Wie Bomben entschärfen

Henry Marsh ist Hirnchirurg. Sein Buch «Um Leben und Tod» liest sich wie ein spannender Krimi. Es handelt von der Welt der Hirnchirurgie, aber auch von den Grenzen der Medizin und der Ehrlichkeit, als Arzt Fehler einzugestehen.

Martin Preisser
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Scan einer Hirnblutung nach einem Schlaganfall. (Bild: fotolia)

Scan einer Hirnblutung nach einem Schlaganfall. (Bild: fotolia)

«Häufig muss ich in das Gehirn hineinschneiden – etwas, was ich überhaupt nicht gerne tue.» Mit diesem Satz beginnt einer der renommiertesten englischen Hirnchirurgen seine Erinnerungen. 25 furchterregende Begriffe, oft von Hirntumoren, bilden die Überschriften über die Kapitel von Henry Marshs Reisen ins Land der Hirnchirurgie.

Über 300 Seiten Einblicke in eine der immer noch geheimnisumwobensten Disziplinen der Medizin, mit Krankheitsverläufen und Operationsberichten – wer verträgt das? Henry Marsh gelingt nichts weniger als ein Buch, das den Leser packt wie ein Thriller, das sich Seite für Seite schlicht aufregend liest.

Die Zange klemmt

Begeistert vom Buch ist auch der englische Autor Ian McEwan. Er selbst hat für sein Buch «Saturday» über einen Hirnchirurgen monatelang in dieser speziellen medizinischen Sparte recherchiert. Wenn Henry Marsh eine Aneurysma-Operation beschreibt, das Beseitigen einer Ausbuchtung der Hirnschlagader, dann hält man den Atem an. Zuerst klemmt die Zange, mit der ein Clip, der das Aneurysma abklemmen soll, ins Gehirn geführt wird. Dann muss Marsh den Clip auch noch zweimal wieder lösen und neu plazieren. Ein Albtraum, ein gefährlicher Balanceakt, der dem «Entschärfen von Bomben» gleichkomme, wie der Londoner Mediziner das Operieren von Aneurysmen bezeichnet.

Kein Gott in Weiss

Marshs Buch ist schonungslos offen und ehrlich. Der Chirurg ist nicht der Gott in Weiss oder der unfehlbare Held, zu dem ihn die Patienten in ihrer Angst fast stilisieren müssen. Marsh schreibt von Zweifeln, Ängsten, vom Versagen, von ärztlichen Kunstfehlern und gibt so der Chirurgie ein menschliches und auch pragmatisches Gesicht zurück.

Souverän schreibt er über Fehlentscheidungen, aber auch über die Beklemmung, einem Patienten nach misslungener Operation gegenübertreten zu müssen. Sauger, Hirnspatel, Skalpell und Bohrer: Mit solchen Instrumenten dringt der Hirnchirurg ins Gehirn ein und durch es hindurch. Wie Wackelpudding fühle es sich an, schreibt Marsh.

Schwieriger Eingriff

25 Prozent des Bluts fliessen bei jedem Herzschlag allein ins menschliche Gehirn. Jede Art von Blutung, jede kleinste Verletzung eines Blutgefässes während des Eingriffs kann katastrophale Folgen haben. Hirnchirurgen haben einen Heidenrespekt davor.

Abgeklärtheit und Mitgefühl

Henry Marsh hat schwierigste Eingriffe vorgenommen, auch an Kindern, die danach gestorben sind. Aber er hat viele Eingriffe auch nicht mehr gemacht. Sehr klar und unsentimental schreibt Marsh hierbei über die Grenzen der modernen Medizin, über die Grenzen des Machbaren, die manchmal – oft nicht zum Wohl des Patienten – überschritten würden. Ein faszinierendes Buch, in dem immer die Suche nach der Balance mitschwingt. Nach Balance zwischen Abgeklärtheit und Mitgefühl, Hoffnung und Realitätssinn.

Henry Marsh ist sich bewusst, dass er mit dem Skalpell ins Denken, ins Fühlen, in die Träume und Phantasie hineinschneidet. Philosophisch oder gar spirituell lässt sich der Hirnchirurg aber nicht auf die Äste hinaus. Die Debatten um das so genannte Geist-Gehirn-Problem habe er «schon immer als verwirrend und letztlich als Zeitverschwendung empfunden». «Die Tatsache, dass mein Bewusstsein in Wirklichkeit das elektrochemische Geplapper von einhundert Milliarden Nervenzellen ist, erschien mir nie als problematisch, sondern erfüllt mich mit Bewunderung», schreibt der Arzt.

Geschenk der Vergebung

Mit Fehlentscheidungen oder Operationsfehlern hat Henry Marsh mit zunehmender Erfahrung immer souveräner umgehen gelernt. In einer nachdenklich stimmenden Passage schreibt er vom «wertvollen Geschenk der Vergebung», das einem Arzt, der seinen Fehler eingestehe, zuteil werden könne. Medizin hat mit Helfen und Heilen zu tun, aber auch mit Glück und Zufall. Sie rettet Leben, kann aber auch einen guten Tod ermöglichen. Henry Marsh, der pensionierte Hirnchirurg, möchte am Ende seines Lebens «in der Lage sein, ohne Reue und Bedauern zu sterben».

Henry Marsh: Um Leben und Tod. 352 S., Deutsche Verlags-Anstalt, Fr. 28.90