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Wie Appenzell bunt wurde

Die Appenzeller Hauptgasse war bis 1931 grau – dann kam ein Künstler und verwandelte die Fassaden in einen Farbrausch. Eine Ausstellung im Museum Appenzell erinnert an den vergessenen Johannes Hugentobler.
Julia Nehmiz
Kurator Roland Inauen vor der berühmten Hugentobler-Fassade der Drogerie Löwen in Appenzell. (Bild: Benjamin Manser)

Kurator Roland Inauen vor der berühmten Hugentobler-Fassade der Drogerie Löwen in Appenzell. (Bild: Benjamin Manser)

Appenzell leuchtet, sogar im grauen Regen. Die bunten Fassaden an der Hauptgasse trotzen dem düster-nassen Wetter. Roland Inauen, Kurator des Museums Appenzell und Landammann, zeigt auf die Heilkräuter, die die Fassade der Löwen-Drogerie zieren. Geschaffen 1931 von Johannes Hugentobler, einem der bedeutendsten Künstler des kleinen Kantons. «Zur damaligen Zeit war die bunte Fassade etwas absolut Einzigartiges», sagt Inauen.

Die Appenzeller Hauptgasse präsentierte sich bis 1931 grau und braun. Vielleicht ein paar bunte Fensterläden, mehr Farbe war nicht. Die Appenzeller Bauernhäuser auf dem Land hingegen, die wiesen schon damals den Farbigkeits-Dreiklang gelb-rot-grün auf. Doch im Hauptort selber: grau.

Der Schwiegervater liess Johannes Hugentobler freie Hand bei der Gestaltung der Fassade der Drogerie Löwen in Appenzell (Bild: Benjamin Manser)

Der Schwiegervater liess Johannes Hugentobler freie Hand bei der Gestaltung der Fassade der Drogerie Löwen in Appenzell (Bild: Benjamin Manser)

Das änderte Johannes Hugentobler. Sein Schwiegervater, Besitzer der Drogerie Löwen, liess den jungen Künstler die Fassade gestalten – auffällig, bunt, ungewöhnlich. Und das Besondere: Es gab keinen Aufschrei. Denkmalpflege war damals unbekannt, keine Vorschrift hinderte Hugentobler an seinem Farben- und Formenrausch.

Innerhalb von zehn Jahren bekam Appenzell sein farbenfrohes Antlitz

Und auch kein erboster Nachbar verhinderte die Kunst am Bau durch Einsprache. Im Gegenteil: Die neue Fassade gefiel so sehr, dass auch die beiden Nachbarn Hugentobler mit der Neugestaltung beauftragten. Weitere Häuser folgten, andere Maler oder einfach auch Malergeschäfte kopierten seinen Stil – und innerhalb von zehn Jahren bekam Appenzell sein farbenfrohes, formenprächtiges Antlitz.

Auch bei Regenwetter leuchten die bunten Fassaden in der Appenzeller Hauptgasse. (Bild: Benjamin Manser)

Auch bei Regenwetter leuchten die bunten Fassaden in der Appenzeller Hauptgasse. (Bild: Benjamin Manser)

Dieses begeistert bis heute, und wie aufs Stichwort macht eine grosse Touristengruppe im strömenden Regen Halt vor der berühmten Fassade der Drogerie. Fotoapparate werden gezückt – ob die Touristen wissen, dass das keine alte Tradition ist, sondern das Werk eines einzelnen Künstlers?

Wohl kaum. Johannes Hugentobler geriet nach seinem Tod 1958 in Vergessenheit. Seine Werke prägen ein ganzes Dorf bis heute, doch über sein Leben ist wenig bekannt. Das will das Museum Appenzell mit der aktuellen Ausstellung ändern. Letztes Jahr hat es den Nachlass von Hugentobler erhalten, hinter dem Kurator Inauen schon lange her war.

Ein Altar in Mels löste einen Skandal aus

Doch wieso kam Hugentobler nach Appenzell? Ganz genau weiss man das nicht. «Vermutlich wegen seiner Frau», sagt Inauen. Johannes Hugentobler, geboren 1897, wuchs in Staad am Bodensee auf. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule bildete er sich auf Reisen weiter. Er wollte Künstler werden.

Sein erstes Werk in Appenzell verdankte er dem Pfarrer. Der Turm der Pfarrkirche wurde 1923 restauriert, der Pfarrer fand, man könne doch das Gerüst nutzen, um ein Wandbild am Turm anbringen zu lassen. Eigenmächtig gab er Hugentobler den Auftrag.

Der griff in die Vollen, malte einen zwölf Meter hohen heiligen Mauritius an die Aussenwand, mit gesundem Selbstvertrauen setzte der 26-Jährige sein Signet darunter, einen Meter gross. Nicht allen gefiel das. Doch Hugentobler rechtfertigte sich, er habe den Mauritius nur so gross gemalt, damit Betrachter vom Land auch etwas davon haben.

Der Turm der Pfarrkirche Appenzell hat den Dorfbrand von 1560 überstanden. Johannes Hugentobler malte 1923 den Heiligen Mauritius auf die Turmwand. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Turm der Pfarrkirche Appenzell hat den Dorfbrand von 1560 überstanden. Johannes Hugentobler malte 1923 den Heiligen Mauritius auf die Turmwand. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bald folgte ein Auftrag: einen Seitenaltar in der Kirche Mels zu gestalten. Doch sein Werk löste einen Skandal in Kirchenkunstkreisen aus, er wurde jahrelang boykottiert. Erst ein Auftrag des Innerrhoder Klosters Leiden Christi rehabilitierte ihn als Kirchenkünstler. Kurz darauf konnte er seine erste Kapelle bauen und als Gesamtkunstwerk gestalten.

«Hugentobler war tief religiös, das geht auch aus seinen Tagebüchern hervor», sagt Inauen. Malen war für ihn Berufung, ein religiöser Akt.

«Mein Pinsel ist von geistiger Hand geführt worden»,

habe er oft gesagt. Die sechs Kirchen und Kapellen, die Hugentobler baute und gestaltete, gelten als sein Hauptwerk.

Bilder hat Hugentobler nur wenige gemalt. In der Ausstellung werden zudem Skizzen gezeigt, Entwürfe, Möbel, ein komplettes Schlafzimmer. Hugentobler hat so manche Appenzeller Stube ausgestattet. Inauen hofft, dass vielleicht ein paar Werke noch zum Vorschein kommen.

Noch ist das Bewusstsein nicht da, alles zu erhalten

Da schaut Peter Stark aus der Drogerie Löwen heraus, er ist der Enkel des Fassaden-Auftraggebers Hans Dobler. «Kommt doch herein bei dem Regen», sagt er und lädt in die Stube. Auch die hat Hugentobler gestaltet. Ein niedriger Raum im ersten Stock, blaugraue Wandfarbe, Blütenmuster, bemalte Decke. Peter Stark schiebt den Fernseher beiseite: Dahinter verbirgt sich ein prächtiges Wandgemälde, mit Schloss, Bäumen und Bergen.

Und wie bei Stark gibt es in Appenzell so manche Wand oder Decke, die Hugentobler bemalt hat. Noch ist das Bewusstsein nicht da, alles zu erhalten. Ein Hotel liess kürzlich die Hugen­tobler-Decke überstreichen, sie passte nicht zum Design. «Aber nur mit einer Schicht Farbe, die man abbeizen kann», sagt Inauen. Er führt zu einem Haus in der Marktgasse. Hier hat Hugentobler beim Restaurieren ein altes Sonnenmotiv im Giebel von 1646 entdeckt, das er weiterent­wickelte und immer wieder verwendete.

Farben und verspielte Formen prägen die Appenzeller Fassaden. (Bild: Benjamin Manser)

Farben und verspielte Formen prägen die Appenzeller Fassaden. (Bild: Benjamin Manser)

Inauen ist wichtig, dass bewusst wird: Ohne Hugentobler sähe Appenzell völlig anders aus.

«Es ist unglaublich, dass ein einzelner Künstler einen ganzen Ort prägt.»

Er findet, Hugentobler verdiene, dass eine Strasse nach ihm benannt werde. Das wäre eine weitere Sensation: In Innerrhoden ist bislang nur eine halbe Strasse einer Person gewidmet.

Doch erst gilt es, das Werk Hugentoblers zu erfassen, zu erarbeiten – und im Museum einen ersten Einblick in das Leben und Wirken dieses aussergewöhnlichen Künstlers zu erhalten.

"Johannes Hugentobler", Vernissage 16.6.2018, 16.30 Uhr, Museum Appenzell; Ausstellung bis Februar 2019. Infos über Führungen und Exkursionen zu Kirchen, die Hugentobler gestaltet hat unter museum.ai.ch
Informationen zum Künstler Johannes Hugentobler auf der Homepage, die sein Enkel Johannes Hugentobler gestaltet hat.

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