Wie der Schnabel gewachsen ist

Michael Finger und Tim Kramer machen mit ihrer zugleich tiefsinnigen wie spektakulären Inszenierung das Seiltänzerstück «Katharina Knie» von Carl Zuckmayer am Theater St. Gallen zum grossen Erlebnis.

Rolf App
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Vater Karl und Tochter Katharina Knie: Andrea Zogg und Wendy Michelle Güntensperger. (Bild: Theater St. Gallen/Tine Edel)

Vater Karl und Tochter Katharina Knie: Andrea Zogg und Wendy Michelle Güntensperger. (Bild: Theater St. Gallen/Tine Edel)

Das Jahr ist um, der Zirkus ist wieder da in dieser namenlosen Stadt, deren graue Wohntürme sich als Kulisse hinter den Wohnwagen der Artisten und des Direktors abzeichnen. Karl Knie schwelgt im Glück. Er hat eine schwere Zeit gehabt. Hat sich mehr und mehr zurückgezogen, auf seine Artisten auch dann und wann verwirrt gewirkt. Doch jetzt ist alles gut: Katharina, die geliebte Tochter, steht vor der Tür seines Wohnwagens. Im Jahr zuvor ist sie ausgezogen zum Bauer Rothacker, jetzt kehrt sie zurück. Denkt er.

Der stille Höhepunkt

Sie denkt etwas anderes. Sie will ihm sagen, dass sie den Rothacker heiraten will. Doch als sie ihm ihren inneren Zwiespalt beschreibt, da übermannt ihn Müdigkeit. Und als sie nach seiner Hand fasst, da merkt sie: Er ist tot. Es ist eine Szene, so intim wie schmerzhaft. Und schön.

Achtsam entworfen von Carl Zuckmayer, der sein 1928 uraufgeführtes Seiltänzerstück «Katharina Knie» zu seinem stillen Höhepunkt führt. Achtsam jetzt am Theater St. Gallen von Michael Finger und Tim Kramer in Szene gesetzt.

Im Konflikt mit der Staatsgewalt

Mit leiser Melancholie spielt die Musik, bis nur eine einsame Geige bleibt. Die von Gernot Sommerfeld entworfene Bühne ist von Lichtdesigner Gert Voss ins Halbdunkel getaucht, bis auf die zwei Menschen am Bühnenrand: Andrea Zogg und Wendy Michelle Güntensperger, die in grosser Natürlichkeit ihr immenses Können entfalten, der eine im Höhenflug letzter Phantasie, die andere in der Verzweiflung des suchenden jungen Menschen. Wobei Karl Knies Ende das Ende des Zirkus nicht ist.

Selbst wenn es die Artisten zunächst glauben. Sie wollen dem Toten dessen Balancierstange mit ins Grab geben, das bringt sie wieder einmal in Konflikt mit der Staatsgewalt, deren sympathisches Gesicht dem Gerichtsvollzieher Membel gehört, und deren unsympathisches, dem Kommissar Dillinger, der zur Ausländerfeindlichkeit neigt. Tim Kahlhammer-Loew und Oliver Losehand setzen in diesen kleinen Rollen komödiantisch gekonnt ihre Akzente, gross beeindrucken lässt sich die bunte Artistentruppe von ihrer Paragraphenreiterei aber nicht.

Diese Artisten aber bilden das emotionale Zentrum des Stücks, mit lebenslustiger Energie treiben sie die Handlung voran, lieben sich im einen und streiten im andern Moment.

Bunt gemischt finden sich hier die wirklichen Artisten von Michael Fingers «Cirque de Loin» und Tim Kramers Schauspielerinnen und Schauspieler. Das ist der eine Kunstgriff, der diese Inszenierung zum unwiderstehlichen Erlebnis macht. Weil die dramatische Welt des Theaters mit seiner Seelentiefe so nahtlos in jene des Zirkus mit seinen kühnen Attraktionen und jenem bunten Glamour übergeht, zu dem Natascha Maraval ihre farbigen Kostüme entworfen hat. Das Publikum vergisst zeitweise ganz, dass es ja gesittet im Theater sitzen soll, und überschüttet Seiltänzer Andreas Muntwyler (als Fritz Knie) nicht nur bei seinem Salto rückwärts spontan mit Szenenapplaus.

Jeder in seiner Sprache

Und der zweite Kunstgriff: Sie sprechen alle nicht das gehobene Bühnendeutsch und schon gar nicht jenen Pfälzer Dialekt, in dem Zuckmayer das Stück geschrieben hat – sondern jeder so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Bruno Riedl als melancholisch-anrührender Clown Schmittolini österreichert, Diana Dengler als lebenskluges Faktotum Bibbo schafft auf Schweizerdeutsch Ordnung. Sarah Lett gibt ihre wenigen Sätze als Radartistin Lorenza Knie französisch von sich, Paulo Morais als der ulkige Portugiese Mario spricht mehr mit den Händen als mit dem Mund. Während Bart Soroczynski als Ignaz Scheel seine rasanten Wutausbrüche mit polnischem Akzent bekommt. Nicht immer versteht man ihn so ohne weiteres, was aber nicht allzu viel ausmacht, weil man ja sieht, was er meint. Blass bleibt einzig Luzian Hirzel als der Bauer Rothacker.

Die Farben der Musik

Auch die Musik freilich spricht ihre Sprache. Willi Häne, Marc Bänteli, Benedikt Utzinger und Matthias Lincke schenken dem tiefsinnigen Seiltänzerstück viele akustische Farben.