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Wie die Schweiz schmeckt

Er ist Reisender und heisst Krieger. Das Kosmetikprodukt, für das er durch die Schweiz reist, heisst «Blue Eye» – doch blauäugig ist nichts am 1981 entstandenen Film von Christian Schocher, der von heute an in einer gekürzten Fassung im St.Galler Kinok läuft.
Walter Brehm
«So wird d'Schwiiz schmöcke dää Winter!» Willi Ziegler alias Krieger auf seiner Tour durch die Coiffeursalons und Kosmetikstudios der Schweiz. (Bild: out-now)

«So wird d'Schwiiz schmöcke dää Winter!» Willi Ziegler alias Krieger auf seiner Tour durch die Coiffeursalons und Kosmetikstudios der Schweiz. (Bild: out-now)

Gedreht in Schwarz-Weiss, sind die Farben von «Reisender Krieger» in Tat und Wahrheit eisgrau und dunkelschwarz. Da hat einer Ende der 70er-Jahre genau hingeschaut, wie die Schweiz im Winter aussieht, und erschreckt uns heute damit, dass dieser Winter noch immer anhält. Eine Erinnerung an die Schweiz von gestern gleichsam als visionäre Zeitreise in die Schweiz von heute.

Kaum in die Kinos gekommen

Widersprüche, Brüche und Risse im Leben der Protagonisten, in der Erzählung und im elegisch gezeichneten Bild von der Schweiz tragen den Film. Ein Roadmovie durch ein Land, in dem man, kaum hat man das Gaspedal angetippt, an seine Grenzen fährt. Und Regisseur Christian Schocher wiederum fährt das Publikum an seine Grenzen.

Der Film ist in seiner ersten Fassung von 1981 kaum in die Kinos gekommen, aber durch ganz Europa von Festival zu Festival gereist – auch so gesehen ein Roadmovie.

Unter der «Tagesschau»-Realität

Die Grenzen, die er dem Publikum aufzeigt, sind virtuell, aber wahrhaftig. Erinnerungen, was Schweizer Film in 70er- und 80er-Jahren einmal war – weit weg vom Euro-Kino der verschwundenen Julias und der grossen Kater, die uns heute charmant-süffisante

Geschichten aus dem Nirgendwo erzählen, die sich so oder ähnlich in der Schweiz, aber auch in Norddeutschland oder in der Normandie abgespielt haben könnten.

«So wird d'Schwiiz schmöcke, dää Winter», lässt Schocher seinen Krieger landauf, landab das Mantra wiederholen, das dem Reisenden den Lebensunterhalt sichern soll. Doch Krieger schliesst über den ganzen Film in keinem Coiffeursalon oder Kosmetikstudio auch nur ein einziges Geschäft ab. Die Leere des Vertreter-Lebens lässt unendlich Raum. Raum zum Hinschauen.

Schocher ist ein Hingucker. Das war er schon lange vor «Reisender Krieger» und ist es auch danach geblieben. Und Schocher lässt seinem Publikum Zeit, selbiges zu tun. Seine Filme waren und sind, was man dem «Reisenden Krieger» quasi als schützendes Prädikat gegen den gängigen Publikumsgeschmack mitgegeben hat: Odysseen durch helvetische Wahrheiten, Reisen durch den Grund unter der «Tagesschau»- und Zeitungsrealität.

Da sind zum Beispiel die «Kinder von Furna» – oder die Geschichte, wie das Leben in einem Bündner Bergdorf beginnt. Schocher hat sie in seinem ersten Film 1975 dokumentarisch erzählt – und es nicht dabei belassen.

Wie es weitergeht

In «Jahre später» haben ihn diese Menschen, denen er ein Gesicht gegeben hatte, als sie in der Dorfschule das Abc «paukten», auf dem Dorfplatz tollten und in ihren Familien aufwuchsen, 20 Jahre später immer noch interessiert. Er wollte wissen und auch weitergeben, wie das Leben als Erwachsener aus Furna «schmöckt».

Diese Beharrlichkeit trägt auch den «Krieger». Ein Drehbuch hat es nicht gegeben. Der Hauptdarsteller Willi Ziegler ist eine Zufallsbekanntschaft Schochers. Und doch: ein Resultat des genauen Hinschauens des Regisseurs.

Man muss erkennen, wer ein Schweizer Klimaprotokoll aus der Endzeit der 70er-Jahre transportieren kann. Aus einer Zeit, als die Mehrheit von Schochers Berufskollegen und deren Publikum noch glauben wollten, die Jugendbewegung der 80er-Jahre sei mit ihrem «Macht aus dem Staat Gurkensalat» ein Aufbruch zu neuen Ufern und nicht der Abgesang auf die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderungen im Stile der 68er.

27 Stunden Material

Am Ende der Reise des Kosmetik-Kriegers durch furchtbar graues Mittelland und eisig kalte Bergwelten sass Schocher 1980 auf 27 Stunden Filmmaterial. Ergebnis des genauen Schauens zwar, aber kaum noch überschaubar. Verloren im zu viel Gesehenen, half ihm der Zürcher Cutter und Filmmacher Franz Rickenbach, eine Dreieinviertelstunden lange Fassung zu montieren. Kult für die Festivals, aber der Tod jeder Kinoauswertung.

Nun gibt es den «Directors Cut». Nicht länger wie üblich, wenn frustrierte Hollywoodgrössen die vom Produzenten vorgenommenen «marktgerechten» Kürzungen ihrer Werke wieder rückgängig machen. Die drei Jahrzehnte Abstand haben Schochers Blick nicht getrübt, sondern geschärft. Das Bild einer kalten Schweiz ist auf 145 publikumsfreundliche Minuten gestrafft, aber nicht verkürzt worden.

Die verlorene Seele

Willi Ziegler spielt nicht, ist vielmehr die (verlorene) Seele des Landes. Im Trenchcoat der Film- noir-Protagonisten ist er durch die Schweiz unterwegs, spricht wenig, bringt aber Normalbürger und Freaks zum Reden: Sie zeichnen ein Bild von geographischen und seelischen Landschaften, in denen sich das Publikum wieder erkennt – schmerzhaft oft, aber immer erhellend.

Und der Abspann im Kino zeigt noch etwas – «Cinema copain» pur – einen Film, der nur im damaligen Selbstverständnis möglich war, Teil einer gesellschaftlichen Veränderung zu sein. Darsteller, Techniker und ein Macher, die Selbstausbeutung als Voraussetzung neuer Produktions- und Verleihstrukturen helvetischen Kinos gelebt hatten.

Immerhin es gibt Restanzen: «Reisender Krieger» läuft ab heute im Kinok, Heim widerspenstiger Filmkultur gegen den übermächtigen Mainstream Hollywoods und des Euro-Kinos.

Christian Schocher. (Bild: out-now)

Christian Schocher. (Bild: out-now)

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