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Werkschau Thurgau 2019: Häkeldecken, Heidi und die Farben des Himmels

Die alle drei Jahre stattfindende Gruppenausstellung beschränkt sich auf vier Ausstellungsorte und zeigt nur 32 künstlerische Positionen. Viele bekannte Namen fehlen.
Christina Genova
Nervenkitzel pur für die Vernissagebesucher der Werkschau Thurgau: Bei der Performance «Eine Einigelung unterwegs» von Christoph Rütimann war die Bahn der Holzkugel nur beschränkt steuerbar. (Bilder: Reto Martin)

Nervenkitzel pur für die Vernissagebesucher der Werkschau Thurgau: Bei der Performance «Eine Einigelung unterwegs» von Christoph Rütimann war die Bahn der Holzkugel nur beschränkt steuerbar. (Bilder: Reto Martin)

Die aus Abfallholz zusammen genagelte Kugel wird von beherzt anpackenden Männern auf der Grabenstrasse Richtung Kunsthalle Arbon gerollt. Ihre Bahn ist nur bedingt kontrollierbar: Sie hält den Verkehr auf, lässt die Vernissagebesucher zur Seite weichen und zerstört in der Halle beinahe die Installation von Lika Nüssli. Nur mit vereinten Kräften gelingt es, die Kugel an den für sie vorgesehenen Platz zu bringen. Christoph Rütimanns Performance «Eine Einigelung unterwegs» ist Nervenkitzel pur, ziemlich verrückt und anarchisch. Sie war einer der Höhepunkte an der Vernissage der Werkschau Thurgau von vergangenem Samstag.

Reduktion aufs Wesentliche

Videoinstallation «The River, The Horse & The Woman» von Rhona Mühlebach im Tiefparterre des Kunstraum Kreuzlingen.

Videoinstallation «The River, The Horse & The Woman» von Rhona Mühlebach im Tiefparterre des Kunstraum Kreuzlingen.

Doch derart energiegeladen kommt die Werkschau als Ganzes nicht daher: Die dritte Ausgabe der jurierten Gruppenausstellung, die alle drei Jahre stattfindet, ist solide, aber auch etwas brav: nach Subversivem, Funkensprühendem und Provozierendem sucht man vergeblich. Auch sind nicht alle ausgestellten Werke qualitativ überragend. Zwei Beispiele: Die aus einem Regal, Frotteetüchern mit Farbflecken, Seifen und einem Keramikobjekt bestehende Installation von Martina Böttiger mutet allzu kryptisch an. Und bei der mehrteiligen Arbeit «Soll das ganze Haus ersaufen» von Lisa Schiess wird nicht einsichtig, warum die Texte von Goethes Zauberlehrling und die drei Parabeln von Kafka in Spiegelschrift angebracht sein müssen.

Dies erstaunt, denn die Selektion war hart: Die organisierende Kulturstiftung Thurgau hat sich von der Devise «Weniger ist mehr» leiten lassen. Während man 2016 an sieben Standorten Werke von 82 Kunstschaffenden zeigte, sind dieses Jahr 32 künstlerische Positionen auf vier Ausstellungsorte verteilt. 113 Bewerbungen sind insgesamt eingegangen. Galerien sind zum ersten Mal keine dabei, sondern nur die vier etablierten Kunstinstitutionen des Kantons: Kunsthalle Arbon, Kunstraum Kreuzlingen, Shed im Eisenwerk und das Kunstmuseum Thurgau.

Diese Beschränkung hat wohl mit dazu geführt, dass viele bekannte Namen fehlen: Joëlle Allet, Bildstein/Glatz, Othmar Eder, huber.huber, Jan Kaeser, Daniel V. Keller, Simone Kappeler, Elisabeth Nembrini, steffenschöni oder Ute Klein. Dies brachte eine Gruppe von Kunstschaffenden dazu, einen «Plan B» aufzustellen – einen «Salon des Refusés», eine Gegenausstellung zur Werkschau, die am 2. November im Hafen Romanshorn eröffnet.

Die konzentrierte Schau hat zur Folge, dass die Werke der Kunstschaffenden wohltuend viel Platz erhalten, um sich zu entfalten. Etwa in den drei Räumen des Kunstmuseums, wo jeweils nur je zwei Positionen zu sehen sind.

Ray Hegelbach kombiniert in seiner in Belgrad entstandenen Werkserie Alltagstextilien mit Motiven aus der Populärkultur.

Ray Hegelbach kombiniert in seiner in Belgrad entstandenen Werkserie Alltagstextilien mit Motiven aus der Populärkultur.

Auffallend viel Textiles ist an dieser Werkschau vertreten: Nigel nagelneu und während seines Belgrader Atelierstipendium entstanden ist eine Serie Ray Hegelbachs, bei welcher er Motive aus der Populärkultur auf Leinwand malt und mit halbtransparenten Alltagstextilien überzieht. Häkeldecken und Vorhangstoffe vermengen sich mit Heidi-Comics oder Zigarettenwerbung.

Fünf auf drei Meter messen die raumgreifenden« Zeichnungen» auf Jute von Roland Dostal, zu sehen Thurgauer im Kunstmuseum.

Fünf auf drei Meter messen die raumgreifenden« Zeichnungen» auf Jute von Roland Dostal, zu sehen Thurgauer im Kunstmuseum.

Sehr schön inszeniert sind die ebenfalls neuen Arbeiten Roland Dostals, der zeichnerisch weit in den Raum ausgreift und Jute als Bildträger verwendet. Fünf auf drei Meter messen die beiden «Teppiche», die er wie seine Zeichnungen beidseitig mit Ornamenten bemalt hat.

Esther van der Bies poetische Fotoserie «Handlungen der Sehnsucht: Die Vermessung des Himmels No.1» führt vor Augen, wie vergeblich das menschliche Streben ist, die Natur zu normieren.

Esther van der Bies poetische Fotoserie «Handlungen der Sehnsucht: Die Vermessung des Himmels No.1» führt vor Augen, wie vergeblich das menschliche Streben ist, die Natur zu normieren.

Poetisch, verletzlich und sehr weiblich sind die Arbeiten Karin Schwarzbeks. Was enthüllen, was verhüllen wir? Dafür interessiert sich die Künstlerin. Den schimmernden und durchscheinenden Futterstoff eines Kleids hat sie auf einen Keilrahmen gespannt; die Farbflecken auf der darunterliegenden Leinwand bleiben sichtbar. Wunderbar poetisch ist auch die Fotoserie «Handlungen der Sehnsucht: Die Vermessung des Himmels No.1» von Esther van der Bie. Mit normierten Farbkarten versucht sie die wechselnden Farben des Himmels zu klassifizieren – vergebliche Liebesmüh.

Brotlose Kunst

Eine Entdeckung sind die Gemälde von Lorenz Boskovic und Vincent Scarth, die sich vom Magischen Realismus inspirieren lassen.

Eine Entdeckung sind die Gemälde von Lorenz Boskovic und Vincent Scarth, die sich vom Magischen Realismus inspirieren lassen.

Zwei vielversprechende junge Positionen sind an dieser Werkschau zu entdecken: Lorenz Boskovic und Vincent Scarth, 27 und 29 Jahre alt, malen seit zwei Jahren gemeinsam «Schulter an Schulter» an grossformatigen Gemälden. Inspiriert vom Magischen Realismus vermengen sie Begegnungen und Eindrücke aus ihrem Alltag zu detailreichen Bildern, die sich zwischen Traum und Wirklichkeit bewegen.

Der 30-jährige Gabriel Kuhn hat während seines Atelieraufenthalts in Genua Geruchsstadtpläne angefertigt. Akribisch hielt er fest, wo in der Stadt es nach frisch gemähtem Rasen, Mailänderli oder Urin riecht. Den verschiedenen Duftnoten hat er Farben zugeordnet.

Stefanie Koemeda setzt sich in ihrer Installation aus Keramikobjekten und Plastikkanistern mit der Vermüllung der Weltmeere auseinander.

Stefanie Koemeda setzt sich in ihrer Installation aus Keramikobjekten und Plastikkanistern mit der Vermüllung der Weltmeere auseinander.

Autokratische Tendenzen, Polarisierung der Gesellschaft, Klimawandel, Migration, neuer Feminismus: Was die Welt zurzeit politisch bewegt, findet wenn überhaupt meist nur verschlüsselt und subtil Niederschlag in den Arbeiten der Werkschau Thurgau. Etwas deutlicher wird Susanne Hefti, die in ihrer künstlerischen Recherche untersucht, weshalb in Deutschland im Krieg zerstörte Gebäude rekonstruiert werden. Sie zeigt auf, dass hinter solchen Vorhaben oft Rechtspopulisten stecken.

Mit Fotos von Kunstobjekten aus Benin und Papua Neuguinea, die in 1962 und 1935 in Basel und New York ausgestellt waren, wirft Cécile Hummel die Frage auf, was Objekte auslösen, die in einen anderen kulturellen Kontext gebracht werden.

Mit Fotos von Kunstobjekten aus Benin und Papua Neuguinea, die in 1962 und 1935 in Basel und New York ausgestellt waren, wirft Cécile Hummel die Frage auf, was Objekte auslösen, die in einen anderen kulturellen Kontext gebracht werden.

Mit der Begegnung verschiedener Kulturen beschäftigen sich Cécile Hummel und Olga Titus. Die gegenseitige Beeinflussung aber auch stereotype Vorstellungen und Bilder interessieren die beiden Künstlerinnen. An den Plastikmüll in den Weltmeeren erinnert Stefanie Koemeda mit «Liebe aus Plastik», einer Installation aus Plastikkanistern und Keramikobjekten.

Judit Villiger wirft in «Aus Thurgauer Archiven», einer zehnteiligen Arbeit aus überarbeiteten Siebdrucken, ein Schlaglicht auf Thurgauerinnen im Schatten, die im Kanton Spuren hinterlassen haben, aber vergessen worden sind. Sie erinnert daran, dass Frauen immer noch zu wenig Eingang in Archive und Geschichtsbücher finden.

Max Bottinis Prototyp des Kunstbrots, das am 7. November in einer Kunstaktion verkauft wird.

Max Bottinis Prototyp des Kunstbrots, das am 7. November in einer Kunstaktion verkauft wird.

Durchaus politisch ist schliesslich auch Max Bottini mit seiner Aktion «Brotkunst – Kunstbrot». Am 7. November wird er im Shed im Eisenwerk Roggenbrote verkaufen, in welche er kleine Kunstwerke der an der Werkschau beteiligten Künstlern eingebacken hat. Niemand weiss, in welchem Brot sich welches Kunstwerk befindet. Die Halbpfünder werden für mindestens 20 Franken verkauft.

Ist Kunst so überlebenswichtig wie das tägliche Brot? Wer bestimmt den Preis eines Kunstwerks und wie hoch ist der gesellschaftliche Wert von Kunst? Und warum müssen viele Kunstschaffende einem «Brotjob» nachgehen? Spannende Fragen, die Bottini mit seiner vielschichtigen Arbeit aufwirft, die weit über den Kontext einer kantonalen Werkschau hinausgreifen.

Werkschau Thurgau 2019

Ausstellungen bis 17.11., im Kunstmuseum Thurgau bis 20.12. Alle eingereichten Dokumentationen der Kunstschaffenden können im Büro der Kulturstiftung in Frauenfeld eingesehen werden (Di–Do, 10–16 Uhr). Rahmenprogramm mit Performances von Wundersam & Schmalz (3.11., 15 Uhr, Kunsthalle Arbon) und Lika Nüssli (17.11., 15 Uhr, Kunsthalle Arbon) und der Aktion «Brotkunst – Kunstbrot» von Max Bottini (7.11., ab 19 Uhr, Shed im Eisenwerk).
Die kostenlose Publikation zur Ausstellung liegt an den Ausstellungsorten auf oder kann direkt bei der Kulturstiftung bezogen werden.

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