Wer seine Bücher liest, weiss mehr über den Autor als über den besten Freund

Jedes Leben ist spannend, wenn es gut erzählt wird. Ein Lob auf Karl Ove Knausgård, den Meister der Autobiografie.

Jürg Ackermann
Drucken
Teilen
Berichtet schonungslos und direkt über alle möglichen Erlebnisse aus seinem Leben: Autor Karl Ove Knausgård.

Berichtet schonungslos und direkt über alle möglichen Erlebnisse aus seinem Leben: Autor Karl Ove Knausgård.

Bild: Scanpix/Keystone

Karl Ove Knausgård hat nichts anderes gemacht, als sein teilweise völlig unspektakuläres Leben zu beschreiben. In sechs Bänden auf fast 5000 Seiten, mit einer bisher nie gesehenen autobiografischen Detailversessenheit. Wie hat es der norwegische Schriftsteller geschafft, damit so viele Menschen rund um den Globus zu fesseln?

Als er damit vor über zehn Jahren zu seinem Verlag gegangen sei, habe er keine grossen Hoffnungen gehabt, sagte Knausgård kürzlich der «NZZ am Sonntag». Er habe seine Autobiografie für ein Experiment in realistischer Prosa gehalten. Doch dann explodierte es in alle Richtungen. Knausgårds Bücher sind mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt, millionenfach gedruckt.

Es geht um Voyeurismus, um das Menschliche, für das sich jeder Mensch interessiert. Wer die Tausenden Seiten Autobiografie gelesen hat, weiss fast ­alles über Knausgårds Leben, aus fast unheimlicher Nähe: Als Leser habe ich literarisch seine vier Kinder aufwachsen sehen, ich war dabei, als er seine Frau kennenlernte oder als sein Vater als Alkoholiker im Elend starb.

Ich beglei­tete Knausgård auf ­seinen Sauf­touren als Student in Bergen, bei seinen oft gescheiterten Annäherungsver­suchen an das andere Geschlecht oder bei ganz banalen Dingen wie einem Junioren­fuss­ball-Trai­nings­lager in den 1980er-Jahren in Luzern. Ich hatte Einblick in sein Innerstes, wie er als 10-Jähriger Angst vor seinem Vater hatte, wie er später davon träumte, ein grosser Schriftsteller zu werden, oder was für abstruse Gedanken ihn umtrieben, als er als junger Lehrer in einem abgeschiedenen Dorf in Norwegen nördlich des Polarkreises weilte, das den Stoff seines jetzt auf Deutsch erschienenen Romans ­bildet.

Die Folge: Ich weiss weit mehr über Knausgård als über meine besten Freunde, meine engsten Ge­fährten, obwohl ich ihn nie gesehen habe, obwohl mich Norwegen bis dato als Land auch nicht wirklich ­interessiert hat.

Beim Lesen seiner Bücher entdeckt man sich selbst

Doch der Voyeurismus ist nur ein ­Aspekt. Die Leseerfahrung bei Knausgård ist viel breiter. Es geht fast schon um Magie, um die faszinierende Feststellung, wie viel Literatur im besten Fall kann. Der zentrale Punkt: Beim Lesen von Knausgårds Büchern entdeckt man sich selber. Wenn er beschreibt, was ihn als Zehnjähriger bewegte, tut er das in einer solchen Plastizität, in einer solchen Meisterschaft, dass einem ständig Bilder aus der eigenen Kindheit hochkommen, Erinnerungen, von denen man überhaupt nicht wusste, dass sie in den Tiefen des Unbewuss­ten lagen.

Man durchlebt beim Lesen die eigene Pubertät noch einmal, man findet sich als Vater wieder, wenn er auf Hunderten von Seiten seinen Alltag mit seinen Kindern beschreibt. Ja, es gibt Dinge, die zu intim sind, die man gar nicht wissen will. Wie er im letzten Band der Autobiografie die Depressionen seiner Ex-Frau schildert, später ihren Suizidversuch, wie er das Nicht-­mehr-Kontrollierbare nach einem seiner vielen Alkohol-Exzesse als Student beschreibt, ist starke Kost.

Aber Knausgård hat es geschafft, sein eigenes Leben literarisch so darzustellen und zu reflektieren, dass es, selbst wenn man in einem anderen Land, einem anderen Kulturkreis gross wurden, stellvertretend steht für andere, für ihre Sehnsüchte, ihre Träume, ihr Scheitern, ihre Hoffnungen, ihre kleinen und grossen Dramen im Alltag. Das Wundersame des Vorgangs beschreibt Knausgård so:

«Auch wenn man gewisse Dinge für sich noch gar nicht formuliert hat, sieht man sie plötzlich von einer anderen Person formuliert und denkt: Ja, genau! So fühle ich mich.»
Karl Ove KnausgårdNorwegischer Schriftsteller

Karl Ove Knausgård
Norwegischer Schriftsteller

Bild: Key

Literatur muss sich mit ­Abgründen befassen dürfen

Sein Debütroman, der 20 Jahre nach der Erst-Publikation in Norwegen nun auch unter dem Titel «Aus der Welt» auf Deutsch erschienen ist, fesselt nicht minder. Auch wenn seine Meisterschaft noch nicht ausgeprägt ist, lässt sich vieles schon erkennen: Die Fähigkeit, emotionale Tiefen auszuloten, die Detailversessenheit, das fast grenzenlose Vorstellungsvermögen, die Assoziationskraft auch, die den Leser manchmal auf ein paar Seiten von einem norwegischen Fischkutter durch die halbe Weltgeschichte und ins Weltall führt.

Knausgård hat es auch hier geschafft, das Banale und das Tiefgründige vir­tuos miteinander zu verbinden. Los­getreten hat er damit aber auch einen Skandal. Denn im ersten Teil des 900-seitigen Buches verliebt sich ein junger Aushilfslehrer in eine 13-jährige Schülerin.

In Schweden, der vorübergehenden Wahlheimat Knausgårds, wurde 2015 in moralischer Empörung über das Buch debattiert. Weil Knausgård in seinen Büchern ständig über sein Leben schrieb, konnten die Leser nicht mehr unterscheiden: War das jetzt Knausgård selber, der als junger Lehrer mit einer Schülerin eine Beziehung hatte? Ist so etwas in der heutigen Zeit überhaupt noch beschreibbar, selbst wenn es sich um deklarierte Fiktion und keinen autobiografischen Bericht handelt?

Wahrscheinlich schon. Denn wenn Lite­ratur sich nicht mehr mit den Abgründen des menschlichen Lebens befassen darf, dann macht sie sich überflüssig. Gutheissen sollte sie die Abgründe nicht, aber beschreiben dürfen. So wie das Knausgård mit seiner Biografie getan hat, in der neben dem vielen Wunderbaren auch einiges aus dem Ruder gelaufen ist.

Karl Ove Knausgård: Aus der WeltRoman, Luchterhand928 Seiten.

Karl Ove Knausgård:
Aus der Welt
Roman, Luchterhand
928 Seiten.

Bild: zvg