus, in dem das Buch in einer grossen gedanklichen Ausholbewegung die Ahnengalerie des Helden bis zum Urknall zurückverfolgt. Mit seinem neuen Roman darf Eugen Ruge nicht nur als grosser Erzähler, sondern als einer der scharfsichtigsten Zeitdiagnostiker der Gegenwartsliteratur gelten.