WERKBEITRAG: Die Ordnungsforscherin

Die Komponistin Barblina Meierhans hat einen der diesjährigen Werkbeiträge des Kantons St. Gallen erhalten. In ihren genau recherchierten Kompositionen setzt sie oft überraschende Grundideen in Klang um.

Martin Preisser
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Barblina Meierhans: Als Frau ist sie auch in der heutigen Komponistenszene eine Ausnahme. (Bild: Ralph Ribi)

Barblina Meierhans: Als Frau ist sie auch in der heutigen Komponistenszene eine Ausnahme. (Bild: Ralph Ribi)

Martin Preisser

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@tagblatt.ch

Um einen Werkbeitrag des Kantons St. Gallen hat sich Barblina Meierhans erstmals beworben und ihn sogleich zugesprochen bekommen. Für ein interessantes Projekt. «Ordnen und Anordnen» heisst es. Die Komponistin will auch untersuchen, wie sie überhaupt komponiert, wie Dinge auf ihrem oder dem Schreibtisch von Kollegen angeordnet sind. Ein Hörstück soll es werden, das «unsere ganz persönliche Privat-Bürokratie unter die Lupe nimmt», wie es Lislot Frei, Musikredaktorin SRF Kultur, in ihrer Jurybegründung schreibt.

Ungewöhnliche Themen und Zugänge tauchen auch in anderen Kompositionen der 1981 in Burgau bei Flawil geborenen Komponistin und Geigerin auf. So lässt Barblina Meierhans in einem Stück Bleistifte fallen, oder elf Taktstöcke kommen zum Einsatz. Dabei geht es nicht um Konzeptkunst oder blosse Effekte, sondern die Musik, auch wenn sie einen humorvollen Zugang hat, will Ergebnis eines genauen Recherche- und Reflexionsprozesses sein. Studiert hat Meierhans in Zürich, Bern und an der Hochschule für Musik in Dresden, wo sie bereits erste Lehrerfahrungen sammeln konnte.

Hörmaschinen rund um einen Teich

Im neuesten Werk «Let’s sit down and enjoy ourselves», im Mai an den Wittener Tagen für neue Kammermusik uraufgeführt, kombiniert sie drei Blechblasinstrumente plus Schlagzeug mit drei Hörmaschinen. Diese Hörmaschinen sind zu Instrumenten mutierte Hörrohre samt kleinen Mikrofonen. Alles ist rund um einen Teich platziert.

Die Hörmaschine wird zum Instrument, das reflektiert und filtert, statt wie normal Klang zu produzieren. Der Zuhörer kann sich die gefilterte Version der originalen Besetzung samt der die Performance begleitenden Naturgeräusche anhören oder die Livemusik selbst. Das Stück wirkt in der Aufnahme als virtuose Balance zwischen Verfremdung und Brechung, aber auch als Interpretation des Originalklangs bereits im Moment seines Entstehens. Was ist Natur, was ist Musik? Spannende Hörpfade werden da angeboten.

«Komponieren ist nicht gendertypisch», sagt Barblina Meierhans, «dennoch haben Frauen bis heute keine Musikgeschichte.» Als Komponistin sei sie auch in der zeitgenössischen Szene immer noch eine Exotin. Gerade mal ein Prozent aller akademischen Stellen im musikalischen Sektor sei in Deutschland mit Frauen besetzt. Der Werkbeitrag ist nicht die erste Auszeichnung für Barblina Meierhans. Seit 2010 kommt Unterstützung für die freischaffende und – wie sie sagt – «bescheiden lebende» Künstlerin in regelmässiger Folge. So erhielt sie von der Stadt Zürich ein Berlin-Stipendium, von der Pro Helvetia eines fürs indische Bangalore. Aber auch in Deutschland wird die junge Tonsetzerin beachtet, dieses Jahr etwa mit dem Förderpreis für junge Komponisten und Musikwissenschafter des Deutschen Komponistenverbandes.

Ruhig, reflektiert berichtet Barblina Meierhans über ihre Musik und ihre Art zu komponieren. Was an ihren Kompositionen immer wieder Aufmerksamkeit errege? Da bleibt sie bescheiden, lässt aber doch das Wort Authentizität fallen, das ihr immer wieder attestiert werde.

Romantischen Schluss- akkorden auf der Spur

Für sie selbst heisst dieser sonst oft überstrapazierte Begriff, dass sie ihre musikalischen Gedanken immer an eine Grundidee gebunden sieht. Das kann eine soziologische Beobachtung sein, die eigene spezifische Wahrnehmung der Umgebung, aber auch der Blick auf musikalische Tradition oder innermusikalische Kontexte. Wie faszinierend sich diese Art von Zugang anhört, beweist ihr 2015 von der Dresdner Philharmonie uraufgeführtes Stück «Von Artefakten».

Hier untersucht Barblina Meierhans 13 Schlussakkorde romantischer Sinfonik, etwa von Schumann, Brahms oder Mahler. Da wird die Wirkung oder die Zusammensetzung des Klangs, sein Spektrogramm, aber auch die Art, wie er erzeugt, aufgenommen oder vom Publikum rezipiert wurde, reflektiert. Vermeintlich stehende Schlussklänge von Sinfonik werden plötzlich zu überraschend neugeformten Teilen, wie unter Laborbedingungen zerlegt und geheimnisvoll wieder zu neuen, so subtilen wie wuchtigen Klangfeldern zusammengesetzt.

Das gut ausbalancierte Verhältnis der Komponenten zueinander mache eine gute Komposition auch aus, sagt die Komponistin. In ihren «Artefakten» gelingt ihr das, fast wie als eine Art sinfonische Vorstudie zu ihrem neuen Thema Ordnen und Anordnen.