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Wer bin ich und warum?

Tanz, Wort und Klang verbinden sich in «Ich esse deinen Schatten» zu einem an Bildern reichen Kammerstück. Micha Stuhlmann und Beat Keller schaffen im Kult-X Kreuzlingen einen möglichen Mythos des Lebens.
Dieter Langhart
Verletzlich: Micha Stuhlmann blickt ins Publikum, im Hintergrund Gitarrist Beat Keller. (Bilder: Dieter Langhart)

Verletzlich: Micha Stuhlmann blickt ins Publikum, im Hintergrund Gitarrist Beat Keller. (Bilder: Dieter Langhart)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Eine Frau sitzt auf einem Hocker. Bedächtig schält sie ihren Apfel, die Schnipsel fallen in den Kübel vor ihr. Bleich ist die Frau, bleich auch ihr Mantel. Sie schiebt den Kübel zur Seite, legt den Mantel ab, bleich ist ihre Haut. Sie zieht eine Brille über den Kopf, legt ihren Körper nieder, der Gitarrist klopft den Körper seines Instruments. Dann beginnt die Frau zu flüstern:

«Am Anfang war kein Licht und kein Schatten.»

Sie kriecht im Kreis vor der ersten Reihe, reibt sich die Augen, starrt in die Ferne, zieht sich ein Kleid aus überlangen Ärmeln an, hebt die Knochen vor den Zuschauern auf und zieht sie wie die Flügelfinger eines Vogels an, und das Kleid wird zu Schwingen.

«Am Anfang war keine Fülle und keine Leere, keine Zeit und kein Vergehen, kein Anfang und kein Ende.» Doch «dann war da die Asche».

Archaisches Experiment aus Tanz, Wort und Klang

Harsch ist der Stückname «Ich esse deinen Schatten». Harsch sind auch die Sätze und Töne, die sich unter die Zuschauer mischen. Doch da ist auch eine Zartheit, eine Zerbrechlichkeit in Micha Stuhlmann. Das Publikum ist gebannt, bisweilen auch etwas ratlos, verhält sich mucksmäuschenstill im Kult-X.

Die Performancekünstlerin hat sich mit dem Gitarristen Beat Keller zusammengetan für ihr Experiment aus Tanz, Wort und Musik. Der dritte im Bund ist, als dramaturgischer Berater, René Schmalz, mit dem sie schon früher oft zusammengearbeitet hat. Micha Stuhlmann fügt in ihrem Kammerspiel «zehn archaische Bilder zu einer Erzählung vom ewigen Kreislauf zusammen», wie das Programmheft angibt. In ihm sind die «Lieder» abgedruckt: «Am Anfang», das an das Johannes-Evangelium anklingt, die vier «Hungerlieder», die alle mit der irritierenden Zeile «Auch die Tiere kauen am eigenen Fleisch» beginnen, bis hin zu «Tanz und Tod», das mit ebendieser Dissonanz endet.

Schrille Verzerrungen oder sanfter Walking Blues

Beat Keller begleitet nicht einfach Wort und Tanz Micha Stuhlmanns – er zieht seine eigenen Klanglinien durch das Stück. Sie sind nicht etwa Untertitel zu den Liedtexten, sie nehmen sich ihren eigenen Raum. Der Gitarrist und Komponist gibt sich ganz minimalistisch wie zu Beginn des Stücks oder setzt auf synkopierte Staccato-Töne, dann wieder holt er die Akustikgitarre hervor und zupft einen Walking Blues zum Tanz:

«Wir kauen das Fleisch von den Knochen und beten dazu, und der Hunger bleibt.»

Einmal klopft Keller den Takt auf dem Gitarrenkörper und vervielfältigt ihn mit der Loop-Station, dann streicht er mit einem Tonabnehmer über die Saiten und lässt die Verzerrungen wabern und sich überlagern oder in einem lang gezogenen Ton enden. Wieder wird er bluesig: «Wir spucken Gift und Galle und übergeben uns, geben uns hin und her, wir halten Kopf und Bauch und Hungerloch.» Nach der Vorstellung sagt ein Besucher zu Beat Keller, er hätte gern mehr Blues gehabt, worauf der lächelnd entgegnet: «Nein, weniger Blues.»

Die Performancekünstlerin Micha Stuhlmann.

Die Performancekünstlerin Micha Stuhlmann.

Alles live, alles sehr bewusst, aber auch anstrengend – denn der Zuhörer und der Zuschauer in jedem von uns sind sich oft uneinig, wer die Oberhand behalten darf und kann: Micha Stuhlmann erzeugt ebenso starke Bilder wie der Musiker.

Sie dreht den Kübel um, streut Asche aus, wälzt sich darin, tanzt darin. Sie holt das durchsichtige Blumenkleid hervor, wäscht es im andern Kübel, zieht es über, tanzt und erzählt, zieht es aus und den Mantel wieder an: Es ist «hohe Zeit, ist höchste Zeit, ist Todeszeit». Nach 70 Minuten löscht Micha Stuhlmann das Nachttischlämpchen, das rot wie das Futter ihres Mantels ist. Die Zuschauer zögern eine Sekunde, dann applaudieren sie. (Auch jene in der zweiten Klappstuhlreihe, die oft den Kopf recken mussten, wenn sich die Künstlerin am Boden bewegte.) «Ich esse deinen Schatten» ist kein Säuselstück, es verlangt völlige Hingabe mit allen Sinnen, damit das Mythisch-Surreale ankommt.

Nächste Vorstellungen: 29.3. Herisau, 25./26.4. Schaffhausen, 5.5. St. Gallen, 25.5. Hof zu Wil. Mehr auf micha-stuhlmann.com

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