Widerstand mit viel Attitude

Hörbar Rock

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A Marc Ribot Ceramic Dog

YRU Still Here? Enja

Zornig beginnt das neue Album von Marc Ribot und seinem Trio mit Shahzad Ismaily und Ches Smith. «Personal Nancy» ist Aufruhr, Widerstand, fuck off Attitude. Geradezu beschaulich setzt «Pennsylvania 6 6666» ein, im letzten Drittel zieht der Song an, Bläser schalten sich, scharfe Fanfaren, dunkler Groove. «Agnes» startet wie ein verschollener Garagerock-Track, Track 4 ist Funk-Stoff, sehr trocken und reduziert. Das vierte Album des Ausnahmegitarristen, der von Tom Waits über Latin-Swing bis zu Free Jazz und Avantgarde alles über die Saiten bringen kann, ist musikalisch schwer auf einen klaren Nenner zu bringen: Die alten ­Ingredienzen von derbem Rock, Funk und Surf bilden noch immer die Hauptbestandteile, aber neu ist auch die Tonalität von Rap und Hip-Hop als Hintergrundrauschen zu vernehmen. Damit verbunden ist eine Attitude der Wut und des Widerstands, die in dieser musikalischen Wundertüte zum Ausdruck kommt. «YRU Still Here?» mag zunächst etwas heterogen und chaotisch wirken. Aber mit jedem Durchhören bestätigt sich das Gefühl, dass das genau gut und wichtig ist.

Yo La Tengo

There’s A Riot Going On. Matador

Kein Aufruhr, Rückzug in die innere Idylle

Seit 35 Jahren gehören Yo La Tengo zu den amerikanischen Bands, die mit ihrer unaufgeregten Art die alternative Rockmusik immer wieder positiv befruchten. Dabei gehört das Trio aus New Jersey nicht zur Speerspitze jener Bands, die jeden letzten Schrei aufnehmen und damit Innovation herausposaunen. Yo La Tengo sind eher Connaisseure der Rock- und Popgeschichte, die es verstehen, aus diesen Ingredienzen etwas Zeitgemässes auszudrücken, das im Alltag mitschwebt. Ihr neues und 15. Album aber ist ein ungewöhnlicher Brocken. Benannt nach dem 1971er-Album von Sly and the Family Stone, ist die ­Musik das pure Gegenteil jenes funky Rock-Aufruhrs, mit dem damals die ethnisch gemischte Band dem Zeitgeist Ausdruck gab. Yo La Tengo spielen eine ruhige und episch strömende Atmosphärenmusik, eher pastoral als psychedelisch, ohne Ecken und Kanten, manchmal etwas langatmig. Ist das nun der Rückzug in die innere Idylle angesichts einer Zeit, die in Aufruhr ist? Oder ein deftig ironischer Kommentar zum Empörungs-Soundtrack, den man von intelligenten Indie-Bands erwartet?

Pirmin Bossart