Wer hat da Kitsch gesagt?

Das Konzept klingt interessant, die Umsetzung funktioniert nicht. Auch musikalisch bleiben viele Wünsche offen: Puccinis «La Bohème» am Opernhaus Zürich ist eine Enttäuschung.

Tobias Gerosa
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Interessant, aber sehr unterschiedlich: Michael Fabiano als Rodolfo und Guanqu Yu als Mimì. (Bild: Opernhaus Zürich)

Interessant, aber sehr unterschiedlich: Michael Fabiano als Rodolfo und Guanqu Yu als Mimì. (Bild: Opernhaus Zürich)

Sehr müde klatscht das Publikum auf der Bühne am Beginn des dritten Bildes der Neuinszenierung von Giacomo Puccinis «La Bohème» am Opernhaus Zürich. Mehr als eine gute Handvoll taucht nicht auf und verlässt den heruntergekommenen Theatersaal rasch, in dem Maler/Bühnenbildner Marcello und Dichter/Regisseur Rodolfo eben ihr Stück zur Aufführung gebracht haben. Irgendetwas zwischen triadischem Ballett und Kreativkurs «Wie verwende ich grosse Papierrollen?».

Mimì kommt aus dem Nichts

Der norwegische Regisseur Ole Anders Tandberg lässt die vier jungen Bohémiens diese Aufführung vorbereiten. Durch eine freistehende Theatertür taucht aus dem Nichts die Muse des Dichters Rodolfo auf – und es scheint sie erst auch nur er zu sehen: Mimì, die Stickerin mit der erloschenen Kerze und dem eiskalten Händchen.

Sehnsuchtsort Paris

Gemeinsam ziehen sie durch den plötzlich erschienenen Schneewald in ihr Paris, wo in einer aufwendigen Parade der Chor (laut) in individuellen Masken und Kostümen als Figuren von Coco Chanel und Brigitte Bardot bis Picasso und Napoléon auftritt, die den Mythos Paris verkörpern.

Das Stück im Stück, die Muse, Paris als erträumter Sehnsuchtsort – das Konzept klingt interessant und schafft überraschende Bilder, um dem so realistischen Stück neue Facetten abzugewinnen. Doch es geht überhaupt nicht auf und endet so, aus konzeptioneller Not oder ratlosen Sängern, rasch wieder dort, wo der Chor möglichst rasch auf die Bühne und von ihr ab muss und die Solisten in erster Linie ihre Töne abliefern.

Man versteht auch irgendwie, dass sie das noch mehr beschäftigt als normal, weil Dirigent Giampaolo Bisanti das Orchester so laut begleiten lässt. Die Effekte sitzen, klar, und man kann auch nicht sagen, dass die Lautstärke nicht zurückgenommen würde – aber automatisch wird's dann auch langsamer. Musikalisches Drama ginge anders.

Schwaches Ensemble

In diesem Setting hat das Ensemble es schwer und hinterlässt deshalb einen für Zürich ungewohnt schwachen Eindruck. Am besten schlagen sich die Opernstudio-Mitglieder Adrian Timpau und Shelley Jackson (als Schaunard und Musetta), aber ihre Rollen sind für die Handlung zu unwichtig. Immerhin stehen mit Guanqu Yu und Michael Fabiano zwei junge, interessante Sänger in in den Hauptpartien auf der Bühne – dass der schlanke, gut fokussierte Tenor des Amerikaners und der warme, grosse Sopran der Chinesin unterschiedlichen Besetzungstraditionen entsprechen, passt zum Gesamteindruck, der wie in Erlend Birkelands Bühnenbild Türen ins Nichts anbietet.

Zu Mimìs Tod im leeren Theatersaal hat Rodolfo noch einen kleinen Kreativitätsschub. Dann öffnet sich der Vorhang nochmals, die verschneiten Tannen stehen wieder da. Sie fahren auseinander. Da steht die Theatertür. Mit den Schlussakkorden schliesst sie sich gespenstisch. Wer hat da Kitsch gesagt?

Ganz so müde wie im Stück war der Applaus am Sonntag im Opernhaus dann doch nicht. Grosse Begeisterung hat diese «Bohème» aber nicht ausgelöst.