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Interview

Leiter Filmfestival Locarno: «Wichtige Themen in leichter Verpackung»

Das Locarno Festival wird zum letzten Mal von Carlo Chatrian verantwortet. Im Interview spricht er über den schwierigsten Moment seiner Amtszeit.
Gerhard Lob, Locarno
Carlo Chatrian, Künstlerischer Leiter Festival Locarno.( Bild: EPA/ALEXANDER BECHER (Deutschland, 22. Juni 2018))

Carlo Chatrian, Künstlerischer Leiter Festival Locarno.( Bild: EPA/ALEXANDER BECHER (Deutschland, 22. Juni 2018))

Carlo Chatrian, das 71. Festival wird auf der Piazza Grande mit «Les Beaux Ésprits» von Vianney Le­basque eröffnet und mit «I Feel Good» von Benoît Delepine beendet. Spiegeln diese Titel Ihre persönliche Gefühlslage – immerhin ist dies das letzte Festival unter Ihrer Leitung, bevor Sie nach Berlin gehen?

So tief geht es nicht. Wir wollten einfach am Anfang und am Ende prominent eine Komödie platzieren. Und dies ganz einfach, weil diese Filme uns gefallen haben, obwohl sie sehr unterschiedlich sind; sie eignen sich als Rahmen für die Piazza. Wenn wir wirklich über den Titel des Schlussfilms scherzen wollen, kann ich nur sagen: «I feel good now, tomorrow and the day after tomorrow.» Hier in Locarno fühle ich mich sehr wohl, aber hoffentlich auch morgen und übermorgen.

Generell wird auf der Piazza dieses Jahr ein Akzent mit leichteren Filmen gesetzt. Ist dies als Zeichen zu werten, dass das breite Publikum nicht zu schwere Kost will?

Nach der bedeutungsvollen 70. Festivalausgabe von 2017 wollten wir effektiv ein wenig leichter programmieren. Das zeigt sich auch in der Retrospektive mit Filmen von Leo MacCarey. Und Komödien haben einen wunderschönen Effekt, denn sie lassen die Zuschauer auf der Piazza Grande gemeinsam lachen.

Publikumsmagnet Locarno Festival: Blick auf die zum Freiluftkino umfunktionierte Piazza Grande, wo die Besucherinnen und Besucher ab dem 1. August auf rund 8000 Stühlen Platz finden. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (11. August 2016))

Publikumsmagnet Locarno Festival: Blick auf die zum Freiluftkino umfunktionierte Piazza Grande, wo die Besucherinnen und Besucher ab dem 1. August auf rund 8000 Stühlen Platz finden. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (11. August 2016))

Gemeinsames Lachen als Therapie?

Ja, etwas in der Art. Aber das ist kein Lachen, um die Welt zu vergessen. Denn die Filme, etwa die Rassismus-Satire «BlacKkKlansman» von Spike Lee, bringen uns direkt zu Konfliktherden wie Rassismus. Es geht also auch hier um wichtige Themen, aber in einer etwas leichteren Verpackung.

Ist Spike Lees Film als politische Botschaft zu verstehen?

Der Film geht von einer echten Geschichte aus. Ein Afroamerikaner wird vom FBI angeheuert, weil er dank seines Mitgliedsausweises des Ku-Klux-Klans als Weisser durchkommt. Dieser Film ist ein Symbol für die amerikanische Ge­sellschaft, die immer noch zwischen Schwarz und Weiss gespalten ist. Und wir bringen diesen Film aus Anlass des 70. Geburtstags der Allgemeinen ­Erklärung der Menschenrechte. Das ist für mich ein ziviles Zeichen, mehr noch als ein politisches Zeichen.

Neben der Piazza Grande richtet sich die Aufmerksamkeit immer auch auf den internationalen Wettbewerb. Welche Sektion ist schwieriger zu programmieren?

Es sind zwei Sektionen, die unterschiedliche Aufmerksamkeit benötigen. Bei der Piazza Grande muss man nicht nur den richtigen Film finden, sondern auch die richtigen Begleitpersonen. Wir gestalten ja regelrechte Events. Und das über elf Abende. Es ist ein wenig wie der kolumbianische Film «Pájaros de verano» , der uns auf eine Reise über diverse Kontinente mitnimmt. Im Wettbewerb ist es hingegen nicht ganz einfach, ein Gleichgewicht zwischen jungen und erfahrenen Regisseuren zu finden.

Im Wettbewerb läuft unter anderen der argentinische Beitrag «La Flor» von Mariano Llinás, der fast 14 Stunden dauert. Ist das als Provokation zu verstehen?

Nein, aber es ist eine Herausforderung für das Publikum und die Jury. Unserer Meinung nach handelt es sich um einen einzigartigen Film in der Kinogeschichte – eine grosse Hommage ans Kino. Häufig wird in Filmen die Angst deutlich, Geschichten zu erzählen, aber hier wird aus dem Vollen geschöpft. Warten wir mal ab, wie die Reaktionen sein werden. Es ist auf alle Fälle möglich, den Film abschnittsweise zu sehen.

So ein Film wird wohl nie im kommerziellen Kino landen wie die meisten Festivalfilme. Hat Locarno in dieser Hinsicht ein Problem?

Darüber wird immer wieder debattiert. Aber wenn wir schauen würden, wie häufig in den 1960er-Jahren Festivalfilme des Wettbewerbs bei den Verleihern gelandet sind, wäre das Ergebnis wohl kaum anders. Festivals sind eben Orte für Entdeckungen, Orte für die Avantgarde. Dazu gehören auch überlange Filme. Und manchmal gelangen auch solche Filme in die Kinos, denken wir nur an «Heimat» von Edgar Reitz. Zudem stellen neue Dispositive wie Smartphone durchaus eine Möglichkeit dar, solche Filme zu sehen. Man kann sich immer wieder ein Stück zu Gemüte führen.

Doch es ist nicht wegzudiskutieren: Das Label «Pardo d’oro» hat international nicht die gleiche Werbe­wirkung wie der «Goldene Bär» von Berlin oder die «Goldene Palme» von Cannes. Was läuft falsch?

Das stimmt. In den letzten Jahren waren die Gewinnerfilme von Locarno keine kommerziellen Erfolge. Aber man muss auch positive Beispiele nennen. In meinem ersten Festivaljahr erhielt Brie Larson die Auszeichnung als beste Schauspielerin; drei Jahre später gewann sie einen Oscar. Oder «As boas maneiras» von Juliana Rojas und Marco Dutra, der 2017 einen Preis gewonnen hat, läuft immer noch in brasilianischen Kinos.

Wir führen dieses Interview im neuen PalaCinema, seit letztem Jahr Sitz des Filmfestivals und ein Gebäude mit drei schönen Kinosälen. Während des Festivals kann das Haus nicht alle Besucher fassen, aber unter dem Jahr sind die Säle gähnend leer. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach etwas gegen die Krise der Kinos machen, eine Krise, ­welche die ganze Schweiz betrifft?

Ich bin wohl nicht die richtige Person, um hier Ratschläge zu erteilen. Aber die Themen, die wir gerade besprechen, könnten meiner Meinung nach auch für Kinobetreiber nützlich sein. Natürlich kann man nicht jeden Abend ein Ereignis auf die Beine stellen, aber vielleicht liesse sich das Programm doch etwas ändern. Die Zuschauer heute müssen die Notwendigkeit spüren, dass sie etwas Besonderes sehen können, wenn sie aus dem Haus gehen.

Kinos sind in der Krise, Festivals laufen gut. In Locarno geht es nicht nur um Filme, es werden gesellschaftliche Fragen diskutiert, und das Festival organisiert Partys. Der Name hat sich geänder: von Locarno Filmfestival zu Locarno Festival. Reicht es nicht mehr, nur Filme zu zeigen?

Das sehe ich nicht so. Ein Film ist ein gesellschaftliches Ereignis, und es bleibt auch so. Locarno Festival ist eine Kurzform, aber alle wissen, dass der Film im Mittelpunkt steht. Alles andere sind Rahmenveranstaltungen. Die Piazza Grande wird nur während des Festivals zu einem Filmsaal unter freiem Himmel.

Was war der erinnerungswürdigste oder vielleicht auch schwierigste Moment Ihrer bisherigen Amtszeit?

Viele denken vielleicht an all die Diskussionen und Polemiken, die es gab – etwa 2014 um die Präsenz von Roman Polanski. Aber mein schwierigster Moment war, als das erste Festival unter meiner Leitung noch gar nicht begonnen hatte. Ich fuhr im Januar 2013 nach St. Petersburg, um Regisseur Aleksandr Sokurov für die Vorveranstaltung «L’immagine e la parola» einzuladen. Das Treffen war eine riesige Hürde für mich, wie ein grosser Klotz, den ich aus dem Weg räumen musste, aber auch der erste Abend auf der Bühne der Piazza Grande war nicht einfach.

Seit Jahren wird über Glamour in Locarno diskutiert. Manchmal gibt es zu wenige Stars, manchmal zu viele. Nervt Sie diese Diskussion?

Nein, ich überlasse diese Diskussion den Medien. Wir haben es geschafft, grosse Namen nach Locarno zu holen. Mich hat wohl die Präsenz von Regisseur Michael Cimino 2016 am meisten berührt.

Sie beklagten einmal, dass das Festival zu wenig Rückhalt in der lokalen Bevölkerung habe. Was meinten Sie genau?

Ich komme aus dem Aostatal und kenne die Mentalität der Bergler sehr gut. Sie sind sehr stolz auf ihr Territorium und verteidigen dieses instinktiv. Dies führt manchmal dazu, dass sie sich nicht im Klaren darüber sind, was sie haben. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich nicht alle Tessiner wirklich bewusst sind, welch wichtigen Beitrag das Festival zu einem positiven Image der Region leistet.

Sie verlassen Locarno, um die künstlerische Leitung der Berlinale zu übernehmen. Haben Sie schon angefangen, Deutsch zu lernen?

Als meine Tochter das Gymnasium begann, habe ich gleichzeitig mit ihr ­angefangen, Deutsch zu lernen. Doch im letzten Dezember habe ich es wegen der vielen Reisen aufgegeben. Aber bald werde ich wieder weitermachen. Deutsch ist nicht ganz leicht ...

Wird Ihre Familie mitkommen nach Berlin?

Mein ältester Sohn wird die letzte Gymnasialklasse absolvieren. Daher hat es wohl keinen Sinn, dass er sich für ein Jahr nach Berlin begibt, da ich dort erst im April 2019 beginnen werde. Dann müssen wir mit der Familie sehen, wie es weitergeht.

Was werden Sie von Locarno und der Schweiz mitnehmen in Ihre Zukunft?

Die menschlichen Aspekte. Und all die Personen, mit denen ich gearbeitet habe. Aber natürlich auch das Publikum. Es berührt mich sehr, dass hier so viele Leute sind, welche diese Leidenschaft für den Film haben. Ich weiss nicht, was in Berlin passieren wird. Aber ich weiss, dass es dort keine Piazza Grande gibt.

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