Wie die Winehouse

Wer über die Soulsängerin Ira May spricht oder schreibt, benutzt schnell grosse Worte. Im Kugl zeigte die Baselbieterin am Freitag, dass der Hype um sie gerechtfertigt ist. Derart warmen Retro-Soul musste man hierzulande lange suchen.

Roger Berhalter
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«Eifach wills geil isch»: Iris Bösiger alias Ira May gibt sich im Kugl sympathisch. (Bild: Luca Linder)

«Eifach wills geil isch»: Iris Bösiger alias Ira May gibt sich im Kugl sympathisch. (Bild: Luca Linder)

Immer wenn der Hype um eine Musikerin gross ist, gilt es, vorsichtig zu sein. Dann kursieren schnell grosse Worte wie «Stimmwunder», «Chartsensation» oder «Hammeralbum», und man zieht grosse Vergleiche. Bei Ira May heisst es, sie singe wie Lauryn Hill, und sie wird auch schon als die Schweizer Amy Winehouse bezeichnet.

Trotzdem, und obwohl Ira May soeben aus dem Nichts auf Platz 1 der Schweizer Albumhitparade gesprungen ist («Chartsensation!»), sind an diesem Freitagabend nur knapp 100 Interessierte ins Kugl gekommen. Ira May hätte mehr Publikum verdient. Plötzlich steht sie vorne, umringt von ihrer achtköpfigen Band, und es klingt wie bei Marvin Gaye in den 1960ern. Die Hammondorgel wabert, die vier Bläser setzen Akzente, die Gitarre schmiegt sich elegant dazu, Schlagzeug und Bass legen den Grooveteppich. Ein knackiger, warmer Retrosound.

Sehr, sehr schwarz

Doch so kompakt die Musiker spielen: Ira May singt sie alle an die Wand («Stimmwunder!»). Die 26-Jährige hat dieses kehlige Klagen, das eben zum Beispiel an Hill und Winehouse erinnert, und vor allem klingt ihre Stimme sehr, sehr schwarz – was nicht so ganz zur blassen Blondine passen will.

Doch man versteht nun Sascha Rossier, wenn er Ira May als «die grösste Soulstimme, die die Schweiz je hatte» bezeichnet. Der SRF-Musikjournalist und Moderator des «Black Music Special» hörte Ira May zum ersten Mal 2012 am Ende des 83minütigen Basler Hip-Hop-Gemeinschaftsprojekts «1 City, 1 Song». Er war begeistert und lud Iris Bösiger, wie Ira May richtig heisst, in seine Sendung. Auch ihre erste Single «Let You Go» präsentierte er im Juni 2013, und obwohl es damals ausser diesem einen Stück noch nichts von Ira May zu hören gab, sprachen plötzlich alle von dieser neuen Soulstimme aus Sissach. Seit einem Monat ist nun ihr erstes Album «The Spell» auf dem Markt, mit Songs zwischen (Retro-)Soul und Pop («Hammeralbum!»).

Der Anfang von etwas Grossem

Im Kugl interpretiert Ira May ihre Single «Let You Go» im Rotlicht, begleitet von einem wunderschönen Örgeli. Am besten ist sie in den reduzierten Passagen, wenn sie alle Nuancen ihrer Stimme zeigen kann. Auch den Albumtitelsong «The Spell» beginnt sie mit einer Sologesangeinlage, die einem die Haare aufstellt und das Gefühl gibt, beim Anfang einer grossen Karriere dabei zu sein.

Je länger das Konzert dauert, desto mehr Fahrt nimmt die Band auf. Die zwei Saxophone liefern sich Duelle, die Gitarre darf auch einmal solieren, irgendwann wiegen sich alle zu einem karibischen Groove, und als Zugabe folgt eine Portion Funk, «eifach will's geil isch».

Ira May wirkt dabei gleichzeitig zurückhaltend und dominant. Sie ist nicht das unerfahrene Casting-Girl (schon vor zehn Jahren fiel sie in hohem Bogen aus «Music Star»). Sie gibt aber auch nicht die abgeklärte Diva, sondern ist irgendetwas Sympathisches zwischendrin. Der Hype um sie und die grossen Vergleiche dürften sich irgendwann verflüchtigen. Doch hoffentlich bleibt uns diese Baselbieterin noch lange erhalten.

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