Wer sorgt am besten für das Wohl des Kindes?

Das Wohl des Kindes soll Richtern «oberste Richtschnur» bei ihren Entscheidungen sein. So bestimmt es das britische Gesetz «Children Act» von 1989, das der britische Erfolgsschriftsteller Ian McEwan («Abbitte», «Saturday», «Honig») seinem neuen Buch «Kindeswohl» als Motto voransetzt.

Valeria Heintges
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Ian McEwan: Kindeswohl, Diogenes 2014, 224 S., Fr. 29.90

Ian McEwan: Kindeswohl, Diogenes 2014, 224 S., Fr. 29.90

Das Wohl des Kindes soll Richtern «oberste Richtschnur» bei ihren Entscheidungen sein. So bestimmt es das britische Gesetz «Children Act» von 1989, das der britische Erfolgsschriftsteller Ian McEwan («Abbitte», «Saturday», «Honig») seinem neuen Buch «Kindeswohl» als Motto voransetzt.

Knifflige Fragen für Juristen

Die Bestimmung ist eindeutig. Aber die wahren Verhältnisse sind es oft weniger. Wenn der Vater orthodoxer Jude ist, die Mutter aber sich dem Weltlichen immer mehr öffnet – ist es dann für Zwillingsmädchen besser, wenn sie bei der Mutter oder beim Vater aufwachsen? Dürfen Ärzte siamesische Zwillinge trennen, wenn sie wissen, dass ein Baby danach sicher sterben wird?

Fiona Maye muss als Richterin am High Court in London komplexe Fragen wie diese beantworten. Die Aufgabe erfüllt sie so sehr, dass sie «dem Gesetz (gehört), wie manche Frauen früher Bräute Christi gewesen waren» (Übersetzung: Werner Schmitz). Folgerichtig gerät ihre Ehe in eine schwere Krise, als ihr Mann Jack sich in die viel jüngere Melanie verliebt.

In seinem Buch «Kindeswohl», das am Freitag in die Buchläden kommt, folgt ihr McEwan durch komplizierte Fälle ihres Berufsalltags. Vor dem Leser breitet er juristische Argumentationen und Urteile aus und macht ihn in Gerichtssälen zum stummen Zeugen langwieriger Verhandlungen.

McEwan interessieren Fälle, die die Theorie des Gesetzes hart auf die Realität prallen lassen. Sein Buch stellt – auch nach den Kindstötungen im zürcherischen Flaach – wichtige Fragen: Wer kann unter welchen Voraussetzungen am besten für das Kindswohl sorgen? Welche verschiedenen Wertvorstellungen können Eltern oder die Gesellschaft dabei haben?

Doch McEwan geht noch weiter. Basierend auf einem realen Fall muss Fiona Maye folgende Entscheidung treffen: Darf man einem 17-Jährigen eine lebensrettende Bluttransfusion verabreichen, auch wenn sowohl seine Eltern als auch er selbst diese Massnahme ablehnen, weil sie als Zeugen Jehovas Bluttransfusion als Sünde sehen?

Religion, Gott und Teufel

Faszinierend blättert McEwan diesen Fall auf, zeichnet ein differenziertes Bild der Eltern und vor allem des Jungen. In einer ungeheuer dicht beschriebenen Szene besucht Fiona Adam Henry im Hospital, diskutiert mit ihm über Religion, Gott und den Teufel, Musik und Lyrik, ist beeindruckt von seinem Humor, seiner Intelligenz, seinem starken Willen.

Zurück im Gericht wird sie ihre Entscheidung fällen. Damit, denkt sie, sei der Fall abgeschlossen. Aber ihre Verantwortung endet eben nicht «an der Tür des Gerichtssaals», wie sie bitter erfahren muss.

Wieder hat sich McEwan ein hochaktuelles Thema vorgenommen, das er kenntnisreich und spannend beleuchtet. Zuweilen gerät sein Stil zwischen all den Akten etwas papieren.