Literatur
Wer hat es auf den Pilzhändler mit dem «fetten rosa Bauch» abgesehen?

Mit «Die letzten Meter bis zum Friedhof» legt der finnische Autor Antti Tuomainen einen skurrilen Krimi um einen Todgeweihten vor, der mit Pilzen handelt und von seiner Frau betrogen wird.

Sibylle Peine
Drucken
Teilen
Der todgeweihte Jaako handelt in «Die letzten Meter bis zum Friedhof» mit Matsutake-Pilzen.

Der todgeweihte Jaako handelt in «Die letzten Meter bis zum Friedhof» mit Matsutake-Pilzen.

Keystone

Die Botschaft trifft Jaako wie ein Peitschenschlag. Sein Arzt eröffnet ihm unvermittelt, dass er bald sterben wird. Er ist das Opfer einer Vergiftung geworden. Kann das Schicksal noch viel grausamer sein? Ja. Als Jaako nach Hause kommt, um bei seiner Frau Trost zu suchen, trifft er sie in flagranti beim leidenschaftlichen Liebesspiel mit Petri an, einem Angestellten ihrer gemeinsamen Firma.

Doch damit nicht genug. Sein florierender Matsutake-Pilzhandel, den er zusammen mit seiner Frau betreibt, scheint ernsthaft bedroht. Seine Konkurrenten sind gewieft und skrupellos. Jaako, adipös und eigentlich etwas lethargisch, rüstet sich beherzt für den Kampf an allen Fronten.

Schreiend komische Lektüre

Antti Tuomainen ist einer der originellsten und erfolgreichsten finnischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Bücher haben oft einen düsteren Hintergrund. Etwa der Roman «Der Heiler», der 2013 auch in deutscher Sprache erschien, ein packender Endzeit-Thriller um einen unheimlichen Messias, der Helsinki in Angst und Schrecken versetzt. Im Vergleich dazu ist das neue Buch, «Die letzten Meter bis zum Friedhof», trotz seines beunruhigenden Auftakts eine geradezu schreiend komische Lektüre. Die Geschichte ist skurril, atemlos und voll schwarzen Humors, irgendetwas zwischen Krimi und Schelmenroman.

 Antti Tuomainen: «Die letzten Meter bis zum Friedhof», Rowohlt, 396 S.

Antti Tuomainen: «Die letzten Meter bis zum Friedhof», Rowohlt, 396 S.

Zunächst einmal scheint Jaako, der Mann mit dem Mondgesicht und dem «fetten rosa Bauch», das ideale Opfer zu sein. Über seine letzten Tage hat sich der 37-Jährige noch nie Gedanken gemacht. Wie auch: «Es gibt keine To-do-Liste. Der Tod kommt ja nur einmal im Leben.» Doch das drohende Ende setzt bei ihm ungeahnte Energien frei. Wer hat ihn vergiftet? Wer zieht Nutzen aus seinem baldigen Ableben? Sein Verdacht fällt sofort auf seine treulose Frau und ihren jugendlichen Liebhaber.

Zumal Jaako auch sonst einiges höchst seltsam vorkommt. Warum bekommen einige seiner Angestellten ausgerechnet jetzt verlockende Angebote von der Konkurrenz, einer zwielichtigen Firma, die nie zuvor im Matsutake-Handel tätig war? Hat Jaakos Frau auch dabei ihre Finger im Spiel?

Nichts mehr zu verlieren

Bei seiner Spurensuche schlägt Jaako ungewöhnliche Wege ein, er gerät in ebenso bizarre wie knifflige Situationen, die ausserordentliche Massnahmen erfordern. Zumal seine Widersacher auch nicht gerade zimperlich sind: Der Geschäftsführer der Konkurrenzfirma hat sich in seinem früheren Leben als Muttermörder einen Namen gemacht.

Jaakos unorthodoxes Vorgehen und rätselhafte Geschehnisse erwecken bald den Argwohn der Polizei. Doch viel Feind, viel Ehr. Zudem hat Jaako als Todgeweihter ja nichts mehr zu verlieren. Mit grosser Gelassenheit kann er zusehen, wie sich die Ereignisse immer weiter verwirren und zuspitzen.

«Die letzten Meter bis zum Friedhof» ist ein ebenso abgründiger wie unterhaltsamer Roman. Wer Sinn für schrägen, trockenen, geradezu britischen Humor hat, ist hier bestens aufgehoben. Ins Deutsche übersetzten den Text übrigens der bekannte Krimischriftsteller Jan Costin Wagner und seine finnische Frau Niina Katariina. Antti Tuomainen sind viele neue Leser zu wünschen. (SDA)

Aktuelle Nachrichten