Wie die Leute so reden in der Provinz

«Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr.» Er ist tot, im Nebel ertrunken in seinem See. Das Dorf, dessen Bewohner hier reden, heisst Fürstenfelde und liegt in der Uckermark, also bis 1989 in der DDR. Der Ort entvölkert sich, die Jungen ziehen weg.

Erika Achermann
Drucken
Saša Stanišic (Bild: epa/Arno Burgi)

Saša Stanišic (Bild: epa/Arno Burgi)

«Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr.» Er ist tot, im Nebel ertrunken in seinem See. Das Dorf, dessen Bewohner hier reden, heisst Fürstenfelde und liegt in der Uckermark, also bis 1989 in der DDR. Der Ort entvölkert sich, die Jungen ziehen weg. «Es gehen mehr tot, als geboren werden», sagen sie im Roman «Vor dem Fest», für den Saša Stanišic den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt.

Mit Revolver gegen Automaten

Herr Schramm bleibt zurück, ehemaliger Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, jetzt Rentner. Er schiesst voll genervt mit dem Revolver auf den Zigarettenautomaten, weil der nicht funktioniert. In der Nacht geht er mit der Studentin Anna spazieren. Es ist die Nacht vor dem Annenfest, das in Fürstenfelde seit Jahrhunderten gefeiert wird. Die Stimmung ist flirrend, die Leute wirken aufgewühlt. Saša Stanišic beschreibt nur einen einzigen Tag – wie Joyce den Bloomsday – den Tag vor dem Fest. Es ist der 20. September 2013. Der Ort ist so fiktiv wie das Datum, denn Stanišic hat vier Jahre an verschiedenen Orten recherchiert und die Leute befragt.

Fürstenfelde wirkt so realistisch, dass wir die Leute zu kennen glauben. Nur ein paar Jugendliche sind hier geblieben: Johann, Lada, der stumme Suzi, aber sie wissen nicht so recht, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen in einer Gegend, wo die Wölfe wieder rudelweise aus Polen und Russland kommen. Frau Reiff ist neu hergekommen, aus Düsseldorf. Sie betreibt eine Keramikwerkstatt, wo früher die Schmiede war und später deutsche Flüchtlinge auf dem Lehmboden geschlafen haben. Die neunzigjährige Frau Kranz ist Malerin. Ihre Bilder hängen in fast jedem Haus, in der Eisdiele, in der Metzgerei Krone, der Schulmensa, in Ulis Garage. Sie tragen nicht zur Verschönerung des Universums bei und dokumentieren das Leben.

Das Archiv steht offen

Wie Anna Kranz dokumentiert auch Stanišic das Dorfleben. Lakonische Dialoge, witzig, schlitzohrig, oft nichtssagend, doch voller Poesie in ihrer Kargheit. Schweigen können die Dörfler besser. Stanišic holt die Geschichte zu Hilfe, und er findet sie in Frau Schwermuths «Haus der Heimat». Dort wurde eingebrochen, die Türe steht offen, in die Folianten aus dem 16. und 17. Jahrhundert hat jedermann Einsicht. Stanišic streut zwischen Lokalnachrichten, Wirtshausslang und Heimatgesang dörfliche Mythen, Legenden und Märchen. Kopfzerbrechen bereitet den Fürstenfeldern, dass Akten aus dem Dorfmuseum verschwunden sind. Was ist entkommen? Diese Frage bereitet schlaflose Nächte, denn ihre eigene Geschichte erzählen die Leute hier höchstens in Andeutungen. So hat man vor Stanišic Dorfgeschichte nie gelesen: als Chor von Provinzlern.

Das Gelesene wirkt lange nach in der unheimlichen Stimmung, der scheinbaren Leere, den vielen Details. Die Leute sind argwöhnisch. «Wir kennen den Ruin. Verwahrlosung ist uns nicht fremd, noch die Scham, die mit all dem einhergeht… aber immer wissen wir, was davor war, und sprechen über das Warum», meinen Frau und Herr Zieschke in der Bäckerei.

Niemand redet darüber

Aber wirklich darüber reden tun sie nicht. Niemand. Nur darüber, wie man ein Gehege für Hühner baut, damit der Fuchs sie nicht erwischt. Die Leute sind wie Hühner, «Hühner haben eine Körperhaltung, aber keine Geisteshaltung».

Geisteshaltung hat Frau Schwermuth, auch Gölow, der Schweinezüchter. 1995 hat er mit seinen damaligen Arbeitern – einem Bosnier und einem Serben – an Bill Clinton geschrieben, man müsse Serbien bombardieren. Hier klingt kurz an, dass Stanišic aus Bosnien-Herzegowina stammt und 1992 als 14-Jähriger mit seinen Eltern aus dem kriegsversehrten Višegrad nach Deutschland geflohen ist. Das hat er in seinem in 30 Sprachen übersetzten Roman «Wie der Soldat das Grammofon repariert» verarbeitet. Für seinen zweiten Roman ging er in ein Dorf, an dem nichts ist wie in der Stadt. Saša Stanišic hat den Menschen, denen die «hübschen Worte fehlen», stilsicher, unterhaltsam, klug und mit Chuzpe ein literarisches Denkmal gewidmet.

Saša Stanišic: Vor dem Fest, Luchterhand 2014, 316 S., Fr. 28.50

Saša Stanišic: Vor dem Fest, Luchterhand 2014, 316 S., Fr. 28.50