Widerborstiger Pianist sorgt für Verstörung

Hörbar Jazz

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Thelonius Monk

Piano Solo – Paris 1954,

Sony Music

Für ein paar wenige Auftritte an einem Jazzfestival in Paris reiste Thelonious Monk 1954 zum ersten Mal über den grossen Teich. Der afroamerikanische Pianist mit Jahrgang 1917 war damals noch keine weltberühmte Jazz-ikone, sondern ein Fall für Spezialisten. Und der mit seiner widerborstigen Spielweise oft auf Ablehnung stiess. Das Publikum in Paris reagierte auf seine Darbietungen jedenfalls nicht nur mit Applaus, sondern auch mit Gelächter und Buhrufen – und das lag nicht nur an den masslos überforderten französischen Begleitmusikern. Der erste Abstecher Monks nach Europa wäre eine Fussnote geblieben, hätten ihn nicht ein paar Bewunderer in ein Studio gelotst, um das erste Soloalbum des Nonkonformisten aufzunehmen. Dieses Album, auf dem Monk neun Eigenkompositionen und einen Standard spielt, liegt nun in einer Jubiläumsedition vor. Monks Musik oszilliert auf absolut einzigartige Weise zwischen Ohrwurm-Qualitäten und subversiver Radikalität.

 

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Charles Mingus

Complete Live at the Bohemia 1955, Essential Jazz Classics

Bravouröser Bassist auf dem Weg zum Leader

Obwohl sie in einer Jazzband eine wichtige Scharnierfunktion einnehmen, bekommen Bassisten selten die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdienten. Für den Feuerkopf Charles Mingus gilt diese Diagnose nicht: Als Bandleader und Komponist beeinflusste er die Geschichte des Jazz massgeblich – darüber hinaus war er ein draufgängerischer Virtuose. In den 1950er-Jahren probierte Charles Mingus in Workshops allerlei neue Ideen aus. 1956 entstand mit «Pithecantropus Erectus» sein erstes Meisterwerk: Die Live-Aufnahmen, die Mingus 1955 im Café Bohemia in New York machte, sind ein faszinierendes Präludium dazu. Mit George Barrow (Tenorsax), Eddie Bert (Posaune) und Willie Jones (Schlagzeug) gehörten damals drei wunderbar unprätentiös agierende Musiker zu Mingus’ Quintett. Diese Mitmusiker kennt heute zwar kaum noch jemand – einzig der minimalistisch veranlagte Pianist Mal Waldron erlangte eine gewisse Berühmtheit. Auf einigen wenigen Nummern sitzt als Stargast Max Roach am Schlagzeug. Die «Percussion Discussion» zwischen Max Roach und Charles Mingus hebt sich als avantgardistische Vorausdeutung deutlich vom Rest der Aufnahmen ab.

Tom Gsteiger