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WERKPLATZ: Freigeist trifft auf Disziplin

Marc Jenny ist ein Künstler der Verknüpfungen. Er verbindet unterschiedliche Musiker zum spontanen Zusammenspiel, scheut keine Genregrenzen und erfindet für sich digitale Mitspieler. Das alles darf sich hören lassen.
Andreas Stock
Marc Jenny in seinem Atelier. Hier übt der Künstler mit seinem Kontrabass und am Computer. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 14. Dezember 2017))

Marc Jenny in seinem Atelier. Hier übt der Künstler mit seinem Kontrabass und am Computer. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 14. Dezember 2017))

Andreas Stock

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Bei Menschen wie Marc Jenny redet man gerne von «Netzwerkern». Das trifft es beim St. Galler Bassisten allerdings nicht ganz. Die Art und Weise, wie der Co-Verlagsleiter beim Kulturmagazin «Saiten», Bassist und musikalische Kollaborateur verschiedenster Formationen ein Beziehungsnetz knüpft, geht über dessen Pflege und Erweiterung hinaus. Das hat mit der Neugier und Offenheit zu tun, mit der Jenny denkt und arbeitet. Als bezeichnend dafür könnte man sein Atelier in St. Gallen sehen. Den Raum im vierten Stock in der Hauptpost teilt er sich mit Illus­tratorin Lika Nüssli. «Das geht gut, weil fast nie beide gleichzeitig hier sind», sagt er zwar. Aber Jenny wäre nicht Jenny, wenn sie nicht gemeinsam eine Arbeit für die Museumsnacht gestaltet hätten. Eigentlich wohnt er mit Frau und Kind in Zürich und er hat dort auch einen Übungsraum. Aber er sagt: «Ich komme nicht weg von St. Gallen – das will ich auch gar nicht.» Das Atelier beim Bahnhof sei ein Rückzugsort für ihn, hier könne er konzentriert arbeiten. An einer Wand steht ein grosses Holzgestell mit geordneten Kisten. Es gibt genug Platz, um mit seinem Kontrabass sowie am Computer zu üben und zu experimentieren.

Zu viel Freiheit funktioniert nicht

Die Ordnung sowie die räumliche und gedankliche Freiheit haben hier genug Platz. Gleichzeitig ist es ein Raum, der nichts Beständiges hat, er ist nur ein temporäres Mietobjekt; Jenny versteht ihn auch nicht als Bleibe, dafür ist er an viel zu vielen Orten tätig. Beispielsweise in Chur, wo das Projekt «Yes don’t panic» seinen Anfang genommen hat. Dessen Idee ist es, unterschiedlichste Musikerinnen und Musiker zum frei improvisierten Spiel zusammenzubringen, dies in einem abgesteckten Rahmen. «Ich konnte dafür Leute begeistern, mit denen ich noch nie zusammengespielt habe», sagt er. Spannend sei das auch, weil sich einige Musiker darauf einliessen, die nicht oft Improvisationen machten.

Gelernt hat der 41-Jährige dabei, dass es schwierig sein kann, wenn man Freigeistern zu viele Freiheiten lässt. Dass es im Vorfeld eines Auftritts einen Austausch über die Idee des Abends braucht, ohne dass ein zu enger Rahmen entsteht. Es braucht Freigeist und Disziplin. Eine Her­ausforderung ist diese Art der musikalischen Performance auch fürs Publikum, das mit offenen Ohren zuhören muss. «Eine gute Stunde lang lässt sich diese Präsenz halten», so die Erfahrung von Jenny. Denn: «So eine Stunde entsteht immer zusammen mit dem Publikum, es braucht dessen Aufmerksamkeit und Interesse.» Er merke sofort, ob die Zuhörer ganz dabei seien: «Dann kann man abheben, das ist natürlich schöner, als wenn man ständig um Aufmerksamkeit ringen muss – dann wird es Arbeit.» Wenig überraschend sucht der Bassist für diese Improvisationsprojekte weniger die üblichen Konzerträume, sondern andere Orte, wie beispielsweise Ausstellungsräume oder ein Dachgeschoss.

Carte blanche für eine «Jazz:now»-Reihe

Neue und andere Zugänge zu Musik zu schaffen, raus zu den Leuten zu gehen, sich auszutauschen und auf Ungewohntes einzulassen, das sind Worte, die beim Gespräch oft fallen und die für Jenny zur Selbstverständlichkeit, zu einer inneren Haltung geworden sind. Da erstaunt nicht, dass ihm das Frauenfelder «Jazz:now» für das kommende Jahr eine Carte blanche gegeben hat. Er präsentiert, verteilt auf das Jahr, acht Konzerte, die sehr persönlich gefärbt sein werden. Nur konsequent auch, dass er mit seinem Bass am St. Galler Strassenfestival «Aufgetischt» mitgewirkt hat. Und im September unternahm er die «Talkin’ Music on Tour» im Rahmen der Ausstellung «Arthur Junior» im Toggenburg. Beides waren Soloprojekte – sie sind auf seinen musikalischen Expeditionen etwas Neues.

«Pets» – Programmierbare eigenständige Tonerzeuger

Jenny, der mit dem Kimm Trio, mit der Band Knöppel oder bei verschiedensten Bühnenprojekten wie dem «Roten Velo» oder mit Micha Stuhlmann das Gemeinschaftliche und das interdisziplinäre Zusammenspiel pflegt, hat sich an Soloauftritte herangetastet. «Solo zu spielen ist ein Motor und hat eine gewisse Ambivalenz», umschreibt er es. Die Motivation dafür hat auch viel mit dem Projekt zu tun, wofür Jenny dieses Jahr einen Werkbeitrag der Stadt St. Gallen erhalten hat. «Pets» heisst es, was für «Programmierbare eigenständige Tonerzeuger» steht. Es handelt sich um eine Art Miniroboter, die einen bestimmten Klangeffekt erzeugen, jedoch ein gewisses Eigenleben haben und damit der Zufall mitspielt.

Die Idee solcher Tonerzeuger, die sich in improvisierte Musik integrieren lassen, ist eine Weiterentwicklung aus den Erfahrungen mit den programmierten Tablets für «Yes don’t panic». «Ich habe bereits einige Zeit mit der Software verbracht», sagt Jenny, der dieses digitale Instrument unspektakulär integrieren will, zum Beispiel als Fusspedal oder mit Tablet. Die Grooves und Harmonien der «Pets» stellt er sich als «Partner» beim Solospiel vor, sie sollen aber auch bei anderen Projekten zum Einsatz kommen. Doch sie bleiben eine Möglichkeit unter vielen, wenn es für Marc Jenny darum geht, neue Wege innerhalb der improvisierten Musik zu beschreiten.

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